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Visafreiheit für Kosovo? - Sie wollen reisen, nicht fliehen

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Kosovo ist das letzte Land in Europa, dessen Einwohner nicht ohne Touristenvisum in den Schengen-Raum reisen dürfen. Das Land hofft auf die Westbalkan-Konferenz.

Schengen-Visum
Schengen-Visum: Liberalisierung für Kosovo lässt auf sich warten
Quelle: dpa

Seine Heimat ist wie ein Gefängnis, sagt Visar Kuçi. "Man fühlt sich wie ein Krimineller, der durch eine detaillierte Durchsuchung gehen muss. Und dann dauert es eine ganze Weile, bis man uns ein Visum gibt." Wenn man überhaupt eins kriegt.

Die Visafreiheit für Kosovo beschäftigt die EU schon lange

Die Leute hier fangen inzwischen an, das Vertrauen in die EU zu verlieren, weil so viel versprochen wurde und so wenig passiert ist.
Visar Kuçi

Visar Kuçi ist kein Straftäter, er ist Konzertmeister der kosovarischen Philharmoniker. Er lebt in Pristina, Kosovos Hauptstadt - oder wie er sagt: "mitten in Europa, im Jahr 2019, und wir sind isoliert. Das kann ich nicht verstehen". Der kleine, junge Staat ist bis heute das einzige Land in Europa, dessen Einwohner nur mit Touristenvisum in den EU-Schengen-Raum reisen dürfen. 

Wenn am Freitag die Westbalkan-Konferenz in Posen stattfindet, wird es auch um eine mögliche Visafreiheit für Kosovo gehen. Das Thema beschäftigt die EU seit langem, bereits im Sommer 2016 hat die EU-Kommission festgestellt, dass das Land alle Kriterien für eine Visafreiheit erfüllt - etwas geändert hat sich bisher jedoch nicht. "Das dauert zu lange", sagt Visar Kuçi. "Die Leute hier fangen inzwischen an, das Vertrauen in die EU zu verlieren, weil so viel versprochen wurde und so wenig passiert ist."

Ein Visum bekommt man nicht so einfach

Dass es sehr schwierig ist, als Kosovarin oder Kosovar ein Visum zu bekommen, weiß Visar Kuçi genau. Er ist als Musiker viel unterwegs. "Für mich ist es sehr wichtig, in die EU zu reisen, nach Deutschland, Österreich, Frankreich - in die Heimat der klassischen Musik." Er spielt häufiger Konzerte mit europäischen Kollegen. Einmal musste er einen Auftritt absagen - weil er keinen Termin beim Amt und deshalb kein Visum bekommen hat, obwohl er sich vier Monate im Voraus beworben hat.

Keine Termine - nur eins von vielen Hindernissen, die man im Kosovo überwinden muss, wenn man ein Visum bekommen möchte: Man muss vergleichsweise viel Geld auf dem Konto haben. Man muss viel Zeit haben, um das mühsame bürokratische Verfahren zu durchlaufen. Und man muss damit rechnen, kein Visum zu bekommen, selbst wenn man alle Kriterien erfüllt. Es kommt durchaus vor, dass die Zielstaaten gerade jungen Menschen das Visum verweigern - wegen der Befürchtung, dass diese nicht wieder zurückkehren.

"Ich würde lieber im Kosovo arbeiten als in Deutschland"

Visar Kuçi glaubt, dass die meisten Leute eigentlich im Kosovo bleiben wollen - jedenfalls dann, wenn sie die gleichen Rechte wie die anderen Europäer haben. "Wenn das aber nicht passiert, dann wird das eine Katastrophe, dann werden viele versuchen, illegal wegzuziehen", sagt er. Und: "Ich würde lieber im Kosovo arbeiten als in Deutschland oder irgendwo anders in Europa."

So wie Avdi Shala. Er ist Ingenieur im Flugzeugbau, hat in Hamburg studiert und ist nach seiner Ausbildung zurückgekehrt nach Pristina - obwohl er die Möglichkeit hatte, weiter in Deutschland zu arbeiten. "Ich habe daran geglaubt, dass unsere kosovarische Gesellschaft fähig ist, die sozialen und wirtschaftlichen Probleme zu lösen - da wollte ich unbedingt dabei sein." 

Korruption und Vetternwirtschaft

Zuletzt wurde jemand als stellvertretender Direktor der Flugsicherheit eingestellt, der Politikwissenschaft studiert hat.
Visar Kuçi

Doch zurück im Kosovo findet Shala keinen Job. Er steht damit nicht allein da. Häufig trifft er andere Hochqualifizierte, die vergeblich nach Arbeit suchen. Auf der einen Seite gibt es in seiner Branche nur wenig freie Stellen. Aber Shala sieht noch ein weiteres Problem: "Die Regierungsparteien teilen alle möglichen Stellen untereinander auf - und wenn man nicht zu den engeren Kreisen der Parteien gehört, dann hat man keine Chance."

In der Luftfahrt werden die Posten von den Behörden ausgeschrieben. Drei Mal hatte Shala bisher die Chance, sich zu bewerben - drei Mal bekam jemand anderes den Job. "In all diesen Fällen waren es Leute, die unausgebildet waren. Zuletzt wurde jemand als stellvertretender Direktor der Flugsicherheit eingestellt, der Politikwissenschaft studiert hat."

Er will bleiben, muss vielleicht aber gehen

Avdi Shala ist deshalb vor Gericht gezogen, er hat gegen den Premierminister und gegen das Infrastrukturministerium geklagt. Obwohl schon mehr als drei Jahre verstrichen sind, gibt es bis heute keine Entscheidung. 

"Wir haben so hart daran gearbeitet, unsere Existenz hier aufzubauen, wir wollten hier leben", sagt er und meint damit auch seine Frau und ihre gemeinsamen Kinder. "Leider diskutieren wir jetzt ernsthaft über die Möglichkeit, zu emigrieren." Im Ausland werden Fachkräfte wie er gesucht. Noch weiß Shala nicht, wie es  für ihn und seine Familie weitergeht. Er ist derzeit aber im Gespräch mit zwei internationalen Luftfahrtunternehmen.

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