Sie sind hier:

US-Studie zu Fakes auf Facebook - Verdächtige Accounts unterstützen AfD

Datum:

Eine bislang unveröffentlichte Untersuchung des Medienwissenschaftlers Trevor Davis zeigt: Tausende dubiose Facebook-Accounts, deren Echtheit zweifelhaft ist, werben für die AfD.

Wie groß ist der Einfluss gefälschter Profile im Netz? Der US-Medienwissenschaftler Trevor Davis fand in Sozialen Medien zweihunderttausend gefälschte Profile, die vor allem die Inhalte einer deutschen Partei verbreiten: die der AfD.

Beitragslänge:
2 min
Datum:

Zehntausende Accounts machen auf Facebook Stimmung für rechte Parteien wie die AfD. Eine bislang unveröffentlichte Untersuchung des Medienwissenschaftlers Trevor Davis zeigt, dass tausende dubiose Facebook-Accounts, deren Echtheit zweifelhaft ist, für die AfD werben.

Ein Facebook-Nutzer nennt sich zum Beispiel Hassen Zouidi. Sein Profilfoto zeigt einen Mann vor einer tunesischen Fahne. Der Account postet vorwiegend auf Arabisch. Daneben hat er über einhundert Seiten von AfD-Politikern und Kreisverbänden wie der AfD Groß-Gerau Süd mit "Gefällt mir" markiert.

Davis: "Das sollte die Deutschen beunruhigen"

Trevor Davis, Professor an der George-Washington-Universität, hat zehntausende derartiger Facebook-Accounts identifiziert, die nach eigenen Angaben in Afrika, Südamerika, in Osteuropa oder im arabischen Raum leben und AfD-Inhalte verbreiten. "So etwas haben wir in keinem anderen Land der Welt, das wir untersucht haben, gefunden", sagt Davis. "Das sollte die Deutschen beunruhigen."

Davis' Studie zeigt: Die AfD dominiert Facebook. Keine andere Partei erreicht mit ihren Postings eine so große Reichweite. Ordnet man die Posts aller großen Bundesparteien und ihrer Spitzenpolitiker der letzten zwei Monate nach der Zahl der hervorgerufenen Interaktionen, wie Likes und Kommentare, belegen AfD-Accounts acht der zehn Spitzenplätze. Das zeigt eine Analyse, die das ZDF mit dem Social Media Monitoring-Tool Spike durchgeführt hat. Auch andere Untersuchungen belegen die Facebook-Dominanz der AfD. Wie kommt sie zu Stande?

Eine US-Studie hat die Aktivität deutscher Parteien auf Facebook untersucht und dabei herausgefunden, dass rund 200.000 - vermutlich gefälschte - Facebook-Accounts für die AfD werben.

Beitragslänge:
1 min
Datum:

Bis zu 650 Fotoposts pro Tag

Die AfD setzt auf emotionale Themen und maximale Zuspitzung. Trevor Davis hat herausgefunden, dass die AfD bis zu 650 Fotoposts pro Tag verbreitet – mehr als jede andere Partei. Die AfD, ihre Landes-, Kreis- und Ortsverbände genauso wie zahlreiche AfD-Politiker betreiben einzelne Seiten, denen Nutzer folgen können. Das allein erklärt ihren Erfolg aber wohl nicht ganz. Die Untersuchung des Medienwissenschaftlers belegt, dass diese AfD-Seiten von zehntausenden auffälligen Accounts unterstützt werden.

"Diese Accounts", sagt Davis, "agieren alle auf ähnliche Art und Weise. Sie sollen offensichtlich eine Partei promoten." Davis sieht Anhaltspunkte, dass es sich um unechte Accounts handelt: offensichtlich nicht-deutsche Accounts, die auch nicht auf Deutsch posten und die AfD-Kreisverbands-Seiten folgen, obwohl die Account-Inhaber hunderte, teils tausende Kilometer weit von diesen Landkreisen entfernt sind: So sind laut Davis 40 Prozent der Unterstützer des Facebook-Auftritts des AfD-Kreisverbandes Zweibrücken mindestens 500 Kilometer von der rheinland-pfälzischen Stadt entfernt.

AfD hält Unterstützung aus dem Ausland nicht für ungewöhnlich

Jörg Meuthen, AfD-Spitzenkandidat zur Europawahl, erklärt auf Nachfrage des ZDF: "Dass einzelne Kreisverbandsseiten Unterstützer haben, die teilweise mehrere hundert Kilometer entfernt von diesen Kreisverbänden leben, ist in unserer Partei völlig normal. Unsere Parteimitglieder und -sympathisanten sind stark miteinander im Internet vernetzt."

