Sie sind hier:

Big Brother Awards 2018 - Negativpreis für Daten-Sammler

Datum:

In Bielefeld wurden die Big Brother Awards 2018 verliehen. Unter den Gewinnern ist auch eine App für Arbeitgeber, die die mentale Gesundheit ihrer Angestellten überwacht.

Überwachungskamera
Kameras überwachen immer häufiger Straßen und Plätze Quelle: ZDF

In Bielefeld sind die diesjährigen Big Brother Awards verliehen worden. Der Negativpreis wird seit dem Jahr 2000 jährlich an besonders dreiste Datensünder aus Politik, Wirtschaft und Verwaltung vergeben. In der Kategorie "PR und Marketing“ ging er diesmal nicht an eine Einzelperson oder ein Unternehmen, sondern an das Konzept der "smarten Stadt“. Kluge Verkehrsleitsysteme optimieren den Straßenverkehr. Videokameras überwachen rund um die Uhr Straßen und Plätze.

Mit dem Werbebegriff "Smart City" versuchten Technikkonzerne wie IBM, Siemens, Cisco oder Microsoft, Städten und Gemeinden ihre Vision einer "sicheren Stadt" zu verkaufen, sagte Laudatorin Rena Tangens vom Verein Digitalcourage, der die Big Brother Awards vergibt. Doch der vermeintliche Zuwachs an Sicherheit und Bequemlichkeit werde teuer erkauft. Die Städte würden mit Sensoren und Kameras zugepflastert, die Bürger auf Schritt und Tritt überwacht.

Privatsphäre von Asylsuchenden verletzt

In der Kategorie Verwaltung wurde die sächsische Softwarefirma Cevisio mit einem der sechs Negativpreise des Abends "geehrt". Die Firma hat eine Software für Flüchtlingsunterkünfte entwickelt. Das Programm wird in über 280 Aufnahmeeinrichtungen verwendet und verwaltet die Daten von mehr als 380.000 Flüchtlingen. Basis für die Datenerfassung ist eine Ausweiskarte mit RFID-Chip oder Barcode, die jedem Flüchtling ausgehändigt wird. Mit der Karte bewegen sich die Flüchtlinge in ihrer Unterkunft.

Die Software erfasst unter anderem jedes Betreten und Verlassen des Gebäudes, jede Essensausgabe, alle medizinischen Untersuchungen, die Ausgabe von Wäsche, Kleidung und Taschengeld sowie Religions- und Volkszugehörigkeiten, erklärte Laudator Thilo Weichert von der Deutschen Vereinigung für Datenschutz. Dadurch ermögliche sie die Totalkontrolle der Asylbewerber und zeige anschaulich, "auf wie vielen Ebenen Privatsphäre verletzt werden kann".

App schickt Gesundheitsdaten an den Chef

"Gesundheitsdaten von Beschäftigten in die Hände von Arbeitgebern zu legen, ist ein Tabubruch“, sagt Peter Wedde, Professor für Arbeitsrecht an der Fachhochschule Frankfurt und Laudator für den Big Brother in der Kategorie Arbeitswelt. Exakt diesen Tabubruch begehe die Münchener Firma Soma Analytics mit ihrer Smartphone-App "Kelaa“, die die mentale Gesundheit ihrer Anwender überwacht und die Daten an die Arbeitgeber der Nutzer weitergibt.

Die Gesundheitsdaten würden dem Arbeitgeber aggregiert und anonymisiert übermittelt, erklärt die Firma auf ihrer Webseite. Mit den Daten der App könne man den mentalen Gesundheitszustand einzelner Abteilungen und Personengruppen eines Unternehmens ermitteln. Dann aber sei auch der Weg zur Identifikation eines bestimmten Mitarbeiters nicht mehr weit, meint Wedde. Soma Analytics sei deshalb ein hervorragender Kandidat für den Big Brother Award in der Kategorie Arbeitswelt.

Datensünder-Oscar für "Alexa"

Amazon und Microsoft standen schon öfter auf der Big-Brother-Datensünderliste. Auch 2018 fehlen sie nicht. Amazon wurde für seine digitale Sprachassistentin Alexa ausgezeichnet. Alexa speichert alle Nutzerbefehle als Audiodateien auf Amazon-Servern in den USA. Wie lange die Dateien dort vorgehalten würden und wer darauf Zugriff habe, sei nicht bekannt, sagte der Datenschutzaktivist padeluun als Laudator für den Big Brother in der Kategorie Verbraucherschutz.

Deutliche Worte fand Frank Rosengart vom Chaos Computer Club in seiner Laudatio für Datensünder Microsoft. Schon 2002 wurde der Konzern für sein datenschutzunfreundliches Lebenswerk "geehrt“ – offenbar ohne nachhaltige Wirkung. Windows 10 schickt permanent Nutzerdaten an Microsoft. Selbst versierten Anwendern falle es schwer, diesen Datenfluss zu stoppen, sagte Rosengart, der den Big Brother für Technik an Microsoft verlieh.

Preis für CDU und Bündnis 90/Grüne

In der Kategorie Politik wurden die Fraktionen von CDU und Bündnis 90/Die Grünen im hessischen Landtag für ihre Pläne ausgezeichnet, das hessische Verfassungsschutzgesetz zu reformieren. Der schwarz-grüne Gesetzentwurf enthalte eine "gefährliche Ansammlung gravierender Überwachungsbefugnisse“, mit denen tief in Grundrechte eingegriffen werden könne, begründete Laudator Rolf Gössner von der Internationalen Liga für Menschenrechte die Preisvergabe.

Die Website verwendet Cookies, um Ihnen ein bestmögliches Angebot zu präsentieren. Nähere Informationen und die Möglichkeit, die Verwendung von Cookies einzuschränken finden Sie hier.

Gemerkt auf Mein ZDF! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert auf Mein ZDF! Abo beendet Embed-Code kopieren HTML-Code zum Einbetten des Videos in der Zwischenablage gespeichert

Sie wechseln in den Kinderbereich und bewegen sich mit Ihrem Kinderprofil weiter.