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Trump-Kim-Gipfel in Singapur - "Beide brauchen viel Lob und Aufmerksamkeit"

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Selten hat ein Treffen so viel Aufmerksamkeit geweckt wie das von Trump und Kim. Der Gipfel in Singapur wird Geschichte schreiben, sagt Korea-Spezialistin Sue Mi Terry.

Bilder von Donald Trump (l.) und Kim Jong-un aus dem offiziellen Pressepaket des Gipfeltreffens in Singapur.
Pressepaket zum Singapur-Gipfel: Trump und Kim Quelle: reuters

heute.de: Donald Trump und Kim Jong Un treffen am 12. Juni in Singapur aufeinander. Wie sehr ähneln sich der US-Präsident und der Anführer Nordkoreas?

Sue Mi Terry: Beide sind sehr dünnhäutig, sie brauchen viel Lob und Aufmerksamkeit. Ihnen ist wichtig, was andere über sie denken. Beide können nicht gut mit Kritik umgehen und haben dieses Verlangen, als stark aufzutreten, sie wollen nicht schwach wirken. Beide sind sehr stolz, das ist eine sehr interessante Dynamik. Donald Trump soll sehr charmant sein können. Schaut man sich Kim Jong Uns Verhalten mit anderen Staatsoberhäuptern sieht man, dass auch er sehr charmant, sehr gesellig sein kann - anders als sein Vater, der sehr introvertiert war. Wer weiß: Vielleicht stimmt die Chemie zwischen Trump und Kim, und sie verstehen sich gut.

heute.de: Wird der Gipfel Geschichte schreiben?

Terry: Das tut er allein, da zum ersten Mal ein amtierender US-Präsident den Anführer Nordkoreas trifft. Schon die Optik ist historisch. Mit all der medialen Aufmerksamkeit wird es zu einer der meist gesehenen Veranstaltungen der Welt. Aber wird auch ein substanzielles Ergebnis folgen? Da bin ich mir nicht so sicher. Trotzdem ist es der Anfang von etwas.

heute.de: Erwarten Sie Ergebnisse oder wird es beim Händeschütteln bleiben?

Terry: Es gibt zwei Möglichkeiten: Entweder wird es ein PR-Stunt mit gemeinsamer Erklärung, denn auch ein reiner PR-Stunt muss an Ende irgendetwas vorweisen. Darin könnte Nordkorea zum Beispiel zusichern, nuklear abzurüsten. Das haben sie in der Vergangenheit schon mal getan. Im Gegenzug sollen sich die Beziehungen normalisieren, vielleicht ein Ende des Krieges auf der koreanischen Halbinsel beschlossen werden ...

heute.de: ... oder?

Terry: Oder Nordkorea ist tatsächlich bereit, Präsident Trump etwas mehr zu geben - denn Kim Jong Un weiß, wie sehr Präsident Trump das braucht. Vielleicht verschiffen sie ein paar ihrer interkontinentalen Raketen, jagen ein Testgelände in die Luft wie bereits in der Vergangenheit. Aber dann wird Nordkorea alles weitere in die Länge ziehen, denn das Ziel ist es, die Trump-Präsidentschaft abzuwarten.

heute.de: Also wird nach dem Gipfel wieder gedroht, verhandelt und Absichten erklärt?

Terry: Ich denke nicht, dass Nordkorea wieder provozieren und nukleare Raketen testen wird. Denn Kim Jong Un will wirklich abwarten, bis Präsident Trump nicht mehr im Amt ist. Die vergangenen Monate waren erfolgreich für ihn. Zweimal traf Kim auf den chinesischen Präsidenten Xi Jinping, er traf sich mit dem südkoreanischen Präsidenten Moon Jae In, dem russischen Außenminister. Er wirkt jetzt wie eine ganz normale Person, das normale Staatsoberhaupt eines normalen Landes. Ihm wird jede Menge Wohlwollen gezeigt, der politische Wille, Sanktionen zu verhängen, ist schwächer. Und auch die USA werden nicht wieder zu ihrer Militärrhetorik zurückkehren.

heute.de: Beide Seiten scheinen diesen Gipfel unbedingt zu wollen. Aber warum - und warum jetzt?

