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Flüchtlinge auf Rettungsschiff - "Ich danke Gott, dass ich nach Europa fahre"

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Eine Gruppe von 69 afrikanischen Flüchtlingen befindet sich seit Donnerstag auf dem Rettungsschiff Aquarius in Richtung Italien. Ein ZDF-Team ist mit ihnen an Bord.

Flüchtling auf dem Rettungsschiff Aquarius
Das Rettungsschiff Aquarius nimmt vor der libyschen Küste 69 Flüchtlinge auf.
Quelle: Guglielmo Mangiapane / SOS Méditerranée

Der fünfte Tag in der Rettungszone war kaum angebrochen, da kam der Anruf: Ein Schlauchboot mit ungefähr 100 Flüchtlingen habe vor der libyschen Küste, westlich von Tripolis, einen Notruf abgesetzt. Die Leitstelle zur Koordination der Seenotrettung in Rom gibt der Aquarius den Auftrag, dorthin zu fahren. An Bord ändert sich die Stimmung augenblicklich. Seit Tagen absolvieren die Rettungsteams von SOS Méditerranée und Ärzte ohne Grenzen ein Training nach dem anderen. Dass es bis jetzt noch keinen Einsatz gab, hat an den Nerven gezerrt. Auch jetzt bleibt alles unsicher. Der Notruf kam noch aus libyschen Küstengewässern. "Da können wir auf keinen Fall reinfahren", erklärt Aloys Vimard, der Projekt-Koordinator von Ärzten ohne Grenzen.

Mit Volldampf fährt das orangene Schiff trotzdem in Richtung des Schlauchboots, dessen Position ständig verfolgt wird. Schnell wird klar, dass sein Motor noch funktioniert und es sich von der libyschen Küste entfernt. Die libysche Küstenwache, die immer öfter eingreift und die Flüchtlinge an Land zurück bringt, bleibt unsichtbar.

Wechsel der Rettungsboote

Um 13:30 Uhr ist die Aquarius vor Ort, aber die italienische Marine war schneller. Die 69 Menschen befinden sich schon an Bord eines Landungsboots der San Giusto. Die Italiener können sie aber nicht bei sich behalten. Sie müssen also der Aquarius übergeben werden. An Deck wird blitzschnell alles vorbereitet: Säcke mit Rettungswesten, Kisten mit Ankunftskits, das medizinische Material und Tragbahren. Das Ärzteteam hält sich im Hintergrund. Zwei Rettungsboote werden per Kran ins Wasser gelassen und rasen auf das Landungsboot zu.

Ein Flüchtling steigt vom italienischen Armeeschiff ins Rettungsboot der Aquarius.
Ein Flüchtling steigt vom Armeeschiff ins Rettungsboot der Aquarius.
Quelle: Guglielmo Mangiapane / SOS Méditerranée

Über das Funkgerät wird durchgegeben, dass das erste Boot unterwegs zurück ist. "An Bord sind zehn Frauen, darunter vier Schwangere. Eine ist sehr schwach". Sekunden später wird sie an Bord gebracht und vom Arzt des Teams versorgt.

Allen Frauen werden die Rettungswesten abgenommen und ein Sack mit frischen Kleidern, Wasser, einer Decke und Energiekeksen in die Hand gedrückt. Sie werden in einen besonderen Raum im Schiff gebracht, der für sie reserviert ist. Die Männer bleiben an Deck. Der Arzt begrüßt alle und überprüft im Schnellverfahren, ob sie Benzinverbrennungen oder Verletzungen haben.

"Können wir an Bord das Champions-League-Finale schauen?"

Geretteter Flüchtling
An Bord des Schiffes können über 500 Flüchtlinge Platz finden.
Quelle: Guglielmo Mangiapane / SOS Méditerranée

Nach nur einer Stunde Einsatz sind 69 Menschen wohlbehalten an Bord. Erschöpft, aber glücklich. Lilo Brisslinger und Francois Redon von Ärzte ohne Grenze heißen sie willkommen: "Ihr seid in Sicherheit auf unserem Boot. In ein paar Tagen setzen wir Euch in Italien ab." Die Männer nicken begeistert. "Wo können wir duschen?", fragt einer. Leider gar nicht, ist die Antwort. Die Aquarius kann über 500 Flüchtlinge aufnehmen, es ist aber unmöglich, allen eine Dusche zu gewähren. Nur im Fall von Benzinverbrennungen oder auf Antrag des Arztes bekommen manche eine Ausnahme.

"Können wir an Bord das Champions-League-Finale schauen?", will ein junger Mann in der ersten Reihe wissen. Verblüfft schaut das Team ihn an. Francois Redon lacht: "An Bord leider nicht." Auch wisse er nicht, ob das Boot bis dahin schon an Land sei. "Aber zum Anstoß der Weltmeisterschaft seid ihr auf jeden Fall in Italien."

Die Flüchtlinge richten sich also an Bord ein. Ihnen wird geraten, viel zu trinken, sich auszuruhen und ihre Geschichten zu erzählen, damit sie an Hilfsorganisationen weitergegeben werden können. Viele werden ärztlich behandelt: Einer hat einen gebrochenen Arm, andere haben Wunden oder Krätze. Die schwangeren Frauen, darunter zwei im neunten Monat, stehen unter ständiger Beobachtung.

"Wir sind sicher angekommen. Es ist alles gut."

"Wir vertrauen Gott. Wir sagen ihm, da möchten wir hin, sei unser Hirte!", sagt uns Ibrahim, ein junger Mann aus Ghana, voller Zuversicht. "Und er hat es getan. Wir sind sicher angekommen. Es ist alles gut." Ibrahim hat Hepatitis und hofft in Europa auf Heilung. Bei Sonnenuntergang beginnen die Nigerianer zu singen. Ein improvisiertes, inbrünstiges und lebhaftes Dankgebet.

Flüchtlinge auf dem Rettungsschiff Aquarius
Flüchtlinge beim Gebet auf der Aquarius
Quelle: Guglielmo Mangiapane / SOS Méditerranée

Alle sind voller Hoffnung und Träume. "Ich wünsche mir, in die Schule gehen zu können", sagt uns die 18-jährige Success am Ende eines Berichts über ihre lange Flucht vor Boko Haram aus Nigeria, über die Haft und die Qualen in libyschen Lagern.

"Im Gefängnis sind wir geschlagen worden, kein Essen, wir sind vergewaltigt worden. Da ist es nicht gut", berichtet auch Agostina auf dem Deck in eine Decke gehüllt. "Das war in Libyen und ich danke Gott, dass ich heute nach Europa fahre."

Sonntagmorgen werden die 69 Menschen in Catania von Bord gehen und den italienischen Behörden übergeben. Dann sticht die Aquarius für neue Rettungseinsätze wieder in See.

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