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Tausende Mosambikaner - DDR-Vertragsarbeiter warten auf Geld

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Sie kamen mit großen Hoffnungen. Auf Ausbildung, gutes Geld, Anerkennung bei ihrer Rückkehr in ihre afrikanische Heimat. Doch große Teile ihres Lohns wurden nie ausgezahlt.

Treffpunkt der Madgermanes in Maputo
Treffpunkt der Madgermanes in Maputo
Quelle: imago

Als Adelino Massuvira 1980 die lange Reise aus dem südostafrikanischen Mosambik ins ferne Europa antrat, war er gerade 19 Jahre alt. Er wollte studieren in der DDR, am liebsten was Technisches, um später beim Aufbau seiner Heimat zu helfen. Denn dort tobte ein Bürgerkrieg - ausgebrochen kurz nach dem langen Kampf um Unabhängigkeit von der portugiesischen Kolonialherrschaft.

Statt Studium Dreischicht-Arbeit am Fließband

Auf seinen Start in der DDR blickt er mit gemischten Gefühlen zurück: "Mit offenen Armen sind wir nicht gerade empfangen worden. Viele DDR-Bürger interessierten sich nicht für uns", erzählt er, "es gab auch wenig Kontakte jenseits der Werktore". Anders war das unter den Kollegen: "Die Atmosphäre war gut, denn das oberste Ziel war die Planerfüllung." Nur seine persönlichen Ambitionen rutschten in weite Ferne. Arbeitete er am Anfang noch als Dolmetscher, fand er sich bald im Dreischichtbetrieb wieder, ackerte am Fließband, beim Mopedhersteller "Simson Suhl".

Seinen Lohn bekam er nicht komplett ausgezahlt. 25 Prozent sollten "transferiert" werden, wie es hieß. "Angeblich sollte das Geld unseren Konten in Mosambik gutgeschrieben werden. Denn ich hatte tatsächlich ein Sparbuch einer Mosambikanischen Bank mitgebracht. Wir haben der Regierung geglaubt, dass das Geld nach unserer Rückkehr als Startkapital ausgezahlt werden würde." Tatsächlich hat er - wie die meisten der Vertragsarbeiter auch - keinen Pfennig davon gesehen. Und es sollte noch schlimmer kommen.

Große Teile des Lohns wurden einbehalten

Ab 1986 wurden dann sogar 60 Prozent des Geldes transferiert, was über dem Nettolohn von 350 DDR-Mark lag. Offiziell natürlich freiwillig. Tatsächlich aber wurde Druck auf die Mosambikaner ausgeübt, die entsprechenden Vereinbarungen zu unterschreiben: "Man hatte uns psychologisch so bearbeitet, dass weder wir, noch unsere Familienangehörigen verstanden, was da mit uns geschah", beschreibt Massuvira. "Außerdem waren wir sehr jung und zu unerfahren, um solch komplexe Dinge zu erfassen und zu verstehen."

Diese "komplexen Dinge", das war ein Vertragswerk zwischen der DDR und Mosambik. Vor 40 Jahren, am 24. Februar 1979, unterschrieben Erich Honecker und Samora Machel das "Abkommen über die zeitweilige Beschäftigung mosambikanischer Werktätiger in sozialistischen Betrieben in der DDR". Das war kein einseitiges Entwicklungshilfe-Projekt, sondern beruhte auf gegenseitigen Interessen: Die DDR brauchte Arbeitskräfte vor allem im Bergbau, in Industrie und Landwirtschaft, und Mosambik Maschinen und Know-how zum Aufbau seiner Industrie - und auch viel Geld. "Noch im Herbst des gleichen Jahres reisten die ersten 447 jungen Mosambikaner in die DDR ein", erzählt Ralf Staßfurt. Er war damals im "Staatssekretariat für Arbeit und Löhne" verantwortlich für alle Mosambikaner der DDR. Für sie war "im Abkommen dann geregelt, dass ein Teil des Lohns und der Sozialversicherungsbeiträge nach Mosambik 'transferiert' wird."

