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Reiseziel Balkonien - Wenn das Geld für Urlaub nicht reicht

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Schwer vorstellbar, dass in diesen Tagen überhaupt noch jemand zu Hause ist. Die Autobahnen sind voll, die Ferienressorts auch und die ganze Republik frönt dem gediegenen Nichtstun. Fast!

Die einen wandern eine Woche im Harz, die anderen zieht es nach Italien, Spanien oder immer wieder an die Ostsee. Deutschland urlaubt in rauen Massen, und das ganze Land scheint auf gepackten Koffern zu sitzen. Umso verstörender die Zahlen, die das Europäische Statistikamt Eurostat unlängst veröffentlichte: 19,2 Prozent der Mama-Papa-Kind(er)-Familien fehlt das Geld für eine Reise. Und sogar mehr als jedes dritte alleinerziehende Elternteil muss die freie Zeit im Wohnort verbringen.

Meer sehen wär toll

Auch in der Reisekasse von Ines Kuhn aus Leipzig herrscht Ebbe. Bereits der vierte Geburtstag ihres Kleinen steht vor der Tür, doch für Meer hat es bislang nicht gereicht. "Ich würde gerne mal mit ihm zur Ostsee fahren, aber das ist derzeit nicht möglich. Ich habe mich damit arrangiert", sagt die 38-Jährige. Gerade jetzt, wo es in ihren Leben an allen Ecken und Enden knirscht, "wäre ein Tapentwechsel wunderbar". Der Platz in einer integrativen Kita für ihren Sohn lässt auf sich warten, beruflich liegt deswegen alles auf Eis, und die Zimmerdecke zu Hause streift inzwischen fast ihren Kopf.

Dieses "Nicht-weg-können" sieht Professor Michael Stark kritisch: "Man ist frustriert und fühlt sich gekränkt. Man hat sich schließlich auch angestrengt und ist urlaubsreif", erklärt der Stress- und Urlaubsexperte. Mindestens zwei, besser sogar drei Wochen brauche der Körper "Abstand vom ständigen Druck" im Alltag, betont der Arzt für Psychiatrie und Psychotherapie.

Was nicht heißt, dass eine räumliche Distanz zwischen Wohnort und der eigenen Person und Aufenthalt in einer schönen Umgebung automatisch zur Tiefenentspannung führt. Denn die Form der Erholung müsse zum Persönlichkeitstypen passen. "Urlaub ist oft ein Statussymbol, was viele zu 'falscher' Urlaubsplanung verleitet." "Falsch" im Sinne von: Für die anderen gemacht, zum Angeben in den sozialen Netzwerken, aber nicht geschaffen für den eigentlichen Urlauber und sein Maß an Erholungsbedürftigkeit. "Wer sehr erschöpft ist, und schon auf Reserve läuft, kann nicht mehr das Gaspedal durchtreten und wird nach einem Actionurlaub noch fertiger sein", weiß Stark.

Urlaub zu Hause kann aber auch entspannend sein

Kirsten Rauh fährt erst gar nicht weg. Ihr "Urlaub" ist 350 Quadratmeter groß und beginnt in dem Moment, wenn sie sich in ihr Auto setzt und zu ihrem wilden Idyll aus viel Grün im Leipziger Norden fährt. Vor etwas mehr als einem Jahr ging die 35-jährige Mutter zweier Teenager unter die Kleingärtner und schuf sich nur 15 Minuten von ihrer Wohnung entfernt ihre eigene, kleine Oase. Entsprechend "entspannt" betrachtet die Selbständige das Urlaubsgewusel im Freundeskreis. "Für mich bedeutet Urlaub mit der Familie immer Stress, denn es muss für jeden was dabei sein, damit keinem langweilig wird", erzählt sie. Dann doch lieber Füße hoch und Ruhe auf der eigenen Parzelle. "Ich genieße es, hier einfach zu sein."

Dieses Wissen um die eigenen Bedürfnisse und zu erkennen, was einem wirklich gut tut, sei bei viel zu wenigen Menschen vorhanden. "Jeder wechselt seinem Kind die nassen Socken, nachdem es durch die Pfützen gesprungen ist, damit es keinen Schnupfen bekommt. Aber die Stresszeichen und psychischen Warnsignale sind kein Alltagswissen", so Stark. Was sich auch in der stetig steigenden Zahl an Patienten mit chronischem Erschöpfungssyndrom niederschlägt, die seine Praxis aufsuchen. "Wir sind urlaubsreifer als früher. Wir sind bereit, Hochleistungen zu erbringen, reiben uns auf und erledigen unseren Job, der sich früher aus gutem Grund auf drei Leute verteilte."

Tourist in der eigenen Stadt

Doch was tun, um der Erholung genügend Platz im Leben einzuräumen, wenn der Urlaub vor der eigenen Haustür stattfinden muss? "Urlaubsstrukturen schaffen" und "zum Tourist in der eigenen Stadt werden", empfiehlt der Arzt. Einfach mal mit der Straßenbahn bis zur Endhaltestelle fahren und schauen, was es dort zu entdecken gibt, mit den Kleinen einen anderen Spielplatz besuchen oder in einem anderen Teil der Stadt ein Eis essen. Und ganz wichtig für alle Eltern, egal ob zu zweit oder allein: "sich kinderfreie Zeit nur für sich zu organisieren".

So geht Kirstens zwölfjähriger Sohn Kai für eine Woche auf Jugendweihefahrt nach Rügen und Tochter Jessica, 17, ist dank Sommerferienpass der Stadt Leipzig viel mit ihren Freunden unterwegs. Für fünf Euro kann sie die ganzen sechs Wochen Bus und Straßenbahn fahren und aus 1.000 Freizeitangeboten wählen inklusive gratis Besuch im Zoo oder einer Fahrt mit der Parkeisenbahn. Ähnliche Pakete haben auch andere Großstädte wie Köln, Hamburg oder Berlin für ihre Schüler geschnürt.

Ines Kuhn gibt derweil ihr Bestes, um ihrem Sohn den Sommer in der Stadt zu versüßen. Ein Picknick im Park, Eisessen am See oder ein Besuch im Wildpark: "Wir machen alles, worüber sich mein Kleiner freut. Lächelt er, ist alles gut!" In Gedanken ist sie bereits bei einem der nächsten Sommer, "wenn ich meinem Kleinen endlich zeigen kann, wie groß und schön die Welt noch ist".

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