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Kommentar zum Trump-Besuch - Der ungeliebte Gast

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Zwei Tage besucht US-Präsident Trump London. Keinen scheint das so richtig zu freuen. Theresa Mays innenpolitische Schwäche nutzt er wie ein Piranha aus. Da muss das Kleid stimmen.

Kommentar: Ulf Röller
US-Präsident Trump besucht Theresa May: Ein Kommentar von Ulf Röller. Quelle: ZDF / reuters

Wenn es nicht läuft, dann läuft es nicht. Und es misslingen sogar die einfachsten politischen Showübungen. Die englische Premierministerin Theresa May und der amerikanische Präsident Donald Trump hatten sich vorgenommen, der Welt zu demonstrieren, wie unglaublich gerne sie sich haben. Das Familienfoto der Staats- und Regierungschefs auf dem NATO-Gipfel in Brüssel bot diese Woche eigentlich genau die richtige Kulisse, um die Herzlichkeit ihrer Beziehung vor den Augen der Öffentlichkeit zu zelebrieren. Die Presse hatte sich gerade vor der Bühne aufgebaut, da wendete sich Trump May zu und drehte sie in Richtung Kameras und fing an zu grinsen. Auch Frau May meißelte sich ein Lächeln ins Gesicht.

Donald Trump und Theresa May am 11.07.2018 auf dem NATO-Gipfel in Brüssel
Donald Trump und Theresa May auf dem NATO-Gipfel in Brüssel Quelle: epa

Nur leider hatten ihre PR-Berater bei der Wahl ihres Outfits nicht aufgepasst. Sie trug ein blaues Kleid, genau in derselben Farbe wie der Teppich, auf dem sie stand. Kleid und Teppich schienen zu verschmelzen. Aus der Ferne war nur schwer zu erkennen, wo May anfing und Teppich aufhörte. Und so wirkte es für den etwas böswilligen Zuschauer, als hätte der US-Präsident den Kopf der englischen Premierministerin im Arm, der nicht aufhörte zu grinsen.

May hat sich verrechnet

Politik ist ein brutales Geschäft. Mögen zwar Zwangsehen in unseren Breitengraden verboten sein, so gilt das aber nicht wirklich für die Mächtigen dieser Welt. Beziehungen und Freundschaften werden von bitteren Notwendigkeiten zusammengeschweißt. Die eigene Leidenschaft muss hinter den Nöten des Staates zurückstehen. So ist es wohl auch bei der Beziehung der beiden: Trump und May. Als der US-Präsident gerade das Weiße Haus eroberte, da waren viele Regierungschefs noch in einer Schockstarre. Nicht so die britische. Sie suchte angesichts der Brexit-Entscheidung dringend eine Bühne, um die Bedeutung Großbritanniens sichtbar zu machen. Nach dem Motto: Wer braucht schon Europa, wenn er Trump hat.

May eilte nach Washington, hoffnungsfroh und machtlüstern. Händchenhaltend kam sie mit Trump aus dem Weißen Haus. Damals passte wenigsten die Farbe des Kleides zum Hintergrund. Rot vor Weiß. Aber schon bald nach dem Besuch muss May klargeworden sein, dass Trumps Treuschwüre und Huldigungen hohles Gerede waren. Trump entpuppte sich schon bald als untreuer Verehrer.

Statt Händchenhalten nur die Faust

Die Liste der Dinge, die May ihn gebeten hatte, nicht zu tun, ist lang. Trotz aller Warnungen ist Trump aus dem Iran-Abkommen und aus dem Umweltabkommen von Paris ausgestiegen. Er hat einen Handelskrieg mit Europa begonnen. Er schwächt gezielt die NATO, spielt mit den Ängsten seiner Partner, streut Zweifel, ob auf die USA Verlass ist und heizt die Stimmung um den Brexit immer weiter an. Willkommen in der neuen Welt. Statt Händchenhalten bekam May von Trump die Faust. Der US-Präsident schreckte auch nicht davor zurück, kurz vor seinem Besuch noch einmal kräftig in die Innenpolitik Großbritanniens einzugreifen.

Theresa May erlebt ja gerade ihre schlimmste politische Krise. Ihre Zukunft ist so unklar wie der Brexit selbst. Ihr ärgster Feind, der gerade zurückgetretenen Außenminister Boris Johnson, will seine ehemalige Chefin vom Thron putschen. Und was macht Trump? Er schweigt nicht, sondern preist seinen Freund Boris, als wollte der den politischen Untoten zum Leben erwecken. May macht die Erfahrung, die viele mit Trump gemacht haben. Wer sich auf ihn verlässt, ist verlassen. Wer ihn als Freund hat, braucht keine Feinde mehr.

Trump teilt die Welt ein in Gewinner, das ist natürlich er, und Verlierer, das ist im Moment Frau May. Ihre Schwäche nutzt er aus. Da verhält er sich wie ein Piranha. Wenn die Blut riechen, dann werden sie erst richtig wild. Und so genießt er auch das Chaos in England seit der Bexit-Entscheidung. Er sieht darin einen Vorteil im Sinne seiner Amerika-first-Agenda. Er glaubt, so bessere "Deals" für sein Land herauszuholen.

Mehr als die Frage um Melanias Hut?

Nun besucht der US-Präsident zwei Tage die Insel. Keiner scheint sich in England so richtig zu freuen. Hunderttausende wollen gegen ihn demonstrieren. Sie werden ein aufgeblasenes Riesen-Trump-Baby über der Stadt kreisen lassen. Der US-Präsident ist ja von Größe fasziniert, aber es könnte sein Ego verletzen, als Puppe mit Windeln über London zu schweben. Das denkt wohl zumindest Theresa May, die das Besuchsprogramm so organisiert hat, dass der Mann aus dem Weißen Haus möglichst wenig von der Anti-Stimmung mitbekommt.

Was wird von dem Besuch bleiben? Treuschwüre der beiden Regierungschefs, die wir so oft gehört haben und die hohl klingen. Und der Beantwortung der wahrscheinlich spannendsten Frage: Welchen Hut trägt Melania beim Besuch der Königin? Ansonsten dürfte London im Ausnahmezustand sein. Wie schrieb der englische Guardian: "Frau May, vernageln Sie die Fenster und Türen, warten Sie ab, bis der Hurrikan Trump vorübergezogen ist und betrachten Sie dann den Schaden!" Eins will man noch hinzufügen. Tragen Sie die richtige Kleidung, wenn Sie neben dem US-Präsidenten stehen: wetterfest und Sturm erprobt!

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