Terry: Kim Jong Uns Atomprogramm ist nach sieben Jahren auf einem sehr fortgeschrittenen Level. Nordkorea hat sechs Tests abgehalten, kann sich selbst als Atommacht beschreiben und möchte auch als solche wahrgenommen werden. Also ist dies ein guter Zeitpunkt, sich mit den Vereinigten Staaten an einen Tisch zu setzen und zu schauen, was dabei rausspringt. Für Trump geht es darum, etwas Historisches zu erreichen - etwas, das noch keiner seiner Vorgänger geschafft hat. Für ihn ist es ein großer PR-Moment.

heute.de: War es zu einem gewissen Maße auch die aggressive Rhetorik von Präsident Trump, die diese Annäherung möglich gemacht hat?

Terry: Auch das war ein Teil, Trump hat zum ersten Mal China dazu gebracht, Sanktionen zu verhängen. Auch dieses ganze Gerede vom "Rocket Man" auf Selbstmord-Mission, der totalen Zerstörung Nordkoreas - das hat Wirkung gezeigt.

heute.de: Was möchte Kim für Nordkorea erreichen?

Terry: Wie schon sein Vater und sein Großvater möchte er, dass Nordkorea international als Nuklearmacht akzeptiert wird - so wie Pakistan oder Indien. Dann ist er auch bereit, mit den USA zu verhandeln: als legitime und respektierte Weltmacht. Er will diese Anerkennung, diesen Respekt. Ein Bonus wäre es, wenn die Sanktionen gelockert werden, die Beziehung zu den Vereinigen Staaten besser wird, die US-Südkorea-Allianz gelöst wird oder weniger US-Truppen in Südkorea stationiert sind.

heute.de: Es ist das erste Mal, dass ein amtierender US-Präsident sich mit dem Führer Nordkoreas an einen Verhandlungstisch setzt - und das alles mit nur wenig Vorbereitung. Welche Risiken sehen Sie?

Terry: Das Risiko ist tatsächlich größer für die Vereinigten Staaten. Trump hat erst vor kurzem gesagt: "Ich brauche mich nicht vorbereiten, ich kann das." Schließlich ist er ja der beste Verhandlungsführer des Planeten, nicht wahr? Doch die Nordkoreaner haben sich seit Jahrzehnten auf das Treffen vorbereitet, Kim Jong Un denkt über ein solches Treffen nach, seitdem er im Amt ist. Aber Trump glaubt, er kann da einfach so aufmarschieren, improvisieren und auf seine Instinkte vertrauen.

heute.de: Wie schätzen Sie das Risiko ein, dass Trump sich auf einen schlechten Vertrag einlässt, eben weil er den Gipfel so dringend wollte - könnte das den USA und seinen Verbündeten, Südkorea und Japan, schaden?

Terry: Eines der Risiken ist, dass Trump zu viele Zugeständnisse macht. Dass zum Beispiel ein Vertrag nur die interkontinentalen Raketen, die das amerikanischen Festland erreichen könnten, einschließt, aber Südkorea nach wie vor von den Kurz- und Mittelstreckenraketen bedroht wird. Oder dass ein Friedensvertrag geschlossen wird, der zwar auf dem Papier gut klingt, aber dazu führt, dass US-Truppen aus Südkorea abgezogen werden.

heute.de: Wann würde der Gipfel als gescheitert gelten?

Terry: Wenn Trump einem Friedensvertrag zustimmt, die US-Truppen abzieht, aber Nordkorea sein Atomwaffenprogramm aufrechterhält. Das heißt, wir haben diesem Gipfel zugestimmt und am Ende wurde Nordkorea legitimiert, normalisiert, hat alles erreicht, was es wollte, ohne dass es seine Atomwaffen aufgeben musste.

Das Interview führte Ines Trams.

Die Akteure im Nordkorea-Konflikt

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