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Verseuchte Böden in Frankreich - Das giftige Erbe des Ersten Weltkriegs

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100 Jahre nach dem Ersten Weltkrieg gibt es entlang der Frontlinie noch immer Stellen, wo nichts mehr wächst. Mögliche Gefahren für die Gesundheit bleiben weitgehend unerforscht.

100 Jahre nach Ende 1. Weltkrieg existieren in Frankreich noch immer so genannten Rote Zonen. Arsen und andere Gifte machen Leben und Landwirtschaft dort unmöglich.

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Trélon in Nordfrankreich. Ein 3.000-Seelen Dorf mit roten Backsteinhäusern und einem hübschen Schlösschen, wo 1917 sogar Kaiser Wilhelm der II. abgestiegen ist, umgeben von weiten Waldflächen. Der Geologe Daniel Hubé kennt sich hier aus, führt uns in den Wald. Vor kurzem sind Bäume gefällt worden, an manchen Stellen stehen Mauerreste. Wir erreichen eine Lichtung. Der Boden ist schwarz. Er ist aber nicht verbrannt, er ist verseucht. Hier wächst seit 100 Jahren nichts mehr.

Wald in Trélon
Eine Lichtung im Wald von Trélon: schwarzer, vergifteter Boden. Quelle: ZDF

"Wir sind hier an einem besonderen Ort", erklärt Daniel Hubé. "Hier stand die erste Fabrik des Briten Francis Norman Pickett, wo nach dem Krieg deutsche Munition vernichtet wurde. Pickett hat hier seine Methoden getestet und damit sowohl die französische Regierung, als auch die Briten und die Belgier überzeugt". Insgesamt gründete Pickett danach 14 der 200 Fabriken, in denen Munitionen des Ersten Weltkriegs vernichtet wurden.

Francis Norman Pickett, mitte mit Hut und Stock (Archivbild)
Francis Norman Pickett - Bildmitte (Archiv) Quelle: Daniel Hubé

Am Ende des Krieges lagerte die deutsche Armee in Trélon. Dort befand sich auch ein großes Munitionsdepot, das teilweise vor dem Abzug von den Deutschen in die Luft gesprengt wurde. Der Rest wurde dann in den folgenden Jahren in Picketts Fabrik zerstört. Insgesamt 28.000 Tonnen deutsche Granaten haben die Arbeiter hier verbrannt. Dann wurde die Fabrik geschlossen, und der Ort geriet in Vergessenheit.

Arsen und Kadmium sickern ins Grundwasser

Seit Jahren durchstöbert Daniel Hubé im Auftrag der Regierung zivile und militärische Archive, sucht mit Hilfe alter Schienenstränge und Fotos nach den Orten, in denen diese Fabriken standen. Denn, davon ist er überzeugt, an vielen dieser Stellen ist der Boden verseucht, vielleicht auch das Grundwasser. Und es könnte Gefahr für die Bevölkerung bestehen.

"Das ist keine Erde hier, das ist Industriemüll", sagt er und stochert mit einer Schaufel im Boden herum. Was wir für Steinchen gehalten haben, sind Granatsplitter, Metallstückchen, die nach der Verbrennung übrig geblieben sind. "Am Ende des Krieges hatte Deutschland große Probleme, Rohstoffe zu beschaffen. Also waren die Granaten aus minderwertigen Metallen gefertigt, unter anderem aus Kadmium. Das ist hochgiftig", erklärt uns der Geologe.

An mehreren Stellen im Wald finden sich außerdem Glassplitter. "Das sind Überreste kleiner Flaschen, die in den deutschen Blaukreuzgranaten waren. Sie enthielten eine Arsen-Mischung, die bei den Feinden Brechreiz hervorrufen sollte, damit sie gezwungen waren die Gasmasken abzunehmen", erläutert Hubé. "Das Arsen liegt jetzt hier im Wald. Wenn es regnet, sickert all das Gift in den Boden, ins Grundwasser". Umfassende Messungen hat es hier aber noch nicht gegeben.

