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Frust der Fußballfans - "Der Fan nur als Melkkuh gebraucht"

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Zu Beginn der 55. Saison der Fußball-Bundesliga herrscht bei vielen Fans mehr Frust als Freude, sagt der Fanforscher Harald Lange. Im heute.de-Interview spricht er über eine "ausufernde Kommerzialisierung", Gewalt in den Stadien und mangelnde Mitspracherechte der Fans.

BVB-Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke betont im Sportstudio, dass der „Verein niemanden will, der gewalttätig ist und beleidigende Plakate aufhängt. Eine dreistellige Anzahl an Fans wird in den nächsten Jahren nicht mehr im Stadion sein."

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19 min
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heute.de: Nach den Krawallen in Rostock befürchten Sicherheitsexperten eine "heiße" Saison der Fußball-Bundesliga. Was beobachten Sie?

Harald Lange: Ultra-Gruppierungen schließen sich über die Vereinsgrenzen hinweg zusammen und planen gemeinsame Protestaktionen gegen den Deutschen Fußball-Bund (DFB), die Deutsche Fußball Liga (DFL) und die ausufernde Kommerzialisierung des Fußballs - insofern ist eine heiße Saison zu erwarten, ja. Wobei wir schon unterscheiden müssen zwischen dem Großteil der friedlichen Ultra-Fans und einer vergleichsweise kleinen Gruppe von gewaltbereiten und gewaltsuchenden Leuten.

heute.de: Im Internet sorgt aktuell ein Musikvideo für Aufsehen, in dem der Rapper "M.I.K.I." den Kommerz im Fußball mit derben Worten kritisiert und dem DFB einen "Krieg" ankündigt …

Lange: … "Krieg dem DFB" ist natürlich ein völlig sinnloser Ansatz. Wir brauchen stattdessen Formate, wo Fußballfans mit Vereins- und Verbandsverantwortlichen auf Augenhöhe diskutieren können. Auch über die Frage, wo die Grenzen der Vermarktung liegen. Dabei sollte allen klar sein: Ein kommerzloser Profiverein ist ja ein Widerspruch an sich. Aber viele Fans spüren heute, dass sie nur als Melkkuh gebraucht werden. Sie sollen brav zu den Spielen kommen, hohe Eintrittspreise bezahlen, für ordentlich Stimmung auf den Rängen sorgen und am besten noch ein Trikot kaufen - ansonsten aber brav die Klappe halten. Eine entscheidende Frage aber ist: Wie viel Kommerz verträgt das Fan-Herz noch?

heute.de: Was meinen Sie konkret?

Lange: Wenn sich etwa ein Spieltag von Freitag bis Montag hinzieht, dann mag das aus wirtschaftlicher Sicht großartig sein, aber es degradiert den Fußball zu reinem Zirkus. Der Charakter des sportlichen Wettkampfs geht dabei verloren. Dagegen protestiert der harte Kern der Fußballfans. Oder denken wir an die Regionalliga Südwest, wo als 20. Mannschaft die chinesische U20-Nationalelf außer Konkurrenz mitspielt und sich so auf die Olympischen Spiele 2020 vorbereiten will. Das hat der DFB am grünen Tisch entschieden und wundert sich dann über Fankritik. Aber da wurde einfach über die Köpfe der Vereine und Fans hinwegentschieden. Wenig überraschend, dass es an der Basis bröckelt und rumort.

heute.de: Der DFB will jetzt auf die Fans zugehen und spricht von einem ernstgemeinten Dialogangebot. Ein Schritt in die richtige Richtung?

Lange: Ja, das sehe ich so. Bislang begegnen DFB und DFL den Ultra-Fans von oben herab. Man ist überfordert mit dieser Opposition und versucht sie generell abzustempeln. Das führt auch bei besonnenen Ultras zu Frust und erhöht insgesamt die Gefahr von ausuferndem Protest. Statt Law- & Order-Ankündigungen wie bisher bräuchte es einen echten Dialog zwischen Fußballfans, Vereinsverantwortlichen und Verbandsfunktionären.

Es hilft nur eins: Leute, steckt die Köpfe zusammen und entscheidet gemeinsam, wo es mit dem Fußball hingehen soll! Das strukturelle Problem heute ist doch, dass es im DFB-Präsidium niemanden gibt, der die Sicht der Fans hinreichend vertritt. Dabei sollten sich DFB und Vereine ernsthaft Gedanken darüber machen, wo sie ohne die Fans und ihre Begeisterung für Fußball stünden. Ohne Fans ist das Spektakel aus!

heute.de: Anders als der DFB setzen Politiker wie der innenpolitische Sprecher der Unionsfraktion im Bundestag, Stephan Mayer, auf mehr Druck und bringen das Thema "Zutrittsverbote zu Stadien" in die Debatte. Eine populäre Forderung. Was bringen solche Verbote aus Ihrer Sicht?

Lange: Stadionverbote bringen nicht den gewünschten Erfolg und werfen zum Teil ganz andere Probleme auf. Oftmals werden diese Verbote zu Unrecht ausgesprochen, weshalb sich die Betroffenen mit den Protestlern solidarisieren und gegen den DFB wenden. Außerdem: Die eindeutig überführten Stadionverbotler gelangen zuweilen dennoch ins Stadion oder treffen sich am Spieltag zentral in irgendwelchen Kneipen. Das Gewaltproblem wird dadurch also verlagert.

heute.de: Das Argument dagegen lautet, dass Gewalttäter im Stadion eine noch größere Gefahr für friedliche Fans darstellen …

Lange: … Richtig ist, dass sich die Straftäter im Stadion trotz massiven Polizeiaufgebots und neuester Überwachungstechnik oft nicht eindeutig identifizieren und damit dingfest machen lassen. Gemessen an der Vielzahl von Straftaten in den Stadien ist jedenfalls die Zahl der aufgeklärten Fälle absolut überschaubar.

heute.de: Warum ist dem nicht besser beizukommen?

Lange: Die Straftäter sind vermummt und in größeren Gruppen gut organisiert. Sie verstecken sich dann unter großen Flaggen und tauschen ihre Outfits durch, sodass am Ende eine klare Identifizierung und damit eindeutige Zuordnung zu einer Straftat schwerfällt. Polizei und Fanbeauftragte bekommen keinen Fuß hinein in diese Blöcke im Stadion - das ist ein autonomes Feld. Die einzige Möglichkeit, effektiv etwas dagegen zu tun, wären Maßnahmen, die dazu beitragen, dass die Solidarität mit den Gewalttätern massiv gestört wird, so dass sie es schwerer haben werden, in der Masse unterzutauchen.

Das Interview führte Marcel Burkhardt.

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