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Videospiele mit ernstem Inhalt - Papierflieger, die von Darfur erzählen

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Manche Videospiele schaffen es, sich der Themen Depressionen oder Mobbing anzunehmen, aber trotzdem ein Unterhaltungsprodukt zu bleiben. Oft sind diese autobiografisch.

Lange Zeit waren viele Videogames als schlichte Ballerspiele verpönt. Doch es gibt immer mehr Entwickler, die sich mit ernsten Themen wie Depression oder Mobbing beschäftigen und damit offenbar einen Nerv treffen.

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2006 soll der renommierte Spielentwickler Raph Koster auf einer Konferenz seinem Medium keine ernsten Themen zugetraut haben. Das sei so, als ginge man auf einen Hersteller von Papierfliegern zu und verlange von ihm, Papierflieger über Darfur zu machen, sagte er. Koster zielte damit auf ein Spiel ab, das auf der Konferenz präsentiert worden war. In "Darfur is Dying" sollte der Spieler mehr über Flüchtlinge im Sudan erfahren, über ihr Schicksal und die Beweggründe für ihre Flucht. Kosters Vergleich war damals umstritten. Heute erscheint er einfach nur falsch.

Games for Change

Denn "Darfur is Dying", ein Gratisspiel, das im Browser lief, erreichte seitdem Millionen von Menschen und wurde eines der bekanntesten Games for Change, wie sie zum Teil genannt werden: Videospiele, die sich ernsten Themen annehmen, die etwas bewirken oder verändern können. Freilich war dieses Beispiel eher bescheiden produziert und wurde noch als ein sogenanntes Newsgame beworben. Der informative, pädagogische Aspekt prangte also wie ein Warnhinweis auf dem Produkt.

Inzwischen sind es aber auch große Produktionen, die sich ernster Themen annehmen. Und längst schaffen es solche Spiele, gleichzeitig Unterhaltungsprodukt zu sein und Spieler zu fesseln. "Hellblade: Senua's Sacrifice" von 2017 beispielsweise dreht sich um eine keltische Kriegerin und thematisiert die Psychosen der jungen Frau. In der Serie "Life ist Strange" geht es um das Erwachsenwerden. In dem kürzlich erschienenen "Sea of Solitude" verarbeitet eine Berliner Entwicklerin das Gefühl der Einsamkeit, das sie in einem früheren Lebensabschnitt beherrschte. Weitere Spiele der vergangenen Jahre thematisieren Kindesmisshandlung, Alkoholismus, Widerstand im Dritten Reich oder Krebstod. Fast alle von ihnen sind autobiografisch.

Videospiel über Mobbing

Screen Tunnels Hanging Out
Screenshot aus "Concrete Genie"
Quelle: Playstation

Demnächst erscheint "Concrete Genie", in dem sich ein junges Mobbing-Opfer in eine Fantasiewelt aus eigenen Zeichnungen und Malereien flüchtet. Dabei erwachen seine Kreationen zum Leben und beschützen ihn. Dominic Robilliard ist Creative Director des Spiels und will das Thema differenziert abbilden. Denn, so sagt er, eine erschreckende Anzahl von Mobbing-Opfern würde später selbst zum Täter. "Wir wollten uns diesem schwierigen Thema nähern, auch um den Werdegang der Peiniger zu erzählen, was mit ihnen in der Vergangenheit passiert ist, um sie zu den Kindern zu machen, die sie geworden sind." Die Botschaft des Spiels solle sein, dass man mit Empathie, Toleranz und Verständnis aus diesem Teufelskreis ausbrechen könne.

Lange Zeit waren Videospiele allgemein als Flucht aus der Realität verpönt. Nun machen sie, im Falle von "Concrete Genie", genau so eine Flucht zum Thema, tragen zu gesellschaftlichen Debatten bei und entkräften den Vorwurf aus alten Tagen komplett.

Relevante Fragen

Bemerkenswert ist auch, dass selbst ein Mega-Blockbuster wie das Western-Spiel "Red Dead Redemption 2" eine ernste Botschaft enthält. Als Bandit Arthur Morgan erfährt der Spieler schnell, dass der wilde Westen gar nicht mehr so wild ist und er selbst ein Auslaufmodell. Staatliche Strukturen festigen sich, die Industrialisierung beginnt und die Zeit marodierender Banden ist vorbei. Eventuell möchte das Spiel sogar dazu anregen, darüber nachzudenken, wer denn die Arthur Morgans der Gegenwart sind. Wenn noch vor 13 Jahren darüber gestritten wurde, ob sich Videospiele überhaupt ernsten Themen annehmen können, so scheint die relevantere Frage heutzutage zu sein, ob es sich Videospiele leisten können, ernste Themen zu ignorieren.

Raph Koster, der Entwickler mit dem Papierflieger-Vergleich, war für bedeutende Onlinespiele wie "Ultima Online", "Star Wars Galaxies" und "Everquest II" verantwortlich. Seit seiner Rede auf der Konferenz 2006 hat er jedoch keine Videospiele mehr veröffentlicht. Vielleicht hat er einfach unterschätzt, was man mit einem Papierflieger alles machen kann.

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