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Das Gefühl, der Abschwung und die Daten

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Konjunktur - Das Gefühl, der Abschwung und die Daten

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Die Wirtschaftslage ist stets ein Thema - dieser Tage ganz besonders, da allenthalben ein Konjunktureinbruch prophezeit wird. Aber ist das die Realität?

Archiv: Container auf dem Containerterminal in Bremerhaven
Die Konjunkturdaten sind mies. Aber ist es wirklich so schlimm?
Quelle: dpa

Die Propheten des wirtschaftlichen Geschehens haben es nicht leicht. Zwar werden Umfragen und Stimmungsbilder inzwischen computergesteuert immer rationaler, auch billiger und aktueller - aber sind sie damit schon realistisch? Oft verhalten sich die deutschen Verbraucher am Ende doch ganz anders als es etwa die Strategen des Konsumklima-Index der GfK in Nürnberg so gedacht haben. Dann heißt es: Gewichten, analysieren, ausbalancieren was das Zeug hält.

Zahlen malen düsteres Bild

Der berühmt-berüchtigte Ifo-Geschäftsklima-Index, der gerade aktuell eine ganz miese Stimmung in der deutschen Unternehmenswelt signalisiert, sinkt damit auf jahrelang ungekannte Niveaus. Geht man nach den Zahlen und Daten der Wirtschaftsforscher, so sollte man sich in Deutschland derzeit warm anziehen, auch wenn die Witterung dieses Bild eigentlich verbietet.

Seit Wochen melden die für das Land entscheidenden Wirtschaftszweige sinkende Nachfrage, steigende Kosten und mangelnde Innovation. Das beginnt beim Maschinenbau, der seinen Exportmarkt in China gefährdet sieht, denn das dortige Wachstum soll offiziell dieses Jahr nur wenig über sechs Prozent liegen. Man merke auf: Ein solcher Zuwachs der Wirtschaftsleistung wäre in Deutschland Zeichen für den Überhitzungs-Kollaps - die Kapazitäten hätte die hiesige Wirtschaft gar nicht. Für ein aufstrebendes Schwellenland ist es aber eher mäßig.

Schielen auf Chinas Märkte

Doch China konnte gar nicht ewig in Boomstimmung bleiben. Mancher wiegte sich aber in dieser Annahme und sah vor dem inneren Auge die zackige Absatzkurve stets nach oben streben. Wobei nicht klar ist, wie die chinesischen Zahlen überhaupt zustandekommen: Schließlich handelt es sich immer noch um eine staats- und parteikontrollierte Kommandowirtschaft - da dürften manche Daten auch nach Bedarf geliefert werden.

Jedenfalls hängt von Asien und von der Weltkonjunktur vieles ab für die deutsche Exportwirtschaft. Und wenn die Experten derzeit skeptisch sind, sollte man ihnen nicht grollen: Der Brexit wird momentan ziemlich chaotisch neu aufgerollt, immer neue Zollideen aus den USA verhageln jede Prognose, und die Weltwirtschaft hat auch noch Krisenherde im Blick, die man längst abgeschaltet wähnte: Der ölreiche Nahe Osten, Iran und Arabien etwa; wobei der Syrienkonflikt mit all seinen Weiterungen vielleicht aus dem Bewusstsein, aber keineswegs aus der Welt ist.

"Minuswachstum" klingt besser

Die feinere Philosophie des Konjunktureinbruchs beinhaltet denn auch stets das Gegenteil. So setzt sich das Gesamtbild aus Tausenden Daten zusammen, deren Fortschreibung in die Zukunft seit jeher ein heißer Ritt sein kann. Im Jahr der Finanzkrise 2008 lagen alle Experten daneben - es wurde in Deutschland ein Minusrekord beim Bruttoinlandsprodukt, der gesamten Wirtschaftsleistung also, und der denkenswerte Begriff "Minuswachstum" ersetzte das profanere "Schrumpfung".

Heute, offenbar nahe dem Scheitelpunkt eines langen Aufschwungs, laufen die Wetten andersherum: Wer prophezeit die Delle als Erster und Bester? Eine momentane Bestandsaufnahme allerdings bietet ein sehr widersprüchliches Bild. Die erwähnten Negativmeldungen aus der Industrie sind die eine Seite, dagegen herrschen in der öffentlichen Meinung weiterhin Zuversicht und eine gewisse Nonchalance. So schlimm wird es schon nicht werden, und uns geht es ja noch Gold.

Wenn Absatzrekorde bei VW eine Tagesmeldung sind, Startups aus der Industrie neue Techniken anbieten, Arbeitskräfte dringend gesucht werden (obgleich viele Branchen abbauen) und der Bundesbürger zwar meint, allen gehe es vielleicht nicht so gut, ihm persönlich aber bestens - dann passen die Daten unter dem Strich nicht so ganz zusammen. Da bleibt wohl nur, das Geschehen einfach abzuwarten, wie in den guten alten Zeiten.

Reinhard Schlieker ist Redakteur im ZDF-Wirtschafts- und Finanzteam.

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