Sie sind hier:

Ökobilanz von Verpackungen - "Papier kein Stück besser als Plastik"

Datum:

Immer mehr Einzelhändler achten auf die Verpackungen ihrer Waren. dm und Rossmann starten im Sommer eine Offensive gegen Plastikmüll. Was bringen solche Initiativen?

Paprika in Plastikverpackung im Supermarkt
Paprika in Plastikverpackung im Supermarkt

Die Drogeriemarktkette dm startet gemeinsam mit dem Konkurrenten Rossmann und Herstellern wie Henkel und Beiersdorf eine Offensive gegen Plastikmüll. In den Regalen aller dm-Märkte soll von Juni an gekennzeichnet werden, welche Produkte mit wenig Verpackung auskommen. Jedes einzelne Produkt soll zudem mit dem Hinweis versehen werden, wie die Kunden es richtig entsorgen und wie hoch der Rezyklat-Anteil der Verpackung ist. Rezyklat ist bei Plastik der wiederverwertete Kunststoff. dm hatte im vergangenen Herbst das Rezyklat-Forum gegründet, dem mittlerweile 25 Unternehmen angehören. Darunter sind Hersteller wie Beiersdorf, Henkel und Procter & Gamble, Entsorger wie Interseroh und auch der dm-Konkurrent Rossmann.

Sind solche Initiativen sinnvoll? Wir haben mit Dr. Henning Wilts, Leiter der Abteilung Kreislaufwirtschaft am Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie, gesprochen.

heute.de: Was halten Sie von Vorstößen wie aktuell von dm und Rossmann?

Henning Wilts: Diese neue Initiative zeigt - wie die vieler anderer Wettbewerber - deutlich, dass die Kunden aktuell hoch verunsichert sind und mehr Transparenz einfordern. Nachdem wir uns jahrzehntelang auf unserem Selbstverständnis als "Recyclingweltmeister" ausgeruht haben, realisieren wir zurzeit, dass wir speziell bei den Verpackungsabfällen noch weit von einer Kreislaufwirtschaft entfernt sind - nur circa zehn Prozent der Verpackungsmaterialien kommen aus dem Recycling, der Rest ist noch immer Neuware. Das zu ändern, braucht die Zusammenarbeit vieler unterschiedlicher Akteure - von den Verpackungsdesignern bis hin zu den Recyclern. Das ist das eigentlich spannende am Reyzklat-Forum, wo ja nicht nur dm und Rossmann dabei sind.

heute.de: Wird der Verbraucher solche Hinweise auf Verpackungen beachten und bei seiner Kaufentscheidung mit einbeziehen?

Wilts: Lange Zeit haben die Verbraucher Rezyklat als minderwertig wahrgenommen und gemieden - das ändert sich aktuell deutlich: Die Nachfrage nach hochwertigem Sekundar-Kunststoff ist riesig, die Märkte sind leergefegt. Die Kunden fühlen sich mitverantwortlich an Plastikexporten ins Ausland oder Plastik im Meer und wollen etwas tun; manche gehen in Unverpackt-Läden, andere achten zunehmend auch auf Rezyklatanteile. Gleichzeitig explodiert aber auch die Zahl der neuen Logos, der Selbstverpflichtungen ... Wichtig wäre hier, den Verbraucher nicht zu überfordern, sowie klare Kriterien, um die verschiedenen Maßnahmen auch richtig einordnen zu können: Wer ändert tatsächlich etwas, wer betreibt eher nur Greenwashing?

Beim Thema Entsorgungswege ist eindeutig, dass hier massiver Handlungsbedarf besteht. Was in welche Tonne gehört, lässt sich aktuell niemandem sinnvoll erklären, ist selbst für Experten kaum nachvollziehbar und führt zu den extrem hohen Fehlwurfquoten. Hier sind eindeutig die Dualen Systeme in der Pflicht und testen zurzeit auch verschiedene Maßnahmen.

Die Deutschen verbauchen 220 Kilo Verpackung pro Kopf pro Jahr.

Deutsche Müll-Spitzenreiter - 220 Kilo Verpackungen pro Kopf

Kaufen, aufreißen, wegwerfen - Verpackungen haben meist eine kurze Lebensdauer. Nirgends fällt in der EU pro Kopf mehr Verpackungsmüll an als in Deutschland.

heute.de: Manche Produkte müssen in Plastik verpackt werden, beispielsweise Sushi. Was kann man dabei verbessern?

Wilts: Speziell das Aufkommen an Plastikabfallverpackungen hat sich in Deutschland in den letzten 20 Jahren verdoppelt, unter anderem weil wir immer mehr unterwegs essen. Gleichzeitig gibt es aber auch genug Beispiele wirklich überflüssiger Verpackungen. Die Vermeidung ist also die eigentliche wichtigste Aufgabe. Gleichzeitig erfüllen Verpackungen aber auch vielfältige Funktionen - uns ist zum Beispiel überhaupt nicht geholfen, wenn wir durch Verzicht auf Verpackungen mehr Lebensmittelabfälle verursachen würden. Hier sind innovative Lösungen gefragt, die über das reine Austauschen von Plastik durch Papier oder noch schlimmer Alufolie gehen - beide Materialien sind in der Ökobilanz kein Stück besser. Wenn wir weg wollen von unserem linearen System der Verpackung, die wir häufig nur aufreißen und wegschmeißen, hin zu wirklich ressourcenschonenden Lösungen, wird das nur funktionieren, wenn wir ganz vorne anfangen: Wie lässt sich die gleiche Funktion und Qualität erreichen, ohne dass wir zum Beispiel die Hälfte der Verpackungsabfälle verbrennen müssen, weil sie häufig aus zu vielen vermischten Kunststoffen bestehen?

Gelber Sack

Neues Verpackungsgesetz - Damit der Gelbe Sack kein Alles-Sack bleibt

Was gehört in welche Tonne? Darüber sollen die Deutschen besser informiert werden. Denn vieles landet im Gelben Sack, was dort nicht reingehört. Die Folge: miese Recyclingquoten.

von Dilay Avci

heute.de: Ist es sinnvoll, eigene Verpackungen und Behälter von zuhause in die Läden mitzubringen?

Wilts: Mehrweglösungen werden mit Sicherheit eine wichtige Rolle spielen. Immer mehr Supermärkte zeigen ja auch, dass das logistisch wunderbar funktionieren kann. Speziell bei den Hygienestandards darf es natürlich keine Kompromisse geben. Gleichzeitig bedarf es häufig nur konkreter Absprachen, wie das mit eigenen Verpackungen funktionieren kann. Das Risiko darf am Ende nur nicht auf die Mitarbeiter hinter der Theke abgewälzt werden.

Das Interview führte Petra Mertens.

Gemerkt auf Mein ZDF! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert auf Mein ZDF! Abo beendet Embed-Code kopieren HTML-Code zum Einbetten des Videos in der Zwischenablage gespeichert.
Bitte beachten Sie die Nutzungsbedingungen des ZDF.

Die Website verwendet Cookies, um Ihnen ein bestmögliches Angebot zu präsentieren. Nähere Informationen und die Möglichkeit, die Verwendung von Cookies einzuschränken finden Sie hier.

Um Sendungen mit einer Altersbeschränkung zu jeder Tageszeit anzuschauen, können Sie jetzt eine Altersprüfung durchführen. Dafür benötigen Sie Ihr Ausweisdokument.

Sie wechseln in den Kinderbereich und bewegen sich mit Ihrem Kinderprofil weiter.