Auch die Zustimmung für AfD-Gliederungen aus weit entfernten Regionen sei nichts Ungewöhnliches: "Wir erhalten immer wieder Zuschriften von Menschen aus dem afrikanischen, arabischen und südamerikanischen Raum, die uns für unsere Arbeit loben und danken. Oft handelt es sich hierbei um Auslandsdeutsche", schreibt Meuthen. Der AfD-Vorsitzende bestreitet, Fake-Accounts auf Facebook gegen Bezahlung eingerichtet zu haben. Er habe "seit mehr als zwei Jahren keinen einzigen Cent in reichweiteverstärkende Maßnahmen für Aktivitäten in sozialen Medien investiert".

Erkennt Facebook unechte Accounts?

Grundsätzlich ist es schwierig nachzuweisen, dass hinter einem Facebook-Account kein realer Mensch steckt. Das ZDF hat stichprobenartig Accounts aus den Datensätzen von Trevor Davis geprüft. Viele davon wirken tatsächlich wenig menschlich: ein Account hat beispielsweise scheinbar wahllos hunderte Seiten mit "Gefällt mir" markiert, darunter zahlreiche AfD-Seiten, aber auch die Facebookseiten von Nachrichtenmedien, von Marken oder Künstlern. Andere haben innerhalb weniger Jahre tausende AfD-Posts gelikt. Wieder andere teilen innerhalb von Minuten dutzende Posts und schreiben über jeden Post einen wortgleichen Wahlaufruf pro AfD.

Das ZDF hat Facebook eine Stichprobe der Accounts aus den von Trevor Davis zur Verfügung gestellten Datensätzen zusammengestellt: Zwanzig Accounts, die teils sehr unecht, teils ganz normal wirkten, wenn man sie aufrief. Facebooks Ergebnis: Zwei der Accounts wurden sofort gesperrt, weil sie als unecht identifiziert wurden. Sechs Account-Inhaber wurden aufgefordert, Ausweis-Kopien an Facebook zu schicken, um ihre Identität überprüfen zu können. Zwölf Accounts der zwanzig Accounts sind laut Facebook echt. Das Problem: einer dieser zwölf Accounts war ein Fake, den wir selbst kurz vor Beginn des Europawahlkampfes angelegt hatten. Unseren Account, der einzige von dem wir hundertprozentig wissen, dass er unecht ist, hielt Facebook für echt.

Facebook: müssen Systeme ständig verbessern

Für Facebook sind die Untersuchungsergebnisse problematisch. Das soziale Netzwerk steht seit Jahren im Fokus, weil es – das zeigt die Vergangenheit – anfällig für Manipulationskampagnen ist. Auf ZDF-Anfrage teilt uns eine Sprecherin des Unternehmens mit: "Wir verbessern unsere Systeme, die Fake Accounts erkennen, ständig. Wir nutzen dazu hunderte von Signalen, zum Beispiel wenn ein Account denselben Artikel in auffällig vielen Gruppen teilt oder wie sich ein Account mit anderen befreundet. Zusätzlich haben wir das Team, das Fake Accounts manuell überprüft, vergrößert. Wie auch bei anderen Sicherheitsthemen wissen wir, dass wir unsere Systeme ständig verbessern müssen, um böswilligen Akteuren einen Schritt voraus zu sein."

Zusammen mit anderen großen Technologie-Firmen hat sich Facebook deshalb gegenüber der EU verpflichtet, zahlreiche Maßnahmen zu ergreifen, die verhindern sollen, dass es im EU-Raum zu politischer Manipulation über die Plattformen der Tech-Riesen kommen kann. Teil dieser Maßnahmen ist auch der Kampf gegen unechte und verdächtige Accounts. Doch die Verpflichtungen, die Facebook gegenüber der EU eingegangen ist, sind freiwillig.

Das ZDF hat die zuständige EU-Kommissarin für Justiz, Vera Jourova, mit der Untersuchung von Trevor Davis konfrontiert. Sie sagt, man analysiere die monatlichen Berichte, die Facebook vorlege. Eine Bilanz der Maßnahmen könne man aber erst nach der Wahl ziehen.

Trevor Davis will mit seiner Untersuchung zeigen, wie neue Kommunikationsformen manipuliert werden können. "Es geht jetzt darum, wie Facebook und andere neue Technologien in unsere Zivilgesellschaften integriert werden können", sagt er. "Diese Diskussion muss zwischen Deutschland, der EU und Facebook geführt werden."

Gemerkt auf Mein ZDF! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert auf Mein ZDF! Abo beendet Embed-Code kopieren HTML-Code zum Einbetten des Videos in der Zwischenablage gespeichert.
Bitte beachten Sie die Nutzungsbedingungen des ZDF.

Die Website verwendet Cookies, um Ihnen ein bestmögliches Angebot zu präsentieren. Nähere Informationen und die Möglichkeit, die Verwendung von Cookies einzuschränken finden Sie hier.

Um Sendungen mit einer Altersbeschränkung zu jeder Tageszeit anzuschauen, können Sie jetzt eine Altersprüfung durchführen. Dafür benötigen Sie Ihr Ausweisdokument.

Sie wechseln in den Kinderbereich und bewegen sich mit Ihrem Kinderprofil weiter.