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Urteil im Prozess gegen Sven Lau - Scharia-Polizist, Salafistenprediger und mehr?

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Er hatte den Prozess entspannt verfolgt, Anhänger im Gerichtssaal begrüßt, sich mit Zeugen Wortgeplänkel geliefert. Doch beim Schlusswort brach es tränenreich aus Sven Lau heraus: die U-Haft, die Trennung von seiner Familie - ein möglicher Terrorhelfer zeigt Gefühle. Heute fällt das Urteil.

Mehr als 50 Verhandlungstage dauerte der Prozess im Hochsicherheitstrakt des Oberlandesgerichts Düsseldorf, viel länger als geplant. Heute wird das Urteil erwartet: Die Bundesanwaltschaft fordert sechseinhalb Jahre Haft wegen Unterstützung einer terroristischen Vereinigung.

Lau, alias Abu Adam, soll zwei Dschihadisten aus Deutschland angeworben und nach Syrien zu einer Kampfeinheit der islamistischen Miliz "Jamwa" ("Armee der Auswanderer und Unterstützer") geschleust haben. Diese Miliz hatte sich später zum Teil der Terrormiliz Islamischer Staat angeschlossen. Außerdem soll Lau drei militärische Nachtsichtgeräte nach Syrien geschickt und die Dschihadisten mit kleineren Geldbeträgen unterstützt haben.

Verteidiger fordert Freispruch

Ein Terrorist sei Lau, so der Bundesanwalt, wohl nicht. Aber: "Die Vorwürfe haben sich eindrucksvoll bestätigt." Laus Verteidiger, der gewiefte Bonner Anwalt Mutlu Günal, forderte dagegen einen Freispruch: "Wir haben nichts feststellen können, worauf man eine Verurteilung von Herrn Lau stützen könnte." Insbesondere der Hauptbelastungszeuge Ismail I. sei ein "notorischer Lügner", der sich nur eigene Vorteile verschaffen wolle.

Ismail I. ist einer der beiden Dschihadisten, die Lau 2013 nach Syrien vermittelt haben soll. Der gebürtige Libanese ist in Stuttgart aufgewachsen, im Leben mehrfach gescheitert, kein Beruf, arbeitslos, harte Drogen - das machte ihn zu einer leichten Beute der Islamisten. Er war drei Wochen im Kampfgebiet, wurde dann von seinen IS-Kommandeuren zurück nach Deutschland geschickt, um Medikamente und anderes Equipment einzukaufen. Die Polizei verhaftet ihn, er wird in Stuttgart zu viereinhalb Jahren Haft verurteilt. Nach Absitzen von zwei Dritteln der Strafe ist er seit Dezember 2016 auf freiem Fuß. Ismail I. belastet Lau schwer.

"Wenn Du stirbst, kommt ein grüner Vogel"

Er habe Lau auf einer Pilgerreise in Saudi-Arabien kennengelernt, der habe kaum noch von ihm abgelassen und ihm den heiligen Krieg und den Märtyrertod in den schönsten Farben beschrieben: "Wenn du stirbst, kommt ein grüner Vogel und holt dich ab", habe Lau gesagt. Märtyrer seien "die besten Menschen der Welt". Lau habe ihn auf den Weg nach Syrien gebracht und an einen Kontaktmann vermittelt. Ohne ihn hätte er die Sache nicht durchgezogen.

Reicht das für eine Verurteilung? Die Aussage von Ismail I. wirkt auf manche Beobachter teilweise widersprüchlich. Der psychiatrische Gutachter hatte ihn in Stuttgart als "schwach" und "unfertig" bezeichnet, auch strebe er nach Aufmerksamkeit. Viele andere Zeugen im Lau-Prozess verweigern die Aussage oder können oder wollen sich nicht mehr erinnern, andere ergreifen Partei für den Angeklagten.

Bundesanwaltschaft: Ein Überzeugungstäter

Für die Bundesanwaltschaft dagegen ist Lau ein "Überzeugungstäter". Er habe jahrelang mit Pierre Vogel, dem anderen bekannten deutschen islamistischen Prediger, ein salafistisches Netzwerk aufgebaut. So hätten Lau und Vogel zu Zeiten der Aussagen von Ismail I. in dessen Stuttgarter Prozess oft aufgeregt miteinander telefoniert. Warum, fragt die Anwaltschaft, wenn man sich doch nichts vorzuwerfen habe? In anderen abgehörten Telefonaten habe Lau gesagt: "Diese Drecksschiiten müssen langsam geköpft werden." Und: "Gelobt sei Allah für den Tag des Dschihads." Die Anklage präsentiert Fotos, die Lau in Syrien zeigen, etwa auf einem Panzer sitzend und mit einer Kalaschnikow. Lau sagt, er sei nur dreimal in Syrien gewesen, aus humanitären Gründen.

Sven Lau wurde bisher von deutschen Gerichten nicht verurteilt. Schon einmal saß er in Stuttgart einige Monate in U-Haft, musste aber freigelassen werden, weil ihm nichts nachzuweisen war. Bundesweit bekannt wurde er mit der öffentlichkeitswirksamen "Scharia-Polizei", einer selbsternannten muslimischen Moraltruppe, die mit der Videokamera durch Wuppertals Nachtleben streifte, um junge Muslime auf den aus ihrer Sicht Pfad der Tugend zurückzuführen.

Sein Predigerwerk war häufig auch in Youtube-Videos im Internet zu sehen - für viele junge Männer ein wichtiger Einstieg in den Islamismus. Schon länger hatten die Behörden beobachtet, dass junge Männer aus dem Umfeld von Sven Lau nach Syrien ausreisten, aber dafür dürfte er kaum belangt werden können.

Am Ende mit Tränen

Die U-Haft setzt Lau mittlerweile sehr zu. Sein Schlusswort nach den Plädoyers am vergangenen Mittwoch unter Tränen: Er müsse mit "Mördern und Kriminellen" in der Anstalt zusammenleben, er würde angefeindet und bespuckt, seine Kinder in der Schule gemobbt und er als "Terrorist" beschimpft. Seine Familie, Lau hat fünf Kinder von zwei Frauen, sähe er nur ab und zu durch eine Trennscheibe, könnte seine Kinder nicht in den Arm nehmen. Er bitte um ein "faires Urteil", so Lau.

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