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Auf der Aquarius - Warten auf die Rettung im Mittelmeer

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Italien versucht, seine maritimen Grenzen für Geflüchtete zu schließen. Das hat Auswirkungen auf die Arbeit der Hilfsorganisationen auf See - wie den Rettern auf der "Aquarius".

Flüchtlinge an Bord eines Rettungsschiffs
Gefährliche Passage: Flüchtlinge an Bord eines Rettungsschiffs. Quelle: dpa

"Menschen nach Libyen zurückzubringen, ist keine Rettung. Das nennt man abfangen." Francois Redons Ton ist bestimmt. Man spürt den Frust und die unterdrückte Wut des Franzosen mit der orangenen Mütze, der seit Monaten als Logistiker für die Organisation "Ärzte ohne Grenzen" an Bord des Rettungsschiffs Aquarius arbeitet.

Morgens, 8:15 Uhr an Bord der Aquarius. Wie jeden Tag treffen sich die Teams von "SOS Méditerranée" und Ärzte ohne Grenzen, die an Bord zusammenarbeiten, zum "Morning Meeting" um auf den kommenden Tag zu schauen. Wettervorhersage, Aktivitäten an Bord und Rettungsübungen bestimmen den Alltag seit der Abfahrt in Catania am vergangenen Freitag.

Unmut an Bord

Heute ist die Stimmung angespannt. Aloys Vimard, der Projekt-Leiter von "Ärzte ohne Grenzen" berichtet über ein Treffen zwei Tage zuvor in Tripolis zwischen seiner Hilfsorganisation und leitenden Offizieren der libyschen Küstenwache. Seine Zusammenfassung erregt Unmut an Bord. "Der Kolonel der Küstenwache hat uns erklärt, dass sie die Rettung vornehmen müssen, wenn sie vom MRCC (Leitstelle für die Koordination der Seenotrettung) in Rom dazu aufgefordert werden. Das kommt immer häufiger vor", erklärt Aloys. Mit Hilfe der EU-Partner finanziert Italien seit letztem Sommer den Aufbau und die Ausrüstung der libyschen Küstenwache.

Seit Tagen sind alle Blicke aufs Meer gerichtet, werden alle Anstrengungen für eine Rettung unternommen, die bislang ausbleibt. Über die Gründe wird ständig und überall spekuliert. Schlechtes Wetter? Ramadan im muslimischen Libyen? Am wahrscheinlichsten erscheint, dass Italiens Klimmzüge, seine maritime Grenze mit Hilfe der Libyer abzuschotten, erste Früchte tragen. Ein "Abkommen mit dem Teufel", für viele Kritiker.

Wenn die Flüchtenden in ihren sinkenden Schlauchbooten von der Küstenwache aufgegriffen werden, werden sie zurück nach Libyen und die "detention centers" gebracht, deren menschenunwürdige Verhältnisse für niemanden mehr ein Geheimnis sind. Das internationale Seerecht sieht vor, dass Gerettete in einem sicheren Hafen abgesetzt werden müssen. Kein libyscher Hafen entspricht aktuell diesen Kriterien.

Karte mit Libyen und Italien
Zwischen Libyen und Italien versuchen die meisten Flüchtlinge von Afrika nach Europa zu gelangen. Die Überfahrt ist gefährlich, nicht selten tödlich. Quelle: ZDF

Lybien arbeitet an den Standards

Mit Hilfe der Europäer arbeitet Libyen daran, den Standards der Internationalen Seeschiffahrts-Organisation zu entsprechen. Würde ein eigenes MRCC in Tripolis aufgebaut, dann hätte das gravierende Folgen für die Arbeit der Hilfsorganisationen, deren Boote im Mittelmeer patrouillieren. "Dann müssten wir unter der Hoheit der Libyer Rettungen vornehmen und die Menschen in Libyen absetzen", seufzt Aloys Vimard. "Das ist ein No Go".

Ärzte ohne Grenzen ist die einzige medizinische Hilfsorganisation, die noch Zugang zu einigen libyschen "Aufnahmelagern und Hafteinrichtungen" hat. Augenzeugenberichte dieser Mitarbeiter und Erzählungen Geretteter auf der Aquarius beschreiben furchtbare und unmenschliche Zustände und machen deutlich, dass dunkelhäutige Menschen dort nichts anderes sind als eine Ware inmitten eines florierenden Handelsgeflechts.

Helfer: Viele wollten nicht nach Europa

Auch die gefährliche Überfahrt nach Europa ist Teil dieses Menschenhandels. Die Helfer auf der Aquarius sind überzeugt, dass viele der Geflüchteten ursprünglich gar nicht nach Europa wollten. Sie zog es nach Libyen um Arbeit zu finden, oder sie sind von Schmugglerbanden immer weiter verkauft worden und dann dort gelandet. Der Weg übers Meer scheint für sie der einzige Ausweg aus der Hölle.

"Wir haben Berichte von Geretteten, die unter der Drohung von bewaffneten Männern in die Boote geklettert sind. Der Mann vor ihnen, der sich geweigert hat, ist erschossen worden. Also steigen sie ein", erzählt uns Panda, der vorher bei der französischen Kriegsmarine gearbeitet hat. Andere werden tagelang an den Stränden versteckt, in eingebuddelten Kanistern, und müssen in der Nacht ihre eigenen Fluchtboote zusammenbauen. "Sie zimmern ihren eigenen Sarg", seufzt der Korse.

Gefährlichste Route der Welt

Die Route über das Mittelmeer, seit Jahren die gefährlichste der Welt, ist dieses Jahr noch gefährlicher geworden. Seit Januar hat die Internationale Organisation für Migration (IOM) 388 Tote oder Vermisste im Meer vor der libyschen Küste gezählt. Das sind 2,8 Prozent derer, die, soweit bekannt, die Überfahrt gewagt haben. In den letzten drei Jahren waren es "nur" 2,2 Prozent.


"Ich konzentriere mich darauf sicherzustellen, dass diese Gewässer sicher sind, egal was kommt. Und ich glaube, dass wir unsere Aufgabe auch erfüllen, wenn wir keine Rettungen vornehmen. Mein Job ist es, diese Gewässer sicher zu machen", sagt Max Avis, der die Rettungsaktionen leitet. Damit trösten sich alle an Bord. Bis zur nächsten Rettung.

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