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Nach Urteil in Den Haag - General Mladic - der Nationalheld

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Ratko Mladic ist für die schlimmsten Kriegsverbrechen in Europa nach 1945 verantwortlich. Für viele seiner Landsleute ist er ein Held. Für sie ist das UN-Tribunal eine Farce.

Unterstützer von Ratko Mladic demonstrieren 2011 in Bosnien und Herzegowina
Unterstützer von Ratko Mladic demonstrieren 2011 in Bosnien und Herzegowina Quelle: ap

Nach dem Urteil gegen ihn will Ratko Mladic in Berufung gehen. "Dieses Urteil ist ungerecht und widerspricht den Tatsachen", sagte Mladics Sohn Darko. Das Gericht habe "Gerechtigkeit durch Kriegspropaganda ersetzt". Die Verteidigung hatte Freispruch für den Vater gefordert. Das passt dazu, wie der serbischen Ex-General von vielen Landsleuten gesehen wird. In Serbien tut man sich schwer mit seinem kriegerischen Erbe.

Ratko Mladic ist ein Ausgangspunkt der nicht aufgearbeiteten Vergangenheit. Bis heute gilt er in weiten Teilen der Bevölkerung noch immer als Kriegsheld, der seine Landsleute in Bosnien nur vor dem sicheren Untergang bewahrt hat. Das kleine Serbien habe so einer "Weltverschwörung" unter Führung Deutschlands, Österreichs und des Vatikans heldenhaft Widerstand geleistet - so das verworrene Weltbild. In den Souvenirläden Belgrads und auf jedem Volksfest sind Mladic-T-Shirts ein Dauerbrenner.

Mladic-Anhänger werfen UN-Tribunal Voreingenommenheit vor

Ein Unterstützer von Ratko Mladic mit bedrucktem T-Shirt sieht am 22. November 2017 die Übertragung des Prozesses
Ein Unterstützer von Ratko Mladic mit bedrucktem T-Shirt sieht am 22. November 2017 die Übertragung des Prozesses Quelle: ap

Von seinen Anhängern als Volksheld und Befreier verehrt, sehen die seine Verurteilung zu lebenslanger Haft als ungerechtfertigt an. "All dies ist eine Farce für mich, er ist ein serbischer Nationalheld", sagt Igor Topolic aus dem serbischen Dorf Lazarevo. Dort war Mladic 2011 nach jahrelanger Flucht gefasst worden. Mehrere andere Dorfbewohner pflichteten Topolic bei und bezeichnen den Internationalen Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien als voreingenommen gegenüber Serben. "Er (Mladic) sollte hier bei uns sein und nicht da draußen alleine sterben", sagt Milinko Zeljak.

Er und andere bezeichnen ihren Ort Lazarevo mittlerweile als Mladicevo ("Mladic-Dorf"), um ihre Bewunderung für den verurteilten Kriegsverbrecher zum Ausdruck zu bringen. Auch in dem Ort Bratunac im Osten Serbiens versammelten sich Anhänger Mladics zur Urteilsverkündung. Auf den Straßen hingen Poster mit einem Foto Mladics und der Aufschrift "Du bist unser Held". Einige ehemalige Soldaten, die unter seinem Kommando gekämpft hatten, verfolgten dort die Urteilsverkündung im Fernsehen.

Staatspräsident sieht "die anderen" auch in der Verantwortung

Kritik am UN-Tribunal kommt in Serbien auch von offiziellen Stellen. Der serbische Staatspräsident Aleksandar Vucic reagierte zwar erst zurückhaltend, wurde dann aber doch noch deutlich. Auch wenn "wir nicht die Verbrechen rechtfertigen dürfen, die einige im serbischen Namen begangen haben", würden die serbischen Opfer in allen Jugoslawien-Kriegen vom Ausland nicht ähnlich behandelt wie die Opfer anderer Nationen: "Wir müssen uns um die Achtung unserer eigenen Opfer selbst kümmern", sagte er nach dem Urteil gegen Mladic.

"Alle von uns wussten, dass dies das Ergebnis sein würde." Das Gericht sei gegenüber den Serben voreingenommen, so Vucic, das bedeute aber nicht, dass man sich der Verantwortung für Kriegsverbrechen entziehen wolle. "Wir sind bereit, unsere Verantwortung zu übernehmen, die anderen sind das nicht." Die Belgrader Zeitung "Informer", Sprachrohr des Präsidenten, titelte kürzlich: "Das Haager Gericht vergewaltigt offen das Recht" Die serbische Politik leugnet bis heute den Völkermord in Srebrenica.

Auch Regierungschefin Ana Brnabic ist das Gericht in Den Haag zu einseitig. "Ich denke nicht, dass das Tribunal zur Aussöhnung beigetragen hat, sondern dazu, die Lage noch zu verschlimmern", sagte sie. "Niemand kann sagen, dass das Haager Tribunal gegenüber allen Seiten des Konflikts der 1990er Jahre objektiv war."

"Mythos" Mladic wächst

Der Präsident der bosnischen Serben, Milorad Dodik, hatte noch vor der Urteilsverkündung vorausgesagt, Mladic werde durch die Gerichtsentscheidung für seine Landsleute noch mehr zu einem Mythos: "Der Mann hat das Militär befehligt, das die Freiheit seines Volkes verteidigt und so die Serbenrepublik erschaffen hat."

Mladic wurde am am 12. März 1942 im ostbosnischen Bozinovici geboren und wuchs in bescheidenen Verhältnissen auf. Er war zwei Jahre alt, als sein Vater von den faschistischen kroatischen Ustascha-Milizen getötet wurde. Doch sein Hass richtete sich später vor allem gegen die Muslime. Sie "spießen Serben auf, verbrennen sie bei lebendigem Leibe, kreuzigen sie und stechen ihnen die Augen aus", wurde er einmal zitiert.

Mladic war im Mai 2011 nach 16 Jahren auf der Flucht in Lazarevo in Serbien verhaftet und an den Haager Strafgerichtshof überstellt worden. Der Prozess in Den Haag mit fast 600 Zeugen dauerte 523 Tage. Der einst bullig wirkende Mladic erlitt in der Zeit drei Schlaganfälle und verfiel zusehends. Während des Verfahrens nannte Mladic die Anklagepunkte "widerwärtig" und das Haager Gericht "satanisch".

Für die UN eine offene Wunde

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