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Videospiel zum Ersten Weltkrieg - "Naivität war wichtig"

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Das Filmstudio Aardman Animations wagt sich mit "11-11: Memories Retold" erstmals an ein Videospiel. Das Thema Erster Weltkrieg ist unbequem, das Resultat aber ist beeindruckend.

Das Video-Spiel will mit stark künstlerischem Ansatz das Gedenken an den Ersten Weltkrieg vor allem für jüngere Generationen präsent machen.

Beitragslänge:
5 min
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Eine Katze jagt eine Taube. Die beiden Tiere sind 1917 in den Tunneln unter den Schützengräben von Vimy in Nordfrankreich gefangen. Immer wieder setzt die Katze zum Sprung an, immer wieder ist die Taube schneller. Sie verbringen Tage dort unten und man bekommt langsam das Gefühl, die beiden hätten sich auf irgendeine seltsame Art und Weise angefreundet. Den Krieg, der um sie herum tobt, nehmen sie dabei nicht wahr.

In "11-11: Memories Retold" erwachen impressionistische Gemälde durch ausgeklügelte Technik zum Leben, werden interaktiv und erzählen zwei Schicksale aus dem Ersten Weltkrieg. Bisher einzigartig in der Geschichte der Videospiele.

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2 min
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"Tiere kennen keine Grenzen. Noch verstehen sie das Konzept des Krieges nicht." Diese Perspektive sei dem Team wichtig gewesen, erklärt der Creative Director des Videospiels 11-11: Memories Retold, Daniel Efergan. "Nationalismus und Konflikt sind sehr menschliche, konstruierte Ideen." Doch letztlich bildet das Spiel die Natur der Tiere ab. Katzen jagen nun mal Tauben. Und wenn 11-11 am Ende auf eine Erkenntnis hinausläuft, dann wohl die, dass es in der Natur des Krieges liegt, vielen Menschen Leid und Tod zu bringen.

Screenshot: 11-11: Memories Retold
Ein sogenannter Shader löst die Bilder in meist grobe Pinselstriche auf, lässt Objekte so aussehen, als seien sie von Impressionisten gemalt.
Quelle: Bandai Namco

Die Katze ist Kurt zugelaufen, einem deutschen Ingenieur, der an der Front seinen vermissten Sohn sucht. Die Taube wurde von Harry, einem kanadischen Kriegsfotografen, gesund gepflegt und weicht nicht mehr von seiner Seite. Kurz nachdem sich die beiden Tiere begegnen, kreuzt sich auch das Schicksal der zwei Soldaten. Der Krieg macht sie zu Feinden, aber ihre gemeinsame Notlage in den Tunneln zwingt sie zur Zusammenarbeit.

Wird sie diese Begegnung zu Freunden machen? Ist die gemeinsame Erfahrung stark genug, die Befehle ihrer Vorgesetzten und die Natur des Krieges zu überwinden? Das sind die zentralen Fragen dieses bemerkenswerten Videospiels.

Ein persönlicher, emotionaler Blick auf den Ersten Weltkrieg

Screenshot: 11-11: Memories Retold
Der Spieler steuert abwechselnd Harry und Kurt. Zeitweise übernimmt er auch die Katze und die Taube.
Quelle: Bandai Namco

11-11 ist in vielerlei Hinsicht besonders. Es ist das erste Videospiel des renommierten Filmstudios Aardman Animations im englischen Bristol, bekannt für Knet-Figuren wie Wallace & Gromit und Shaun, das Schaf. In enger Zusammenarbeit mit dem französischen Spielentwickler Digixart haben sie einen interaktiven Film geschaffen, der letztlich erzählerische Elemente vor die Spielemechanik stellt. Die Geschichte verwebt die Schicksale von Kurt und Harry eng miteinander und wirft auf diese Weise einen sehr persönlichen, emotionalen Blick auf den Ersten Weltkrieg.

Für David Sproxton, einen der beiden Gründer und Studioleiter bei Aardman, war es vor allem ein persönliches Anliegen, den historischen Stoff auf diese Weise aufzuarbeiten. "Ich hatte einen Großonkel, der im Ersten Weltkrieg gekämpft hat. Er war eigentlich Geschichtsprofessor in Cambridge und wurde 1917 getötet. Ich habe viele Gegenstände aus seinem Nachlass. Das hat mich sehr berührt. Und je mehr ich über ihn herausfand, desto mehr interessierte ich mich für die Frage: Worum ging es in diesem Krieg?"

"Fingerabdrücke auf digitalen Arbeiten"

Genauso besonders ist die visuelle Darstellung des Spiels, die an Impressionisten erinnert. "Bram ist unser Art Director und er hat noch nie an einem Spiel gearbeitet", erzählt Daniel Efergan. "Seine Naivität war wichtig. Darauf haben wir bewusst gesetzt. Er konnte Fragen stellen wie 'Warum kann ich das nicht machen? Warum geht jenes nicht?'" Erst durch diese naive, unbelastete Herangehensweise von Bram Ttwheam entstand die ungewöhnliche visuelle Darstellung des Spiels, die den Bildern ein handgemachtes, analoges Aussehen verleiht. Das mag zu dem Image von Aardman passen. Dabei wird dort seit Jahren hauptsächlich digital gearbeitet.

Screenshot: 11-11: Memories Retold
Screenshot: 11-11: Memories Retold
Quelle: Bandai Namco

"Rund drei Viertel dessen, was das Studio produziert, sind komplett computer-generiert", erzählt Ttwheam. "Obwohl die Außenwelt zu großen Teilen meint, dass wir mit unseren Händen arbeiten. Wir versuchen natürlich, diesen Ethos des Handgemachten in alle unsere Arbeiten zu übertragen. Und daher stammt wohl auch die Idee, sich einem Videospiel mit einem malerischen Stil zu nähern. Wir möchten Fingerabdrücke auf unseren digitalen Arbeiten hinterlassen, wenn man so will."

Auch wenn das eigenwillige Spiel womöglich nicht zum Bestseller wird, dürfte es durchaus historische Fingerabdrücke hinterlassen. Visuell und erzählerisch bricht es mit vielen Konventionen bisheriger Videospiele und setzt neue Maßstäbe. Yoan Fanise, Creative Director bei DigixArt, glaubt, dass sich das Medium langsam verändern muss. "Videospiele gibt es seit einigen Jahrzehnten. Und vielleicht sind wir an einem ähnlichen Punkt angelangt, an dem Kinofilme zu Zeiten der Nouvelle Vague in Frankreich waren. Godard und alle anderen Regisseure haben sich damals plötzlich entschieden, die Regeln zu brechen."

Der Autor ist Redakteur beim ZDF heute journal und Experte für Videospiele.

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