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Tag der Deutschen Einheit - Vereint und doch nicht eins?

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Heute feiert Deutschland 28 Jahre Einheit. Aber ist da wirklich zusammengewachsen, was zusammengehört? Eine Reise durch den Osten des Landes.

Verwitterter Schriftzug aus der Wendezeit "Gemeinschaftswerk Aufschwung Ost" in Magdeburg
Auf ihrer Reise durch den Osten Deutschlands trifft Barbara Hahlweg auch auf Ostdeutsche, die sich von der Politik im Regen stehen gelassen fühlen.
Quelle: dapd

Ich war gewarnt worden: Wenn ich als ZDF-Journalistin in den Osten reise, dann müsste ich damit rechnen, angepöbelt zu werden. Die Warnungen erwiesen sich als unbegründet. Zu meiner Freude. Ich war überrascht, wie groß die Bereitschaft der Menschen war, zu erzählen, wie es ihnen geht - 28 Jahre nach der Wiedervereinigung. Manchmal musste ich auch schlucken.

Zum Beispiel, als ein Schaffner im Zug nach Bischofferode mein Ticket sehen wollte und erzählte: Mich würde er ja gerne kontrollieren, aber all die Flüchtlinge, die so täten, als wüssten sie nicht, dass man hier fürs Fahren ein Ticket braucht - die hätte er dick. Die hätten auch schon zwei seiner Kolleginnen mit Messern attackiert. Schuld an allem sei Merkel. Und ich würde das schon auch noch begreifen, wenn erstmal meine Familie dran sei.

Vereint und doch nicht eins? - Barbara Hahlweg ist unterwegs im Osten Deutschlands und geht dieser Frage nach. Sehen Sie die Reportage am 3. Oktober 2018 ab 19:30 Uhr im ZDF oder jederzeit hier in der ZDFmediathek.

Beitragslänge:
43 min
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 Noch immer Ost-West-Debatte oder schon Einheit?

Eine ganz andere Begegnung in Jena: mit Christian Otto Grötsch, in seiner riesigen, hip eingerichteten Büroetage mitten in der Innenstadt. Grötsch ist ein junger Unternehmer und höchst erfolgreich mit seiner Online-Agentur für E-Commerce. Diese Ost-West-Debatte, sagt er, sei doch längst überholt. In seiner Firma spüre er keine Unterschiede mehr, da gebe es Bayern, Thüringer und Sachsen, keine Ost- und Westdeutschen. Man müsse nach vorne schauen.

240 Mitarbeiter hat er und ist damit die Ausnahme im Osten. 90 Prozent der Unternehmen dort haben weniger als 10 Mitarbeiter. Große Unternehmen, die gut dotierte Jobs bieten, sind selten. Genau das ist ein Teil des Strukturproblems. 28 Jahre nach der Einheit liegt der Osten immer noch zurück - was Wirtschaftskraft, Löhne und Renten angeht. Er wird vermutlich auch nie ganz aufholen, sagt Wirtschaftsexperte Joachim Ragnitz vom ifo-Institut. Aber das heißt ja nicht, dass man im Osten nicht gut leben kann. Ragnitz kam aus dem Westen in den Osten und will dort auch bleiben - in Bitterfeld.

Barbara Hahlweg mit Fotograf Sven Gatter in Bitterfeld
ZDF-Moderatorin Barbara Hahlweg in Bitterfeld.
Quelle: ZDF/Bettina Wobst

Selbsthilfe im Hartz-IV-Dschungel

Mit am meisten beeindruckt hat mich Lutz Stein in Dresden. Er und seine Frau sind vor Jahren arbeitslos geworden und haben gemerkt, wie schwer es ist, sich im Hartz-IV-Dschungel zurechtzufinden. Daraufhin haben sie einen Selbsthilfeverein gegründet, für sozial und finanziell Benachteiligte. Jetzt hilft Lutz Stein Betroffenen. Und protestiert dagegen, Arbeitslosigkeit als privates Problem, gescheiterte Existenzen als Versager zu sehen, ohne ihnen eine zweite Chance zu geben.

Er erzählt, dass sich die Leute in seinem Bezirk verarscht fühlten, im Stich gelassen von der Politik. 1989 sei Kanzler Helmut Kohl gekommen und habe von blühenden Landschaften gesprochen, dass alles besser werde und spätestens in zehn Jahren der Standard angeglichen sei. Seitdem machten die Politiker immer wieder dasselbe: versprechen, versprechen, versprechen. Im Endeffekt ändere sich nichts für die Leute, die Mieten würden immer teurer - es gebe viel zu wenig Wohnungen, die bezahlbar seien. Und viel zu wenig Jobs, die Leute mit relativ niedrigem Bildungsniveau bekommen könnten. Die, die Glück hatten oder clever genug waren, die hätten es geschafft. Viele seien aber auf der Strecke geblieben. Die seien seit der Wende arbeitslos. Das übertrage sich auch auf ihre Kinder; eine vererbte Hartz-IV-Abhängigkeit.

Enttäuscht, dass die Versprechen nicht eingehalten werden

Lutz Stein bringt auf den Punkt, was mir der Soziologe Raj Kollmorgen bestätigt. Er nennt es die "permanente Enttäuschungskurve". Den Ostdeutschen seien gleichwertige Lebensverhältnisse versprochen worden. Stattdessen erleben sie, dass immer nur Geld für die Anderen da ist: erst für die Banken - bei der Bankenkrise, dann für die Griechen - bei der Griechenlandkrise und jetzt für die Flüchtlinge. Aber nicht für sie, um die Lebensverhältnisse wie versprochen anzugleichen. Das kränkt.

Fakten zu Ost und West

Dazu kommt, dass die Ostdeutschen nach wie vor kaum in Spitzenpositionen vertreten sind. Gerade mal 1,7 Prozent der Chefs stammen aus Ostdeutschland. Dabei kommen 17 Prozent der deutschen Bevölkerung aus Ostdeutschland.

Es lohnt sich, sich diese Statistik der Ungleichheit vor Augen zu führen. Noch viel mehr lohnt es sich, den Menschen zuzuhören. Schon um das liebenswerte Motto von Lutz Stein zu erfahren: Es ist nicht schlimm zu scheitern, wenn Du danach gescheiter bist. Er selbst hat übrigens wieder Arbeit. Neben seinem ehrenamtlichen Engagement hat er sich selbstständig gemacht, als Eventanbieter von Ton- und Lichtequipment.

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