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Volkswagen-Aktionäre teilen aus - "Unser Vertrauen haben Sie nicht"

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Hauptversammlung bei Volkswagen. Das heißt 2018 auch: Aktionäre, die austeilen. Gegen den Aufsichtsratschef, "erhebliche Arroganz" - und Millionen-Gehälter.

Herbert Diess am 03.05.2018 in Berlin
Schafft Konzernchef Herbert Diess der Kulturwandel? Manche Aktionäre haben noch Zweifel. Quelle: dpa

Kurz und knapp die Lage darstellen, ein paar freundliche Nachfragen, schnelle Entlastung für Vorstand und Aufsichtsrat - genau so läuft eine Volkswagen-Hauptversammlung in der Regel nicht ab. Auch diesmal wird Ärger laut - aber so gleichsam gesittet wie am Donnerstag geht es seit Jahren nicht mehr zu. Dafür gibt es eine Reihe von Gründen. Denn der größte Autokonzern der Welt fährt der Abgas-Affäre mit ihren Millionen von manipulierten Dieselmotoren immer schneller davon, das Geld sprudelt, und der Absatz bricht alle Rekorde.

Kein Scherbengericht für Top-Management und Kontrolleure also. Vor allem mit Aufsichtsratschef Hans Dieter Pötsch - bei Ausbruch der Abgasaffäre unter Ex-Konzernchef Martin Winterkorn noch Finanzvorstand - legen sich die Anteilseigner aber an. Markus Dufner vom Dachverband der Kritischen Aktionäre sagt: "Unser Vertrauen haben Sie nicht." Winfried Mathes von Deka Investment fordert einen unabhängigen Aufsichtsratschef: "Herr Pötsch, sie sind das nicht."

Ein Antrag zur Abwahl Pötschs als Versammlungsleiter erhält allerdings nur 0,01 Prozent Ja-Stimmen. Kleinaktionär Manfred Klein sieht in Pötsch dennoch einen "personifizierten Interessenkonflikt", wirft ihm Arroganz und Ignoranz vor und fordert ihn zum Gehen auf: "Herr Pötsch, ich fordere Sie auf, dass Sie selbst zu dieser inneren Einsicht zu kommen: Der Müller hat vergessen, mich mitzunehmen, ich gehe jetzt freiwillig."

Pötschs Verteidigung: "Ich teile Ihre Sicht nicht"

Der Gescholtene wiederum macht klar: "Ich teile Ihre Sicht nicht." Dann kehrt Pötsch zurück zur Tagesordnung. Bis Mitternacht muss die Hauptversammlung durch sein - Pötsch verkürzt die Redezeit auf drei Minuten. Und dreht das Mikro ab, wenn ein Beitrag zu lange dauert.

Für Nachfragen sorgt trotzdem der etwas überraschende Wechsel an der Konzernspitze, den Volkswagen Mitte April verkündet hatte. Herbert Diess löst Matthias Müller ab - und will der Unternehmensgruppe Beine in Sachen Innovation machen. Bedeutet dies, dass Aufsichtsrat und
Volkswagen-Eigner um die Familien Porsche und Piëch den Ex-Konzernchef tatsächlich als eine Art "lahme Ente" betrachten, wie Branchenexperte Ferdinand Dudenhöffer mutmaßt?

Anerkennung für Müller

NordLB-Analyst Frank Schwope winkt ab. Müller habe den Job bei Volkswagen - den er als Nachfolger von Winterkorn im September 2015 antrat, als dieser von "Dieselgate" aus dem Amt gefegt wurde - von Anfang an "nicht mit Euphorie" ausgefüllt. Aber er habe den Großteil der Aufräumarbeiten nach dem Skandal übernommen. Das rechnen ihm die Anteilseigner offensichtlich hoch an. Mathes bezeichnet die Gründe für den Wechsel an der Konzernspitze als nebulös: "Der Vorstand wurde ausgewechselt wie die Trainer des Werksvereins VfL Wolfsburg."

Es war Müller, der dem Autogiganten eine neue Kultur verordnet hatte - Diess will beim Kulturwandel nun Tempo machen. Hendrik Schmidt von der Vermögensverwaltung DWS ist skeptisch: "Hoffen wir, dass der geforderte Kulturwandel bei Volkswagen nicht darauf beschränkt ist, Vorstandsmitglieder auszutauschen."

Der ehemalige Richter Hartmut Bäumer sagt: "Herr Diess, ich nehme Ihnen ab, dass sie einen Kulturwandel wollen. Aber der setzt als erstes Transparenz voraus. Leider können wir davon nichts feststellen." Er kritisiert, dass VW einen Sonderprüfer ablehnt - und wirft dem Vorstand vor: "Es zeugt schon von erheblicher Arroganz, zunächst Millionen von Kunden zu täuschen, dies in den USA in einem 50-seitigen Memorandum als Betrug einzugestehen und dann im eigenen Land für den angerichteten materiellen Schaden nicht einzustehen."

Dunkle Wolken am Horizont bleiben

Klar ist: Auch wenn die Geschäfte wieder laufen, bleiben noch dunkle Wolken am Horizont. So wird die Forderung nach Hardware-Nachrüstung älterer Diesel auf VW-Kosten laut - um Fahrverbote zu vermeiden. Und: "Dieselgate" dürfte noch lange nicht ausgestanden sein, die rechtliche Abarbeitung noch Jahre in Anspruch nehmen, erklärt Diess.

Auf der Haben-Seite dürfte stehen: Die Geschäfte laufen wie geschmiert, auch wenn der Dieselanteil an den verkauften Autos in Deutschland seit einiger Zeit dramatisch sinkt, während der Anteil der Benziner steigt. Damit dürfte es künftig deutlich schwieriger werden, die immer strengeren Vorgaben der EU zum Ausstoß des Klimagases CO2 zu erfüllen.

Aber auch die Bezahlung der Vorstände bleibt ein Aufreger. Die Vergütung der Mitglieder des Konzernvorstands stieg 2017 auf rund 50,3 Millionen Euro - nach 39,5 Millionen Euro im Jahr zuvor. Ein Thema, zu dem sich auch Kanzlerin Angela Merkel (CDU) "erstaunt" äußerte. Laut VW-Kleinanleger Norbert Cultus bekommen die Vorstände Millionen zusätzlich - in der Belegschaft komme kaum etwas an: "Was für eine zum Himmel schreiende Diskrepanz."

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