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"Veterans for Peace" - Vietnam-Reise in die eigene Vergangenheit

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Die US-Vietnam-Veteranen, die jetzt im Ex-Feindesland freundlich begrüßt werden, plagen noch immer Schuldgefühle. Mit "Veterans for Peace" wollen sie etwas wiedergutmachen.

Begegnung von US-Veteranen mit vietnamesischen Veteranen. Rechts Ron Perez, 2. von rechts Chuck Searcy, 6. von rechts Matt Keenan
Begegnung von US-Veteranen mit vietnamesischen Veteranen. Rechts Ron Perez, 2. von rechts Chuck Searcy, 6. von rechts Matt Keenan Quelle: ZDF

Es sind Tage, die sie nie wieder vergessen werden. Tage, an denen sie mit Tränen zu kämpfen haben, ihnen die Stimme bricht, sie stumm und gedankenverloren in die Leere starren. Für 40 US-Veteranen ist es eine dreiwöchige Reise in die eigene, schmerzvolle Vergangenheit. Ein Roadtrip durch ehemaliges Feindesland.

Immer noch Auswirkungen von Agent Orange

Viele der Ex-Soldaten kehren zum ersten Mal seit dem Vietnamkrieg in das Land zurück, das bis heute unter den Hinterlassenschaften der US-Armee leidet. Sie treffen Opfer von Agent Orange, einem chemischen Entlaubungsmittel, das US-Truppen großflächig über Vietnam versprüht haben und auch noch nach 50 Jahren und zwei Generationen später verantwortlich ist für Missbildungen und Behinderungen von Kindern. Sie treffen Opfer von Blindgängern, die auch heute noch zu Tausenden unentdeckt im Erdreich liegen. Und sie treffen ihre ehemaligen Gegner, die ihnen die Hand zur Versöhnung reichen.

Vietnam - Soldatenfriedhof Truong Son
Soldatenfriedhof Truong Son Quelle: ZDF

Auf dem Soldatenfriedhof Truong Son nördlich von Dong Ha in Zentralvietnam liegen 10.000 vietnamesische Kämpfer und Zivilisten begraben. Die US-Besucher werden bei ihrer Ankunft von mehreren vietnamesischen Veteranen in Uniform überrascht. "Es ist unglaublich, wie herzlich sie uns hier empfangen", sagt Chuck Searcy, 73, der 1967 für ein Jahr lang beim Militärischen Nachrichtendienst in Vietnam gearbeitet hat und nun Organisator der "Veterans for Peace"-Tour ist. "Sie sehen uns als Freunde und machen nicht uns für den Krieg verantwortlich, sondern die damalige US-Regierung."

Grauen des Krieges noch immer päsent

Die ehemaligen Gegner nehmen sich gegenseitig in den Arm, manche scherzen, lachen befreit, tauschen Erinnerungen aus. Andere wie Skip Delano hören schweigend den Ausführungen ihrer Gastgeber beim Gang durch die Gräberfelder zu, unfähig, etwas zu sagen. Seine Frau sagt später, dass sie ihren Mann noch nie derart bewegt erlebt habe. "Es ist ein harter Tag für mich", sagt auch der 71-jährige Gary Brynjulfson, der 1967 bis 1968 als Seargant in der 4. Division gedient hat. 50 Jahre habe er sich geweigert, in das Land zurückzukehren, indem er Sachen gesehen hat, die man nicht sehen sollte und die man niemanden wünscht, sie gesehen zu haben.

"Wir haben einmal einen Hügel erobert, auf dem 50 tote vietnamesische Soldaten herumlagen, die von Napalmbomben getroffen wurden. Diesen Gestank vergisst man einfach nicht", sagt Brynjulfson. Und, fügt er hinzu, man vergesse auch nicht das Glück, überlebt zu haben, gerade an diesem besonderen Ort. Mehr als 58.000 US-Soldaten starben während des Vietnamkriegs, die Zahl der Opfer auf vietnamesischer Seite wird auf über eine Million geschätzt.

Ehemalige Militärbasis noch in Teilen zu sehen

Während ihrer Fahrt von Hanoi im Norden bis Ho-Chi-Minh-Stadt im Süden des Landes überqueren die US-Veteranen die ehemalige Demarkationslinie, die das von den USA unterstützte Südvietnam vom kommunistischen Norden getrennt hat. Sie fahren entlang der Küste, überqueren kurvenreiches Bergland, folgen dem Ho-Chi-Minh-Pfad - immer auf den Spuren der Vergangenheit, ihrer Vergangenheit. Sie stoppen in Khe Sanh, der ehemaligen Militärbasis der Amerikaner an der Grenze zu Laos, die 1968 als eine der Hauptschlachten des Vietnamkrieges in die Geschichte einging.  

