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Welt-Aids-Tag - Unwissenheit, Vorurteile, Unsicherheit

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Die Angst vor Stigmatisierung, vor Zurückweisung und Ausgrenzung wiegen auch heute noch für viele HIV-Positive schwer. Darauf weist der heutige Welt-Aids-Tag hin.

Weltaidstag
Welt-Aids-Tag Quelle: dpa

Er ist Koch aus Leidenschaft. Aus vermeintlich langweiligen Erbsen kreiert er im Handumdrehen eine gar nicht mehr öde Vorspeise: Erbsen- und Forellenmousse an Friseesalat. Er gerät ins Schwärmen: "Da ergeben sich wahre Geschmacksexplosionen im Mund." Über all das spricht er gerne. Nur seinen Namen nennen will er nicht in der Öffentlichkeit. Denn er ist nicht nur Koch, sondern zudem HIV-positiv.

Trotz HIV voll im Berufsleben

Sein Arbeitsplatz ist kein gewöhnliches Restaurant, sondern das "Estragon", ein Projekt der Aids-Hilfe Nürnberg. Lange Zeit hat er anderswo am Herd gestanden und nichts von seiner Erkrankung erzählt. Zu groß war die Angst vor den Reaktionen der Kollegen. "Irgendwann war der Druck einfach zu groß", sagt er. Seither kocht er im "Estragon" und widmet seine ganze Kraft dem Kreieren kulinarischer Finessen.

Die Angst vor Stigmatisierung, vor Zurückweisung und Ausgrenzung wiegen auch heute noch für viele HIV-Positive schwerer als die gesundheitlichen Folgen der Infektion selbst. Darauf weist der heutige Welt-Aids-Tag unter dem Motto "Positiv zusammen leben" hin. "Die Krankheit ist im Jahr 2017 kein Grund mehr, als HIV-positiver Menschen nicht einer ganz normalen Berufstätigkeit nachgehen zu können", betont Manfred Schmidt, Fachvorstand bei der Aids-Hilfe in Nürnberg.

Aufgaben der Beratungsstellen ändern sich

Sie sind tätig als Lehrer, Friseur, Arzt oder Koch und im Durchschnitt nicht öfter krank als ihre HIV-negativen Kollegen. "Ein Verdienst neuer Medikamente, die den Krankheitsverlauf bremsen und den Symptomen ihre Intensität nehmen", bestätigt Manfred Schmidt. "Viele Betroffene haben kaum noch Einschränkungen in Leben und Beruf." Nicht zuletzt deshalb haben sich auch die Aufgaben der Beratungsstellen geändert.

Eine Entwicklung, die sich auch im "Estragon" bemerkbar macht. Als die Aids-Hilfe Nürnberg das Restaurantprojekt 2005 aus der Taufe hob, war noch ein Großteil der Mitarbeitenden HIV-positiv. Heute ist es nur noch eine Handvoll der 34 Frauen und Männer, die als Koch, Beikoch, Küchenhilfe oder als Restaurantfachleute arbeiten. Das Gros der Mitarbeitenden hat inzwischen andere Einschränkungen.

Auch 2017: Stornierungen aus Angst vor Infektion

Psychisch kranke Menschen finden im "Estragon" genauso eine sinnvolle Beschäftigung und damit eine neue Perspektive, wie Schwerbehinderte oder ehemalige Drogenabhängige. "Es ist inzwischen eine bunte Mischung aus Menschen mit starken Vermittlungshemmnissen, die andernorts kaum eine Chance bekommen, sich zu beweisen", sagt Helmut Ehrhardt. Der 44-jährige Hotelfachmann bringt seine Erfahrung in der Branche als Prokurist in das Projekt ein.

Und dennoch ist das "Estragon" auch für HIV-infizierte Menschen nach wie vor wichtig. Das erlebt Helmut Ehrhardt immer wieder: "Drei- bis viermal im Jahr werden Reservierungen storniert, weil die Eingeladenen Angst davor haben, sich mit dem Virus zu infizieren, wenn ein HIV-positiver Koch in der Küche steht." In den Köpfen vieler Menschen scheinen auch heute noch die Bilder von Erkrankten aus den späten 1980er- und frühen 1990er-Jahren präsent zu sein, als die Diagnose einem Todesurteil glich.

Ansteckungsgefahr in der Küche geht gegen null

"Die Spannbreite reicht von abfälligen Äußerungen bis hin zu übler Nachrede, grundlosen Verboten von bestimmten Tätigkeiten, ungerechtfertigten Versetzungen und sogar rechtswidrigen Kündigungen", betont Manfred Schmidt. Selbst bei Menschen, die von Berufs wegen eigentlich aufgeklärt sein sollten, sei dies der Fall: "Es ist keine Seltenheit, dass Ärzte die Behandlung HIV-positiver Menschen aus Angst vor einer Ansteckung verweigern."

Unwissenheit darüber, wie eine Ansteckung möglich ist und vor allem wie nicht. Beides dominierte auch bei Nico Schlehaider. "Bevor ich hier angefangen habe, wusste ich über HIV und Aids eigentlich gar nichts", sagt der 35-jährige Küchenleiter des "Estragons". "Ich musste erst lernen, dass die Ansteckungsgefahr in der Küche gegen null geht." Am Anfang habe er noch wissen wollen, wer betroffen ist, heute interessiere es ihn nicht mehr.

Kein Mitleidsbonus

Vorurteile, Diskriminierung und Ausgrenzung. Erkrankte veranlasst es nach wie vor dazu, nichts von ihrer Infektion zu erzählen oder ihren Namen nicht zu nennen. Für Nico Schlehaiders Kollege zählt nur eines: "Es ist ein unglaublich schönes Gefühl, wenn die Leute von dem, was sie auf den Teller bekommen, begeistert sind." Darauf, dass die Gäste nicht aufgrund des Sozialtouchs ins "Estragon" kommen, ist der passionierte Koch besonders stolz. Er ist für sie nicht der HIV-Positive, sondern der Koch aus Leidenschaft.

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