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Wie Angehörige den Högel-Prozess erleben

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Ein Krankenpfleger als Mörder - Wie Angehörige den Högel-Prozess erleben

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Er raubte ihnen Ehepartner, Väter, Mütter, Großeltern: Im Prozess gegen den Patientenmörder Niels Högel steht das Urteil aus. Zwei Angehörige berichten, wie sie ihn erlebt haben.

Der wegen Mordes angeklagte Niels Högel im Gerichtssaal.
Der Prozess gegen Niels Högel geht zu Ende - für die Angehörigen bleiben Fragen offen.
Quelle: Hauke-Christian Dittrich/dpa/Pool/dpa

Zu lebenslanger Haft ist Niels Högel schon in einem vorherigen Prozess verurteilt worden. Warum dann dieses neue Mammutverfahren? Der Richter begründete dies mit Suche nach der Wahrheit vor allem für die Angehörigen der Opfer. Die Verteidigung hat ihr Plädoyer am Mittwochvormittag gehalten und Högel die Angehörigen zum Abschluss um Entschuldigung gebeten. Am Donnerstag soll das Urteil fallen.

Andrea Wenneker: Wut und offene Fragen

Andrea Wenneker verlor ihren Vater, Johann Wehrenberg, kurz vor Weihnachten 2002. Der 64-Jährige war wegen einer Lungenerkrankung ins Klinikum Delmenhorst eingeliefert worden. Sein Zustand war damals stabil. Ein paar Tage danach kam plötzlich die Todesnachricht. Erst viel später begriff sie: Ihr Vater wurde getötet von Niels Högel.

Seitdem hat sie jeden Prozesstag in den Weser-Ems-Hallen in Oldenburg mitverfolgt. Es sei eine "Achterbahn der Gefühle", sagt sie. Gespannt war sie auf den Moment, in dem ihr Fall vor Gericht verhandelt wird. Was sagt Högel? Kann er sich überhaupt daran erinnern, was er 2002 getan hat?

Tatsächlich kann Högel sich an diesen Fall erinnern: Laut Andrea Wenneker hat er folgendes vor Gericht ausgesagt: Es sei so wie immer gewesen. Er habe die Spritze aufgezogen, den Monitor ausgemacht und sei aus dem Raum herausgelaufen. Dann erinnerte sich Högel kurz, dass er zwei Tage vor Weihnachten den Verwandten wohl kein gutes Geschenk gemacht habe. In Andrea Wenneker steigt die Wut auf. Auf die Frage, warum hat er das gemacht: keine Antwort.

Über Högels Motive hätte sie gerne mehr erfahren. Besonders enttäuscht haben sie die damaligen Kollegen, die mit Niels Högel in Oldenburg und Delmenhorst auf der Station gearbeitet haben. Bei der Befragung vor Gericht, ob sie was bemerkt hatten an dem Verhalten des Pflegers, warum teilweise die Todesrate auf der Station um die Hälfte anstieg, habe es keine befriedigenden Antworten gegeben. Das sei ein Armutszeugnis, sagt Wenneker. Nach dem Urteil will sie in den Urlaub fahren - noch am gleichen Tag.

Der Fall Högel - eine Chronologie

Christian Marbach: Ein Urteil als Abschluss

Auch Christian Marbachs Großvater starb auf der Station von Niels Högel. Nach einer Routine-OP 2003 kam der plötzliche Herztod. Für die Familie war das ein Schock und ein Rätsel. Bis heute kann Marbach nicht nachvollziehen, warum es so lange dauerte, bis der Krankenpfleger aufflog. Warum er so viele Menschen töten konnte, ohne dass jemand etwas bemerkt haben wollte in den Kliniken.

Das Urteil ist für ihn ein großer Meilenstein. Christian Marbach will mit dem Tod seines Großvaters endlich abschließen. Der Prozess wurde seiner Meinung nach "gut und würdig geführt". Högel werde dann "durch und durch" verurteilt sein, sagt Marbach zufrieden. Högel selbst habe nicht die Gelegenheit genutzt, ehrlich zu sein, mitzumachen bei der Aufklärung aller Taten. "Der Ex-Krankenpfleger sei ein notorischer Lügner, ein Irrer", so Marbach.

Skandalös findet auch er, wie Klinikmitarbeiter vor Gericht große Erinnerungslücken aufwiesen über ihre Zeit mit Högel auf der Station. Wichtige Zeugen wollten oder konnten sich an nichts mehr erinnern. Gegen einige wird ermittelt wegen Falschaussage. Stellenweise habe es so gewirkt, als seien sie mit einer Taktik ins Verfahren geschickt worden, so Marbach. Nach dem Urteil will er den Fall endgültig abschließen, den "Schlüssel weglegen", wie er sagt.

Bis heute suchen Angehörige der Opfer von Niels Högel nach Antworten. Die meisten werden wohl nie erfahren, warum der damalige Pfleger tötete. Aber der Prozess und das Urteil bergen für viele zumindest eine Chance, den Verlust ihres Angehörigen zu bewältigen.

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