50 Jahre später ist die Landebahn zurückgebaut worden und von Geröll und Unkraut überwuchert, ihre Ränder und die Ausmaße sind aber noch zu erkennen. US-Flugzeuge und -Helikopter stehen als Trophäen in der Landschaft. Eine Mischung aus Freilichtmuseum und Disneyland. "Damals gab es keine Seitentüren", sagt Gary Brynjulfson vor einem Hubschrauber der Marines. "Ich saß immer am Rand, so dass ich im Falle eines Absturzes hätte herausspringen können." Es hat etwas unfreiwillig Komisches, dem klein gewachsenen Rentner mit stattlichem Bauchumfang zuzuhören. Vielleicht errät er den Gedanken des Reporters, denn er sagt lachend: "Früher war ich drahtiger."

In Gedanken bei den Toten

Ron Perez ist nicht zum Lachen zumute. Für den 73-Jährigen ist Khe Sanh noch immer ein beklemmender Ort. "Ich habe Kameraden und Freunde im Vietnamkrieg verloren", sagt der Veteran der 9. Division leise, während er durch ehemalige Schützengräben und Unterstände geht. "Meine Gedanken sind jetzt bei ihnen." Auch für den Ex-GI, der mit T-Shirt, Vollbart und ergrauten Locken wie ein Alt-Hippie aussieht, ist es die erste Reise nach Vietnam seit dem Krieg. Er sagt, die Gefühle überwältigen ihn. Es sei schwer, Erinnerungen und Gedanken in Einklang zu bringen. "Einige von uns sind zurückgekehrt, um ihre Dämonen zu bekämpfen", sagt Chuck Searcy später im Bus.

Man fragt sich unweigerlich: Was hat dieser Krieg mit den jungen US-Soldaten gemacht? Mit all den 19-, 20-Jährigen, die zumeist ein Jahr lang in Vietnam kämpften und dann in ein Land zurückkehrten, das sie nicht zwingend als Helden empfangen hat. Wenn man mit Chuck, Gary, Ron und Skip spricht, wird schnell klar: Der Krieg hat sie noch immer fest im Griff.

Landminen-Entschärfung als Wiedergutmachung

Chuck Searcy lebt heute in Vietnam und leitet dort "Veterans for Peace". Er arbeitet mit dem vietnamesischen "Project Renew" zusammen, das mit internationaler Hilfe Landminen aufspürt, sie entschärft und in Schulen vor ihren Gefahren warnt. Für ihn sei es eine Art von persönlicher Wiedergutmachung, sagt er. Ron Perez betreut seit 1975 Veteranen, die nach ihrer Rückkehr straffällig geworden sind, in einem Gefängnis in San Francisco. Gary Brynjulfson ist Chef der Sektion der "Veterans for Peace" in Wisconsin und serviert in einem Café jeden Samstag kostenlos Suppe und Sandwich für Ex-Soldaten.

Und dann gibt es noch Matt Keenan. Der 68-Jährige lebt mehrere Monate im Jahr in Da Nang, wo er Anfang der 70er Jahre gekämpft hat und dort nun ehrenamtlich im "Dava-Center" arbeitet, einem Betreuungsort für behinderte Kinder: "Das sind meine Kinder hier", sagt er stolz, "sie sind Spätopfer von Agent Orange." Matt macht die Reise der US-Veteranen ebenfalls mit und kennt dort, wo die Truppe auf Opfer des Krieges trifft, weder Scheu noch Berührungsängste.

Noch immer von Schuldgefühlen geplagt

Und auch die Kinder im Dava-Center begegnen den Ex-Soldaten ohne Hemmungen. Sie wuscheln ihnen durchs Haar, spielen mit deren Handys und nehmen sie in den Arm. Dennoch, viel Zeit bleibt nicht. Die Tour geht weiter, nach My Lai, dem Ort des grauenvollsten US-Kriegsverbrechen, nach Ho-Chi-Minh-Stadt zum Krankenhaus Tu Du, wo behinderte Waisenkinder betreut werden. "Wenn man sieht, was wir in diesem Land angerichtet haben, dann müssen wir einfach helfen", sagt Chuck Searcy.

Die ehemaligen Soldaten sind heute fast alle Rentner. Sie sind nicht alle mit sich im Reinen, manche von ihnen plagen noch immer Schuldgefühle, manche von ihnen leiden selbst unter den Spätfolgen von Agent Orange. Aber sie haben überlebt. Und stellen sich ihrer Vergangenheit.

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