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Proteste gegen Stuttgart 21 - 400 mal Unverständnis und Wut

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Jeden Montag gehen sie auf die Straße, auch nach acht Jahren Protest: Die Gegner von Stuttgart 21 machen ihrem Ärger immer noch Luft. Und demonstrieren heute zum 400. Mal.

Montagsdemonstration gegen Stuttgart 21 im Schloßpark von Stuttgart (Archiv)
Aus dem Archiv: Die Gegner von Stuttgart 21 demonstrieren heute zum 400. Mal. Quelle: dpa

Der Protest gegen Stuttgart 21 fängt klein an: Im Oktober 2009 versammeln sich fünf Menschen am Nordflügel des Stuttgarter Hauptbahnhofes, um ihrem Unmut über das Milliarden-Bahnprojekt Nachdruck zu verleihen. Es werden schnell mehr. Im November 2009 treffen sich bereits Tausende Menschen auf dem Bahnhofsplatz vor dem Nordausgang. Auch Werner Sauerborn ist ein Mann der ersten Stunde, heute ist der Rentner Geschäftsführer des Aktionsbündnisses gegen Stuttgart 21. "Wir haben es mittlerweile geschafft, die Bürgerbewegung mit dem größten Durchhaltevermögen zu sein", sagt er. Auch wenn er weiß, dass die Bürgerbewegung das Projekt selbst nicht stoppen kann: "Die Hoffnung, dass es doch noch eine vernünftige Alternative gibt, ist immer noch da".

"Die Stuttgarter bewegt die große Absurdität des Projektes"

Im Projekt Stuttgart 21 geht es um die Neuordnung des Eisenbahnknotens Stuttgart. Der Hauptbahnhof Stuttgart soll von einem Kopfbahnhof in einen unterirdischen Durchgangsbahnhof umgebaut werden. Die Zulaufstrecken sollen in Tunnel verlegt werden - die Strecke bis nach Ulm zu einer Schnellstrecke umgebaut werden. "Die Stuttgarter bewegt die große Absurdität des Projektes, sie haben das Gefühl, dass demokratische Strukturen nicht mehr funktionieren, sonst wäre das Projekt doch längst eingestellt worden", sagt Werner Sauerborn.

Ende Juli 2010: Der Protest wird erstmals bundesweit wahrgenommen, als etwa 50 Personen während einer Montagsdemo den bereits leerstehenden Nordflügel des Hauptbahnhofes besetzen. Am späten Abend wird das Gebäude durch die Polizei geräumt. Alle Besetzer werden wegen Hausfriedensbruchs angezeigt.

Am Abend des 30. Juli 2010 beginnen die Vorbereitungen für den Abriss des Nordflügels, als unter Polizeischutz ein Bauzaun um das Gebäude errichtet wird. Sauerborn erinnert sich: "Durch eine Alarmkette benachrichtigt, kamen etwa 2.000 Projektgegner zum Nordflügel. Dort protestierten sie mit Aktionen des zivilen Ungehorsams - Sitzblockaden und Straßensperren - bis spät in die Nacht gegen die Baumaßnahme."

30. September 2010 – der "Schwarze Donnerstag"

Vier Wochen später - der Abriss ist in vollem Gange - blockieren Tausende Demonstranten zentrale Straßenkreuzungen und verharren auf dem Bahnhofsvorplatz. Am Vormittag treffen sich im Mittleren Schlossgarten von Stuttgart viele S21-Gegner, da Informationen über einen unmittelbar bevorstehenden Polizeieinsatz durchsickern. Auch viele Schüler, die vorher im Stadtzentrum gegen das Großprojekt demonstriert haben, kommen in den Schlossgarten. Die Lage eskaliert - beim Einsatz setzt die Polizei Schlagstöcke, Pfefferspray und Wasserwerfer ein.

Nach Angaben der Polizei versorgt das Deutsche Rote Kreuz an Behandlungsplätzen vor Ort 114 Personen ambulant und Rettungskräfte bringen 16 Personen in Krankenhäuser. Vier Demonstranten werden schwer an den Augen verletzt. Der Ingenieur Dietrich Wagner, den ein Wasserwerferstrahl frontal in die Augen trifft, erblindet fast vollständig. Die Zahl der verletzten Polizisten wird mit 34 angegeben.

Vier Tage später, am 4. Oktober, versammeln sich im Rahmen der 46. "Montagsdemo" nach Polizeiangaben 25.000 Menschen, nach Veranstalterangaben knapp 55.000  Menschen.

Juristische Aufarbeitung

Am 18. November 2015 urteilt das Verwaltungsgericht Stuttgart, dass der Polizeieinsatz zur Räumung des Schlossgartens rechtswidrig war. Bei dem Protest habe es sich um eine Versammlung im Sinne des Artikels 8 des Grundgesetzes gehandelt, die nicht ohne weiteres beendet werden könne. Zudem sei der Einsatz "überzogen" gewesen.

Der 30. September 2010 geht als "Schwarzer Donnerstag" in das kollektive Gedächtnis der Protestbewegung ein. Jedes Jahr um den 30. September wird durch Kundgebungen, Demonstrationen oder ähnlichen Veranstaltungen an den Polizeieinsatz erinnert. Dabei versammeln sich jeweils Tausende Menschen.

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