Was die Hauptprobleme im Stadtverkehr sind

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Droht der Verkehrskollaps? - Was die Hauptprobleme im Stadtverkehr sind

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Pendler, Touristen, Kuriere und manches mehr machen den Innenstädten zu schaffen. Droht der baldige Verkehrskollaps, wenn alles so läuft wie bisher?

Verkehr in Innenstädten
Pendler im Berufsverkehr - eine Dauerbelastung für Menschen und Infrastruktur
Quelle: dpa

Auf der am Donnerstag beginnenden Internationalen Automobilausstellung IAA in Frankfurt wird man das nicht gerne hören, aber eigentlich brauchen wir keine neuen, sondern viel weniger Autos. Vor allem in den Großstädten. Hier ein Blick auf die Top Gründe für Stau und Co im urbanen Verkehrsraum.

Immer mehr Pendler in den Städten

"Berufspendler sind eine der großen Herausforderungen im urbanen Verkehr - aktuell wohl die größte", sagt Katharina Seifert, Direktorin am Institut für Verkehrssystemtechnik des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR). Und es werden immer mehr, die morgens zur Arbeit in die Stadt wollen und nach Feierabend wieder raus. Vornehmlich im eigenen Auto - trotz langer Staus auf den Zubringerstraßen und Autobahnen. Drei Beispiele aus dem Pendleratlas der Arbeitsagentur:

In und aus Städten wie Stuttgart oder Essen pendeln mehr Menschen, als insgesamt in den Städten versicherungspflichtig arbeiten. Die baden-württembergische Landeshauptstadt leidet besonders unter einer großen Menge an einfließendem Verkehr.

Beliebte Städte ziehen zusätzlich Millionen Touristen an

13,5 Millionen Besucher mit 32,9 Millionen Übernachtungen im Jahr: In Berlin boomt der Städtetourismus mehr als sonst wo in der Republik. Aber auch Großstädte wie Dresden, Leipzig, München, Hamburg oder Köln dürften den Trend zum Städtetrip deutlich spüren - und das nicht nur in Form steigender Umsätze durch die Besucher. "Touristen nehmen natürlich auch am urbanen Verkehr teil", so Katharina Seifert vom DLR. Und das nicht nur im Sightseeing-Bus. "Sie sind Verkehrsteilnehmer im eigenen Auto, auf dem Leihrad, dem Segway oder neuerdings auch mit E-Scootern." Belastet werde der städtische Verkehr nicht nur durch die Zahl der Gäste, sondern auch dadurch, dass sie sich als Ortsunkundige ganz anders bewegen als Einheimische.

Deutschlands Autoindustrie ist vom Innovationstreiber zum Getriebenen geworden. Der Fortschritt in Sachen E-Mobilität ist zu langsam, zu zögerlich. Das kann nicht gut gehen.

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Und mittendrin steht kurz der Lieferservice

Gestern vom Sofa aus bestellt, heute geliefert: Online einkaufen ist ganz schön bequem. Aber liefern muss es schließlich dann ja doch jemand. Blickt man auf die Entwicklung des Online-Handels in Deutschland, dann verwundert es gar nicht mehr, dass ständig irgendwo gerade ein Kurierfahrzeug mit Warnblinklicht im Weg herumsteht: 12,6 Milliarden Euro Umsatz hat E-Commerce bei uns im Jahr 2008 gemacht. Vergangenes Jahr waren es laut Handelsverband Deutschland bereits 53,4 Milliarden Euro. Tendenz weiter steigend. "Wir sehen seit einigen Jahren diese neue Form des Kurzparkens, egal ob das jetzt der Kurierdienst, der Pizzabote oder auch eine Security ist, die Bargeld aus einem Geschäft abholt", sagt Verkehrsexpertin Seifert. Auch wenn sie alle nur kurz halten: Es sind Verkehrshindernisse. "Und gerade wenn dann ungeniert auf Fahrradstreifen gehalten wird oder auf Gehwegen, dann stört es nicht nur den Verkehrsfluss, sondern wird zu einem ernsten Sicherheitsproblem für alle."

Immer und überall präsent: Der ruhende Verkehr

Irgendwie stößt man sich ja schon gar nicht mehr daran, weil wir alle so aufgewachsen sind, dass es völlig normal ist: Überall stehen parkende Autos. Jedes Fahrzeug wird nur ein Bruchteil des Tages genutzt und steht sonst unnütz herum. "Ruhender Verkehr ist ein besonderes Problem in den Städten", erklärt Katharina Seifert, "weil er erhebliche Flächen beansprucht, die man eigentlich für schwächere Verkehrsteilnehmer gestalten müsste." Klar: Wo Autos stehen, können keine Fußgänger gehen. Und wer lässt sein Kind schon gerne Rad fahren lernen, wenn zehn Zentimeter weiter ein Lackschaden für Hunderte Euro droht?

