"Kinder werden durch 'Muse' bessere Menschen"

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Erziehung per App - "Kinder werden durch 'Muse' bessere Menschen"

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Im heute.de-Interview verrät die US-Neurowissenschaftlerin Vivienne Ming, weshalb sie mithilfe einer App "tief in die Identität von Kindern eindringen" will.

Archiv: Ein kleines Mädchen spielt auf einem Tablet-PC, während die Mutter zusieht und das Gerät hält
Mutter und Tochter mit einem Tablet-PC
Quelle: DPA

heute.de: Welche Ziele verfolgen Sie mit Ihrer Erziehungs-App "Muse"?

Vivienne Ming: Der einzige Grund, weshalb ich mit meinem Team "Muse" aufgebaut habe, ist der: Ich möchte in einer Welt leben, die voller kreativer Menschen ist. "Muse" ist ein Versuch, solch eine Welt mit zu erschaffen.

heute.de: Die App stellt Ihr Unternehmen Socos gratis zur Verfügung. Wie verdienen Sie Geld damit?

Ming: Wir wollen damit gar kein Geld machen! Mit anderen Start-ups habe ich zuvor gutes Geld verdient, bin deshalb wirtschaftlich unabhängig. Ich sehe mich in erster Linie als professionell verrückte Wissenschaftlerin und bin mir sicher: Kinder werden dank "Muse" bessere Menschen. "Muse" versucht, tief in ihre Identität einzudringen und sie so täglich ein bisschen stärker zu machen.

"Muse" versucht, tief in ihre Identität einzudringen und sie so täglich ein bisschen stärker zu machen.
Vivienne Ming

heute.de: Was treibt Sie dabei besonders um?

Ming: Ich denke, unser Schulsystem achtet zu sehr auf Noten und Abschlüsse - darauf werden Kinder und Jugendliche vor allem getrimmt. Tatsächlich aber kommt es auf tiefere Qualitäten an: Emotionale Intelligenz, unabhängiges Denken, Empathie, Kreativität, Selbstmotivation, Widerstandskraft gehören dazu. Das sind die wichtigsten Qualitäten, um in der Zukunft zurechtzukommen.

heute.de: Sie haben 50 solcher Qualitäten benannt, die ein Kind entwickeln muss, um ein glückliches Leben zu führen. Mit "Muse" sollen die Kinder all das trainieren können?

Ming: Im Prinzip ja. Es ist aber nichts Magisches an der Zahl 50. Wir haben den Umfang einfach eingegrenzt. Die App prüft über Fragen und Übungsergebnisse, wie diese Qualitäten gefördert werden. Kommt etwas zu kurz, helfen neue Aufgaben, Fähigkeiten auszubauen.

heute.de: Auf welche wissenschaftlichen Grundlagen stützen Sie sich?

Ming: "Muse" basiert auf Feldarbeiten des Wirtschafts-Nobelpreisgewinners James Heckman. Mit Familien in Jamaika hat er in einer Langzeitstudie untersucht, wie sich bestimmte sozial-emotionalen Spiele, die Kinder immer wieder mit ihren Eltern spielten, langfristig auf die Gesundheit und wirtschaftliche Situation der Heranwachsenden und jungen Erwachsenden auswirkten. Heckmans Erkenntnisse haben mich sehr inspiriert. Hinzu kommen inzwischen zehn Jahre eigene Forschungsarbeit in dem Feld, die wir alle in "Muse" einfließen lassen.

heute.de: Die App stellt ihren Nutzern auch intime Fragen wie: "Schreist du, wenn du wütend bist?" Oder mit Blick auf das Kind: "Hat es in der vergangenen Woche einen Wutanfall bekommen?" Verstehen Sie, dass Nutzer das irritierend empfinden können?

Ming: Die App sammelt persönliche Daten, um zu lernen, wie Kind und Eltern sind, etwa eher belastbar oder emotional fragil? Dort setzt "Muse" an, um die Beziehung zwischen Eltern und Kind zu stärken. Jeden Abend erinnert "Muse" die Eltern, dass sie 20 bis 30 Minuten etwas Besonderes mit ihrem Kind machen können, das es für sein ganzes Leben unterstützt.

heute.de: Inwiefern sind Fortschritte messbar?

Ming: In einem Zeitraum von ein bis zwei Jahren der Zusammenarbeit mit Kindern und Eltern können wir deutliche Erfolge etwa beim Stärken der emotionalen Belastbarkeit, Motivation und Kreativität nachweisen. 

heute.de: Was geschieht mit den Nutzerdaten, die Sie sammeln?

Ming: Wir nutzen die Daten nur intern. Wir verkaufen sie nicht weiter. Es gibt keine versteckte böse Agenda.

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von Marcel Burkhardt

heute.de: Dabei scheinen Sie doch Teilnehmer eines großen Marktes zu sein …

Ming: Wenn ich Eltern sage, dass es uns darum geht, Kinder resilienter zu machen, klingt das für viele esoterisch. Sie wollen Kinder lieber fit machen für Prüfungen. Besorgnis und Ängstlichkeit bestimmen häufig das Handeln der Eltern. Tatsächlich ist es ein großes Geschäft, wohlhabende Kinder auf Schulprüfungen und Uni-Tests vorzubereiten, ihnen den Eintritt in eine akademische Laufbahn zu ermöglichen. Das ist ein Riesen-Business in den USA, China, Japan, Indien … ein Multi-Milliarden-Dollar-Geschäft. Aber diese Tests sagen überhaupt nichts darüber aus, wohin die Kids in ihrem Leben gehen werden, ob sie scheitern oder glücklich werden mit dem, was sie tun.

heute.de: Sie sehen sich also auch als eine Art Glücksfee für Kinder?

Ming: Wenn Sie so wollen, ja! (lacht) Ich nutze "Muse" selbst, weil ich davon überzeugt bin, dass meine Kinder dadurch glücklichere Menschen werden. Aber am wichtigsten finde ich, dass Eltern "Muse" nutzen, die glauben, dass ihr Kind kein gutes Leben vor sich hat. "Muse" versucht vor allem, das Denken der Eltern positiv zu beeinflussen, dass nämlich Einsatz und Mühe einen Wert haben und ihr Kind alle Chancen auf eine gute Zukunft hat.

Das Interview führte Marcel Burkhardt.

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