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Erdbeben bei Volkswagen - Ein Konzern baut radikal um

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Herbert Diess ist ab sofort neuer Chef bei VW. Er und andere neue Vorstände sollen das Unternehmen für die Zukunft fit machen. Dazu gibt sich der Konzern eine neue Struktur.

Archiv: Herbert Diess am 15.01.2018 in Detroit
Der neue Chef in Wolfsburg: Herbert Diess
Quelle: ap

Herbert Diess löst Matthias Müller an der Spitze von Volkswagen ab, das hat der Aufsichtsrat am Donnerstagabend beschlossen. Der bisherige VW-Markenchef soll das Unternehmen für die Zukunft fit machen. Müller habe den Posten "im gegenseitigen Einvernehmen" frei gemacht. Er wird im Konzern bleiben und seinen Vertrag wie geplant bis 2020 erfüllen. Ob das allerdings wirklich so einvernehmlich vonstattenging darf man bezweifeln – zumindest legt das das bisherige Auftreten von Matthias Müller nahe.

Viele Baustellen warten

Es dürfte einer der Faktoren gewesen sein, der zur Ablösung Müllers durch Herbert Diess geführt hat. Denn sein Vorgänger legte angesichts eines historisch einmaligen Betrugsskandals erstaunlich wenig Einsicht an den Tag, spielte die Betrügereien beispielsweise als technische Probleme herunter. Diess dagegen gilt als entschieden diplomatischer. Er tritt bisher zumindest nicht in jedes verbale Fettnäpfchen. Das ist schon etwas, die Messlatte hängt dank seines Vorgängers in dieser Hinsicht tief.

Diplomatie und Verhandlungsgeschick, aber auch Durchsetzungsfähigkeit sind Attribute, die Herbert Diess in seinem neuen Amt gut gebrauchen kann: Denn der Dieselskandal kocht immer noch und immer wieder hoch – zuletzt in Form von Abgas-Versuchen an Affen. Und: Die Automobilbranche befindet sich in der bislang wohl größten Umwälzungsphase - alternative Antriebe werden Verbrennungsmotoren zunehmend den Rang ablaufen, insbesondere die Elektromobilität steht im Fokus. Und das individualisierte und autonome Fahren erhält in der digital vernetzten Welt zunehmend Einzug.

Volkswagen mit neuer Struktur

In einer Phase fundamentaler Umbrüche in der Automobilindustrie komme es darauf an, "dass Volkswagen Tempo aufnimmt und deutliche Akzente auf den Gebieten der Elektromobilität, der Digitalisierung des Autos und des Verkehrs sowie neuer Mobilitätsdienste setzt" – so beschrieb Diess in einer Konzernmitteilung deshalb seine künftige Mission. Dass Diess entschieden und willensstark für eine solche Aufgabe ist, hat er in den vergangenen drei Jahren unter Beweis gestellt. Er hat die Kernmarke VW auf Effizienz getrimmt und profitabel gemacht. Dabei ist auch er stellenweise angeeckt – etwa beim Betriebsrat. Offenbar hat Diess die Wogen aber wieder glätten können.

Analyst Frank Schwope von der NordLB findet den Wechsel an der Volkswagen-Spitze stimmig. "Diess ist ein Mann der Tat." Er sei die beste Wahl, um Volkswagen in die nächste Phase der Transformation zu führen. Das sehen offenbar auch viele Anleger so, denn als die Veränderungen bei Volkswagen sich vor zwei Tagen ankündigten, machten die Aktien an der Börse einen deutlichen Sprung nach oben.

Auch andere Vorstände neu besetzt

Als Konzernchef wird Diess weiter für die Marke VW zuständig sein – und noch andere dazu. Denn mit den Personalveränderungen im Vorstand hat Volkswagen zugleich beschlossen, dem Konzern eine neue Struktur zu geben: Die zwölf Fahrzeugmarken des Konzerns werden in drei Gruppen aufgeteilt und zusammengefasst: "Volumen" (VW, Skoda und Seat), "Premium" (Audi) und "Super Premium" (Porsche, Bentley, Bugatti und Lamborghini). Dabei wird Herbert Diess die Leitung der Volumengruppe übertragen – nach wie vor und vor allem also die der Kernmarke VW. Der frühere BMW-Manager wird außerdem zuständig sein für die Entwicklungsabteilung und den Bereich Fahrzeug-IT – ebenfalls für die Zukunft entscheidende Konzernbereiche.

Mit dem größten Konzernumbau in der Volkswagengeschichte ändern sich auch andere Vorstandspositionen. Wie vor der Aufsichtsratssitzung spekuliert worden war, nimmt Personalvorstand Karlheinz Blessing seinen Hut. Seinen Posten bekommt Gunnar Kilian, ein enger Vertrauter von Betriebsratschef Bernd Osterloh. Der erst 43-Jährige übernimmt damit Personalverantwortung für rund 650.000 Mitarbeiter von Volkswagen weltweit. Auch der bisherige Porsche-Chef Oliver Blume rückt in den Volkswagen-Vorstand auf. Ihm wird die Markengruppe "Super-Premium" und die Konzernproduktion zugeteilt. Audi-Chef Rupert Stadler ist für den Vertrieb zuständig.

Nutzfahrzeugsparte soll an die Börse

Neben den drei Markengruppen wird die vor rund drei Jahren gegründete LKW-Sparte "Truck & Bus" auf einen Börsengang vorbereitet. "Wir sind jetzt bereit, mit der Herstellung der Kapitalmarktfähigkeit einen Gang hochzuschalten", ließ sich Spartenchef Andreas Renschler zitieren. Durch die neue Aufteilung werde der Konzern schlanker, könne Synergien besser nutzen und schneller entscheiden, erklärte Aufsichtsratschef Hans Dieter Pötsch im Anschluss an eine Sitzung des Kontrollgremiums.

Das Signal aus Wolfsburg ist klar: Der Blick darf nicht mehr allzu stark nach hinten gerichtet sein, auch wenn der Dieselskandal noch lange nicht vorbei sein wird. Volkswagen schaltet mit neuem Personal und einer neuen Struktur gleich zwei Gänge hoch, um als einer der ersten in der automobilen Zukunft anzukommen.

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