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Virtuelle Erziehungshelfer - Wenn der Algorithmus erzieht

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Mithilfe von selbstlernenden Apps wollen Silicon-Valley-Gründer und Amazon-Chef Jeff Bezos Eltern helfen, ihre Kinder optimal zu fördern. An der Idee scheiden sich die Geister.

Ein Elternpaar erklärt ihren beiden Kinder Dinge mit Hilfe von Tablet-PCs
Erziehung am Tablet: Darauf setzen viele Eltern bereits.
Quelle: picture alliance / photononstop

Es ist nicht so, dass sich Vivienne Ming um ihre Tochter sorgen müsste. Die Kleine betrachtet die Welt mit wachen Augen, aber zuweilen sieht sie dabei auch Dinge, die sie verstören. "Manchmal wollen ihr Leute auch einreden, dass sie etwas als Mädchen nicht könne", erzählt die Mutter, von Beruf Psychologin und Hirnforscherin. Damit ihre Tochter sich nicht einschüchtern lässt, setzt Ming auf einen Algorithmus.

Wissenschaftlerin will mit App "das wahre Wesen des Kindes ergründen"

Ihre gratis verfügbare App namens "Muse", in der dieser Algorithmus steckt, regt Spiele und Übungen an, fordert nach jeder Aktion Feedback ein. Auf diese Weise lernt die App Eltern und Kind kennen, passt die Vorschläge immer besser an - und wächst zu einer pädagogischen Assistentin heran, die versucht, "das Kind täglich ein bisschen stärker zu machen", so Ming.

Das gesamte Interview mit Vivienne Ming finden Sie hier:

Archiv: Ein kleines Mädchen spielt auf einem Tablet-PC, während die Mutter zusieht und das Gerät hält

Erziehung per App - "Kinder werden durch 'Muse' bessere Menschen" 

Im heute.de-Interview verrät die US-Neurowissenschaftlerin Vivienne Ming, weshalb sie mithilfe einer App "tief in die Identität von Kindern eindringen" will.

Amazon-Chef Bezos will die Erziehungsarbeit revolutionieren

Sie ist nicht die einzige, die glaubt, dass Menschen ihr wahres Potenzial mithilfe von selbstlernenden Erziehungsprogrammen besser ausschöpfen können. Auch Amazon-Chef Jeff Bezos mischt mit seiner Bezos-Familien-Stiftung in diesem Markt mit. Der derzeit reichste Mann der Welt hat sich auf die Fahnen geschrieben, die Erziehungs- und Bildungsarbeit in den USA zu revolutionieren.

Eines seiner Tech-Vehikel hierfür heißt "Vroom" und wirkt wie die große, aufgestylte Schwester von Muse. Die App verspricht, mit wenig Aufwand das Maximum aus dem Nachwuchs herauszuholen. Bezos klingt wie ein Philanthrop, wenn er sagt, dass er durch Vroom "das Gute in der Welt verbreiten" möchte. Die App soll Kindern und Eltern vor allem eines: Spaß bereiten beim Lernen, Erfinden, Verbessern von Dingen. Es sei dasselbe Prinzip, das Amazon zum Erfolg verholfen habe.

Virtuelle Erziehungshelfer sollen verängstigte Eltern unterstützen

Eine weitere App namens "Text4baby" steht Eltern bereits im ersten Lebensjahr ihres Kindes mit Ratschlägen zur Seite, damit das Baby sich "optimal entwickeln" kann, so die Anbieter. Es sind Angebote, die perfekt in eine Welt passen, in der viele Eltern von der Angst getrieben sind, ihre Kinder könnten den Anschluss verlieren. "Besorgnis und Ängstlichkeit bestimmen heutzutage zu oft das Handeln der Eltern", findet Vivienne Ming.

Der "Muse"-Algorithmus kennt keine Angst. Er macht das, was jeder Algorithmus macht: Er folgt unbeirrt den Anweisungen, die ihm vorgegeben sind. Je länger man die App nutzt, desto besser passen die Vorschläge in den Familienalltag. Wer etwa angibt, dass sein Kind gern und häufig malt, dem empfiehlt "Muse", das Kind könne die eigene Wohnung vielleicht mal bei Tageslicht, mal bei Dunkelheit malen. Und seinen Eltern anschließend erklären, warum es seine Bilder so oder so aufgebaut hat.

"Super Marktidee, um megagestresste Eltern im Förderwahn zu ködern"

Der Bonner Kinder- und Jugendpsychiater Michael Winterhoff bezeichnet Apps wie "Muse" als "super Marktidee, um megagestresste Eltern im Förderwahn zu ködern". Dass eine App das Verhältnis zwischen Eltern und Kind verbessern könne, hält Winterhoff aber für ein leeres Versprechen. "Eltern und Kinder müssen sich ineinander einfühlen, eindenken. Eine App kann kein feines Gespür für dieses intime Verhältnis entwickeln."

Eltern könnten mithilfe solcher Programme und künstlicher Intelligenz ihre Kinder besser decodieren und verstehen.
Klaus Hurrelmann, Jugendforscher

Der Jugendforscher Klaus Hurrelmann kann den Helikopter-Apps dagegen durchaus etwas abgewinnen - solange sich Eltern und Kinder nicht zu "Sklaven der Technik" machten. "Eltern könnten mithilfe solcher Programme und künstlicher Intelligenz ihre Kinder besser decodieren und verstehen", sagt Hurrelmann. Er sieht in intelligent konzipierten Ratgeber-Apps nicht den Ersatz zum Spiel, sondern eine Erweiterung der klassischen Ratgeberliteratur. Gerade weil die App sich an den Familienalltag anpasst - und sich mit den Kindern weiterentwickelt.

Werbefilm für Erziehungs-App unfreiwillig komisch

Ob es darüber hinaus künstliche Intelligenz braucht, um das Miteinander zwischen Eltern und Kindern zu fördern? Auf diese Frage gibt die Bezos-Stiftung in einem Werbefilm eine fast schon selbstironische Antwort. In dem Film erhalten Mütter Pakete von Vroom, auf denen steht: "Du hast schon alles, was du brauchst." Die Frauen öffnen die Pakete; sie sind leer. Am Boden klebt ein Spiegel, die Mütter sehen ihre Gesichter - und sind fast zu Tränen gerührt: Alles, was du brauchst für dein Kind, bist du selbst, so die Botschaft des Werbespots. Das ist seit Menschengedenken so - und daher bestimmt nicht ganz falsch.

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