Infokarte Carcassonne - Frankreich
Die Orte Trélon, Muzeray und Spincourt in Nordfrankreich Quelle: ZDF

Ganz anders, als einige hundert Kilometer von Trélon entfernt, in Muzeray, einem tristen Dörfchen bei Verdun, im Osten Frankreichs, wo eine der berühmtesten Schlachten des Ersten Weltkrieges stattgefunden hat. Im Juli 2015 ist hier sieben Landwirten vom Präfekten, dem Vertreter des Staates, mitgeteilt worden, dass ein Teil ihrer Felder durch Arsen und Schwermetalle verseucht sei.

Agrarland wird gesperrt - Schadenersatz bleibt aus

Am stärksten betroffen war Cédric Servais. So wie früher seine Eltern baut er hier auf 50 Hektar Land Getreide an und hält Milchkühe. "Sie sind eine Woche vor der Ernte gekommen, haben mir 40 Hektar gesperrt. Ein Teil meiner Herde ist getötet worden", erzählt der junge Mann im ZDF-Interview. Entschädigt worden ist er nur teilweise. Bis heute sind sieben Hektar immer noch nicht wieder freigegeben.

"Hier ist nie etwas gewachsen. Wir wussten, dass hier im Krieg etwas passiert war, wie überall in unserer Region, aber wir wussten nicht was", erklärt Cédric Servais an einer kahlen Stelle mitten auf einem Feld hinter seinem Hof. Wo heute seine Felder liegen, stand in den Zwanziger Jahren eine Fabrik der Firma Clere et Schwander, die 1,5 Millionen Giftgas-Granaten und 300.000 andere Geschosse des Ersten Weltkriegs vernichtet hat. Ein alter Werbekatalog der Firma zeigt Arbeiter in Wachsanzügen mit Atemgeräten. Erst waren es Kriegsgefangene, später Gastarbeiter aus dem Maghreb oder Polen.

Fabrik von Clere et Schwander in Muzeray (Archivbild)
Clere-et-Schwander-Fabrik in Muzeray (Archiv) Quelle: Daniel Hubé

2014 war Daniel Hubé in das nahegelegene Dorf Spincourt geschickt worden, um den sogenannten Gasplatz im Wald zu untersuchen. So entdeckte er, dass sich auf dieser Lichtung – ähnlich wie in Trélon – ein Industriekomplex befand, in dem nach dem Krieg Geschosse vernichtet worden waren. Der Staat hat Messungen angeordnet und daraufhin 110 Hektar Agrarland gesperrt.

Ein Département als Müllhalde

Historische Dokumente zeigen, dass die Bevölkerung sich damals gegen die Errichtung dieser Fabriken gewehrt hat – allerdings vergeblich. Das Département Meuse, vom Krieg gezeichnet, war die "Müllhalde Frankreichs", erklärt Hubé. Hier wurden Geschosse vernichtet, die man in der Champagne und der Picardie gefunden hatte – doch dort wurde das Agrarland als wertvoller eingestuft.

Alle Fabriken hatten damals Verträge mit dem Staat. Heute fragen sich viele, wie diese hochgiftigen Tätigkeiten in Vergessenheit geraten konnten. Warum wurde die Bevölkerung, die seit Jahrzehnten einem potentiellen Risiko ausgesetzt ist, so lange im Ungewissen gelassen? Weder in Trélon noch in Spincourt oder Muzeray sind die betroffenen Orte abgesperrt. Wie viele andere solche Orte es gibt, bleibt unklar.

Farbikarbeiter in Trélon (Archivbild)
Arbeiterinnen und Arbeiter in Trélon (Archiv) Quelle: Georgina Pickett

Cédric Servais ist verbittert. "Wenn man sich vorstellt, dass hier so eine Fabrik gestanden hat. Und man dann getan hat, als hätte es sie nie gegeben. Und jetzt, 100 Jahre später kommt man drauf, und man ignoriert oder vergisst mich". Seine Forderungen nach Schadenersatz sind bis jetzt unbeantwortet geblieben. "Wenn ich das gewusst hätte, hätte ich die Felder nie gekauft".

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