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Kritik von Unternehmen - "Gegen den gesunden Menschenverstand"

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Ein Zuwanderungsgesetz für Fachkräfte ist Thema im Kabinett. Unternehmen, die sich für Flüchtlinge einsetzen, kritisieren: "Der Gesetzentwurf löst unsere Probleme nicht."

Archiv: Ein Flüchtling arbeitet in der Lernwerkstatt auf dem Gelände der Bayernkaserne in München am 19.06.2015 an einem Werkstück
Ein Flüchtling arbeitet an einem Werkstück
Quelle: dpa

heute.de: Sie kämpfen nach wie vor für den sogenannten Spurwechsel, also für ein Bleiberecht für integrierte Flüchtlinge. Warum?

Lisa Fiedler: Angela Merkel hat die Unternehmen aufgefordert: Packt alle mit an, helft beim Integrieren der Geflüchteten und helft uns, Chaos zu vermeiden. Viele Unternehmen haben angepackt. Das war nicht einfach. Wir haben viel in Geflüchtete investiert, mittlerweile sind daraus wertvolle Kollegen geworden. Es spricht gegen den gesunden Menschenverstand, dass Geflüchtete keine Perspektive erhalten sollen, obwohl sie einen festen Job haben, Steuern zahlen und gut integriert sind.


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e: Politiker fürchten, einen Anreiz für illegale Migration zu schaffen

Fiedler: Deswegen fordern wir einen Stichtag. Es geht um die Geflüchtete, die schon länger da sind und die schon einen Job haben

heute.de: Was kritisieren Sie am geplanten Gesetz?

Fiedler: Der Gesetzentwurf löst unsere Probleme nicht, sondern geht an der Praxis vorbei. Er richtet sich nur an Menschen, die bereits zwölf Monate in einer Duldung sind. Diesen Status haben aber nur die wenigsten, obwohl sie schon seit 2015 oder 2016 in Deutschland sind.

heute.de: Wie sieht die Situation bei Ihnen konkret aus?

Fiedler: In unserem Unternehmen arbeiten zwölf Geflüchtete, aber niemand ist seit zwölf Monaten in der Duldung. Der Status ist bei jedem Geflüchteten unterschiedlich, mal steht die Entscheidung vor Gericht noch aus, mal ist der Asylantrag offen. Keiner der Geflüchteten, die bei uns arbeiten, würde unter diesen Gesetzentwurf fallen. Ein Kollege arbeitet schon seit mehr als zwei Jahren bei uns und hatte immer noch keine Anhörung beim BAMF. Keiner kann sagen, wie lange das Asylverfahren dauert. Wir brauchen endlich Klarheit. Wenn gut integrierte Geflüchtete mit einem Job bleiben könnten, würde das auch die völlig überlasteten Gerichte entlasten.

heute.de: Was kritisieren Sie noch?

Fiedler: Der Gesetzentwurf ist viel zu kompliziert, vieles davon ist nicht praxisorientiert. Zum Beispiel verlangt der Entwurf: Ein Mitarbeiter muss 18 Monate in Vollzeit gearbeitet haben. Diese Zeitspanne ist zu lang. Die übliche Probezeit von sechs Monaten reicht völlig aus, um beurteilen zu können: Ist der Arbeitnehmer geeignet, langfristig für uns zu arbeiten oder nicht.

heute.de: Was sagen Sie Menschen in Brandenburg, die vielleicht auch gerne für Sie arbeiten würden?

Fiedler: Wir freuen uns über jede Bewerbung, natürlich auch aus Brandenburg. Unser Firmensitz ist allerdings am Bodensee. Die Realität sieht anders aus: Die einfachen, praktischen Tätigkeiten sind bei Arbeitnehmern weniger gefragt. Wenn wir Stellen in der Verwaltung oder im Marketing ausschreiben, bekommen wir 50 bis 70 hochqualifizierte Bewerbungen. Für unsere Produktionsstätte, die Manufaktur, haben wir höchstens ein bis zwei Bewerbungen.

heute.de: Sie produzieren auch in China, Vietnam und Myanmar. Warum lagern Sie die Produktion nicht komplett aus?

Fiedler: Für uns ist es wichtig, unseren Produktionsstandort in Deutschland zu halten. In unserer Region herrscht Vollbeschäftigung, ohne Zuwanderung geht es nicht mehr. Auch andere Branchen wie die Altenpflege stehen vor ähnlichen Problemen, die wirtschaftliche Existenzen und Arbeitsplätze bedrohen.

Das Interview führte Raphael Rauch.

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