Lauter neue Teilnehmer auf derselben Verkehrsfläche

Das Moped überholt ein E-Bike, das einen E-Scooter überholt, der einen Radfahrer hinter sich lässt. Und dahinter noch ein hupendes Auto. Klingt vielleicht absurd - ist aber genau so denkbar. "Mit den elektrischen Fahrrädern und zuletzt den E-Scootern haben wir neue Verkehrsteilnehmer, die den vorhandenen Verkehrsraum nutzen und für sich mit beanspruchen", sagt Seifert. "Und manchmal hat es sogar den Anschein, als würden alle nun um diese Räume kämpfen." Wobei sich nicht nur die Frage nach einer gleichberechtigten Nutzung der Straße stelle, sondern auch nach generellen Sicherheitsanforderungen, "damit solche Verkehrsmittel nicht eine zunehmende Unsicherheit darstellen". Braucht ein E-Bike einen Blinker? Ist ein Rückspiegel am E-Scooter nötig? Macht eine generelle Helmpflicht Sinn? "Da stehen nach wie vor viele Fragen im Raum", so Seifert.

Gesetze, Menschenverstand, Mut: Was brauchen wir zur Lösung der Probleme?

Verschwinden die Autos aus der Stadt, wenn der Parkraum nur teuer genug ist? Nutzen mehr Menschen den öffentlichen Nahverkehr, wenn er günstiger wird oder gar kostenlos ist? Müssen wir neu erzogen werden, was den Individualverkehr angeht? Wird die Stadt wieder schön, wenn der City-Tourismus eingedampft wird? "Es gibt keine Patentrezepte", sagt die Verkehrsforscherin vom DLR. Und da jede Stadt ihre eigenen, oft ganz individuellen Verkehrsprobleme habe, müsse man auch von Kommune zu Kommune schauen, wo genau die Herausforderungen liegen und wo man ansetzen könne.

Auch als Radfahrer oder auf einem E-Scooter kann ich mich extrem verkehrsgefährdend verhalten.
Prof. Dr. Katharina Seifert, DLR

Fest stehe, dass "wir uns sehr genau anschauen müssen, welche Verkehrsmittel in Zukunft den Vorrang haben sollen. Wir brauchen Konzepte mit interessanten und effizienten Angeboten, die das eigene Auto zunehmend weniger interessant machen". Den eigenen Wagen stehen lassen und aufs "My car is my castle" pfeifen - gar nicht so einfach. "Ein Problem dabei ist sicherlich, dass sich die meisten Konzepte noch zu sehr auf die innerstädtischen Bereiche konzentrieren, wobei eigentlich eine Vernetzung weit in die Peripherie der Stadt hinaus wichtig wäre", sagt Katharina Seifert. Aber dies sei derzeit noch eine Kostenfrage, und schließlich müssten sich Mobilitätskonzepte auch für die Anbieter rechnen.

Öffentlicher Nahverkehr muss verlässlich sein

Für die soziale Verträglichkeit neuer Mobilität sei es wichtig, so Seifert, dass die Einhaltung der Verkehrsregeln auch überwacht werde: "Wer bewusst andere Verkehrsteilnehmer gefährdet, sollte mit entsprechenden Sanktionen rechnen müssen." Womit nicht nur Autofahrer gemeint sind: "Auch als Radfahrer oder auf einem E-Scooter kann ich mich extrem verkehrsgefährdend verhalten." Da brauche es "tatsächlich Regularien, wie die verschiedenen Teilnehmer neu geordnet werden können, auch aber nicht nur nach Verletzbarkeit".

Darüber hinaus müssten sich neue Verkehrskonzepte daran orientieren, was die Menschen im Alltag wirklich unterstützt. "Was mache ich, wenn ich einen Großeinkauf hinter mir habe und im Bus oder in der U-Bahn nicht weiß, wohin damit?" Ganz abgesehen von der Frage, ob die Rolltreppe zum Bahnsteig diesmal funktioniert. "So etwas muss reibungslos laufen, damit öffentlicher Personenverkehr auch als verlässlich wahrgenommen wird und die Menschen ohne Auto gut in der Stadt unterwegs sein können", sagt Katharina Seifert.

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