Bis zum Ende der DDR waren mehr als 20.000 junge Mosambikaner in 245 Betrieben beschäftigt. Und ihr Geld wurde eben nicht "transferiert" - um es später an sie auszuzahlen. Im Gegenteil.

Löhne zur Tilgung von Staatsschulden

"Die DDR hatte die Volksrepublik Mosambik seit ihrer Befreiung vom Kolonialismus wirtschaftlich unterstützt", erklärt Ralf Straßburg. "Dabei liefen erhebliche Schulden auf, die Mosambik nicht tilgen konnte." Also wurde nach Möglichkeiten zur Reduzierung der Schulden gesucht. Zumal die DDR selbst in den 80er Jahren zahlungsunfähig war. "In der Praxis heißt das, die von den Vertragsarbeitern transferierten Beträge wurden von Anfang an im gegenseitigen Einvernehmen beider Regierungen nicht nach Mosambik überwiesen, sondern in der DDR in die zwischenstaatliche Verrechnung miteinbezogen, um somit zum Schuldenabbau des Landes beizutragen."

In den Jahren 1982 bis 1990 ging es so anscheinend um Lohnanteile von circa 74,4 Millionen US-Dollar. Geld, das die zurückgekehrten Vertragsarbeiter in Mosambik dann nie erhalten haben. "Auch die Auszahlung der in der DDR erworbenen Rentenansprüche ist noch immer nicht für alle geklärt", ergänzt Straßburg.

Systematischer Betrug von Anfang an

Der Historiker Hans-Joachim Döring beschäftigt sich seit mehr als 20 Jahren mit dem Thema. Für ihn ist dieses Konstrukt ein "systematischer Betrug" an den mosambikanischen Vertragsarbeitern. Auch weil sie von Anfang über die wahren Hintergründe des "Transfers" im Unklaren gelassen wurden. Er möchte den Mosambikanern zu ihrem Recht verhelfen - zumindest jedoch zu einem Stückchen Gerechtigkeit.

Döring ist einer der Organisatoren der Konferenz "Respekt und Anerkennung", die sich jetzt in Magdeburg diesem Thema widmet. Er möchte, dass "die Vertragsarbeiter mit ihren unter die Räder des ausklingenden Ost-West-Konflikts geratenen Biografien die Aufmerksamkeit erhalten, die sie verdienen. Und ihre Lage wie ihre Forderungen öffentlich diskutiert und mit Respekt behandelt werden." Für die Bundesregierung ist die Sache erledigt, die DDR hätte nach ihrer Kenntnis ihre Verpflichtungen erfüllt, so ist das Problem für sie ein innermosambikanisches.

Fremde im eigenen Land

Vor 40 Jahren wurde das Abkommen über den Einsatz von Mosambikanern in der DDR unterzeichnet. Vor knapp 30 Jahren verloren die meisten der Vertragsarbeiter ihre Jobs und wurden abgeschoben. Zurück in ihrer Heimat waren sie nicht mehr gewollt, gelten seitdem als Störenfriede, verschmäht im eigenen Land. So geht’s den meisten ehemaligen Vertragsarbeitern schlecht, erzählt Massuvira: "Die stehen noch heute vor dem Nichts. Man hat ihnen die Jugend geraubt und sie um ihren Lohn betrogen. Auf dem mosambikanischen Arbeitsmarkt konnten die meisten keinen Fuß fassen, sie werden einfach nicht angestellt." Noch immer gehen vielen von ihnen jeden Mittwoch in Maputo auf die Straße. Sie fordern nicht nur den einbehalten Lohn und Rentenzahlungen. Sondern vor allem auch: Anerkennung und Respekt.

Eindrucksvolle Einblicke in das heutige Mosambik liefert der Fotograf Mário Macilau. Früher lebte er selbst auf der Straße, bekannt wurde er mit Bildern von Straßenkindern in seiner Heimat:

Mário Macilau

Der Fotograf Mário Macilau - Mosambik in Nahaufnahme

Früher lebte er selbst auf der Straße: Der mosambikanische Fotograf Mário Macilau ist bekannt geworden mit Bildern von Straßenkindern in seiner Heimat.

von Lucia Weiß
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