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Vietnamese in Berlin entführt - Gabriel: "Wie aus finsteren Filmen"

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Außenminister Sigmar Gabriel erhebt schwere Vorwürfe gegen Vietnam. "Wie aus finsteren Filmen über den Kalten Krieg" habe die Regierung in Hanoi einen Ex-KP-Funktionär aus Berlin verschleppt. Die vietnamesische Regierung widerspricht.

Ein vietnamesischer Asylbewerber wurde in Berlin vom vietnamesischen Geheimdienst entführt. Dies sei ein "eklatanter Verstoß gegen deutsches Recht und gegen das Völkerrecht", sagte ein Sprecher des Auswärtigen Amtes. Der Beginn einer diplomatischen Krise?

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Der Mann sieht erschöpft aus. Er spricht leise, sein Blick wandert umher. Er dürfte gerade das wichtigste Interview seines Lebens geben, aber vorbereitet wirkt er nicht. Die Haare sind zerzaust, das Polo-Shirt zerknittert. Kein Zweifel: Der Mann, den Vietnams Staatsfernsehen für ein paar Sekunden zu Wort kommen lässt, ist Trinh Xuan Thanh. Aber ob TXT, wie sie ihn in Vietnam nennen, das Interview freiwillig gibt, ist genauso ungewiss wie Zeitpunkt und Ort der Aufnahme. So unglaublich wie fast alles in diesem Polit-Thriller, der die deutsch-vietnamesischen Beziehungen in ihren Grundfesten erschüttert.

Korruption vorgeworfen

Bis vor zwei Wochen war Trinh Xuan Thanh in Berlin. Auf Fotos zeigt sich der Flüchtling entspannt bei Spaziergängen im Park. Thanh ist vor Korruptionsvorwürfen geflohen, für die in Vietnam regierende Kommunistische Partei ist er ein großer Fisch. Ein riesengroßer. Am 23. Juli habe sich im Tiergarten eine Szene "wie aus finsteren Filmen über den Kalten Krieg" abgespielt, sagt Außenminister Sigmar Gabriel (SPD). Bewaffnete Agenten sollen Thanh und eine Begleiterin in ein Auto gezerrt haben. Von "Menschenraub" und "Entführung" spricht das Auswärtige Amt.
Elf Tage später sitzt Thanh müde und abgekämpft vor der Kamera des vietnamesischen Fernsehens. Er gibt zu, nach Deutschland geflohen zu sein, wo er ein "unsicheres und ängstliches Leben" geführt habe. Nun sei er von sich aus nach Vietnam zurückgekehrt, "um die Gnade der Partei, der Regierung und der Justiz zu empfangen". Was Thanh sagt, passt genau zur Version der vietnamesischen Regierung, derzufolge sich ihr berühmtester Flüchtling selbst gestellt habe. Eine Version, die nicht nur das Auswärtige Amt für völlig abwegig hält.

Anwältin: Opfer einer Partei-Intrige

"Mein Mandant hätte sich niemals selbst gestellt, weil ihm bewusst war, dass er in seiner Heimat kein auch nur annähernd rechtstaatliches Verfahren zu erwarten hatte", sagt Thanhs deutsche Anwältin Petra Schlagenhauf dem ZDF. Die Vorwürfe gegen TXT hätten sich längst als haltlos erwiesen, Thanh sei Opfer eines Machtkampfs innerhalb der Kommunistischen Partei. Unglaubwürdig sei eine freiwillige Rückkehr schon wegen der Todesstrafe, die dem Angeklagten im schlimmsten Fall droht.

Andreas Kynast
ZDF-Hauptstadtkorrespondent Andreas Kynast Quelle: ZDF/Jule Roehr

In Vietnam ist Trinh Xuan Thanh der Parteifeind Nummer eins. Ihm wird vorgeworfen, als Manager eines Öl-Konzerns für den Verlust von 3,3 Trillionen vietnamesischen Dong, etwa 125 Millionen Euro, verantwortlich zu sein. Als Korruptions-Indiz zeigt das Fernsehen immer wieder einen Lexus-Geländewagen mit Regierungskennzeichen, der Thanh gehört haben soll. In Vietnam ist Parteikadern der Besitz von teuren Autos verboten. Thanh hat zuerst seinen guten Ruf verloren, dann seinen Parlamentssitz und jetzt seine Freiheit.

Botschafter einbestellt

Für die mutmaßliche Entführung zahlt Vietnam einen hohen Preis. Das Auswärtige Amt bestellte nicht nur den Botschafter ein, sondern verwies obendrein einen ranghohen Diplomaten des Landes: Der offizielle Statthalter der vietnamesischen Nachrichtendienste bekam 48 Stunden, um Deutschland zu verlassen. Außenminister Gabriel teilte heute mit, dass weitere Maßnahmen erwogen werden. Dazu dürfte die Zusammenarbeit im wirtschaftlichen Bereich und der Entwicklungshilfe gehören.

Wie aber ist Trinh Xuan Thanh aus Berlin nach Hanoi gekommen? Seine Anwälte sind davon überzeugt, dass der Geschäftsmann mit dem Auto aus Deutschland herausgebracht wurde. Der Flug nach Vietnam sei womöglich als Krankentransport getarnt gewesen und auf einem osteuropäischen Flughafen gestartet. Anderen Meldungen zufolge habe der Weg über einen Flughafen in Paris geführt.

Drei Tage nach Thanhs geheimnisvoller Rückkehr ermitteln nun zwei Staatsanwaltschaften: die Berliner wegen Entführung - gegen Unbekannt. Und eine vietnamesische gegen Trinh Xuan Thanh. Wo genau er gefangengehalten wird, ist nicht bekannt.

Dem Autor auf Twitter folgen: @andikynast

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