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Katholische Kirche unter Druck - Bischöfe nähern sich dem Thema Missbrauch

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Eine neue Welle im Missbrauchsskandal erfasst nun auch die katholische Kirche in Deutschland. Die Bischöfe beraten diese Woche in Fulda, wie sie darauf reagieren wollen.

Bischöfe stehen bei einem Gottesdienst zum Auftakt der Frühjahrs-Vollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz im Ingolstädter Liebfrauenmünster am 19.02.2018
Die deutschen Bischöfe müssen und wollen sich mit dem Thema Missbrauch auseinandersetzen.
Quelle: dpa

Die katholischen deutschen Bischöfe kommen heute zu ihrer Herbstvollversammlung im hessischen Fulda zusammen. Im Mittelpunkt des Treffens steht am Dienstag die offizielle Vorstellung einer Studie zum sexuellen Kindesmissbrauch in der katholischen Kirche.

Erste Ergebnisse aus dem mehr als 300-Seiten umfassenden Papier sind bereits bekannt. Über 38.000 Akten aus den Jahren 1946 bis 2014 wurden gesichtet. Sie dokumentieren 3.677 Kinder und Jugendliche als Opfer sexuellen Missbrauchs durch katholische Geistliche sowie Anschuldigungen gegen 1.670 Kleriker. Die Forscher gehen davon aus, dass die Dunkelziffer wesentlich höher liegt.

Umdenken bei Sexualmoral gefordert

Entscheidend ist, welche Konsequenzen die Bischöfe aus den Ergebnissen der Studie ziehen. Darüber diskutieren sie am Dienstag mit den Wissenschaftlern. Die sagen etwa, dass Zölibat und Homosexualität an sich nicht ursächlich sind für den Missbrauch. Allerdings müsse sich etwas an der bisherigen Praxis des Zölibats und in der Sexualmoral der Kirche ändern. Die Forscher fordern einheitliche Standards bei der Prävention und eine unabhängige Anlaufstelle für Betroffene.

Mehrere Bischöfe haben in ersten Reaktionen bereits geschockt und beschämt auf die Ergebnisse reagiert. Doch die Gläubigen erwarten neben diesen Worten konkrete Taten der Veränderung. Vieles haben die katholischen Bischöfe seit dem Aufkommen des Missbrauchsskandals 2010 in Deutschland getan. Eine Studie, wie die nun vorliegende, gibt es bisher für keine andere Institution im Land. Sie zeigt aber, wie vergleichbare Studien in anderen Ländern, dass allein mit dem Blick auf die Betroffenen und die Täter sowie verstärkten Präventionsmaßnahmen das Problem nicht gelöst werden kann.

Strukturen ermöglichen Missbrauch und Vertuschung

Die Aufarbeitung des Missbrauchsskandals in der katholischen Kirche tritt in eine neue Phase. Das zeigt sich in Chile, in den USA, in Irland und nun auch in Deutschland. Immer stärker rücken die Strukturen in den Blick, die den Missbrauch und die Vertuschung begünstigt haben. Es geht um die Frage der Macht, der Verteilung der Macht und ihrer Kontrolle, um Klerikalismus, den Zölibat und die Sexualmoral der Kirche. Die Frage rückt ins Zentrum, welche Verantwortung die Hierarchen und der Vatikan in der ganzen Sache haben. Selbst Papst Franziskus steht am Pranger.

Langsam und unter dem Druck der Entwicklungen willigt die Kirche in immer mehr Ländern in eine stärkere Zusammenarbeit mit der staatlichen Justiz ein. Die Staatsanwaltschaft in Chile forderte den Vatikan zur Herausgabe von Informationen über beschuldigte Kleriker auf. Das ist beispiellos.

Neutrale Insititution als Anlaufstelle?

Vereinzelt setzt sich auch die Einsicht durch, dass Anlaufstellen für Opfer und Zeugen unabhängig und überregional organisiert sein müssen. Solange das Meldesystem auf Bistumsebene angesiedelt ist, besteht die Gefahr, dass Aufklärer und Beschuldigte verbandelt sind und dass Opfer Angst haben müssen, zum Ziel von Repressionen zu werden. Erst vor wenigen Tagen hat die US-Bischofskonferenz beschlossen, Anzeigen gegen mutmaßliche Täter von einer neutralen Institution und landesweit sammeln zu lassen.

Dabei sollen auch Laien eine größere Rolle spielen; das ist ein weiterer Punkt, mit dem die Kirche verlorenes Vertrauen zurückgewinnen will. Wenn, wie der Papst sagt, die Strukturen des Klerikalismus das "System der Vertuschung" begünstigten, darf die Aufklärung von Verbrechen von Klerikern nicht allein in der Hand von Klerikern liegen. Zugleich hapert es weiterhin mit der Transparenz. Bischöfe können, wie mehrfach in Chile geschehen, ihren Amtsverzicht von sich aus anbieten, um eine Sanktionierung zu vermeiden. Dass ein Bischof genauso strafwürdig handeln kann wie andere Sterbliche – diesen Eindruck will die Kirche bis heute vermeiden.

Eine Schicksalfrage für die katholische Kirche

So wächst der Druck auf die Bischöfe in Fulda nicht nur wegen der Ergebnisse der Studie über die Verhältnisse im eigenen Land, sondern auch durch die Entwicklungen rund um den Globus. Der Umgang mit den nun drängenden Fragen könnte zur Schicksalsfrage für die katholische Kirche in Deutschland und weltweit werden. Sie hat in den vergangenen Jahren bereits viel Kredit bei den Menschen, auch bei den eigenen Gläubigen verspielt. Sie droht weiter an Glaubwürdigkeit zu verlieren. Entsprechend hoch sind die Erwartungen an die deutschen Bischöfe. Entscheidend wird sein, dass sie in der Frage Einigkeit und damit Entschiedenheit demonstrieren. Ob ihnen das nach den jüngsten internen Grabenkämpfen um die Kommunion für konfessionsverbindende Paare gelingen wird, ist ungewiss.

Die übrigen Tagesordnungspunkte der Vollversammlung treten angesichts der Debatte um den sexuellen Missbrauch in den Hintergrund. Die Bischöfe befassen sich zwar auch mit der Bischofssynode zur Jugend, die im Oktober im Vatikan stattfindet, mit der Flüchtlingsarbeit und dem Thema Organspende, doch im Zentrum der Diskussionen steht die Missbrauchsstudie und die Frage nach den Konsequenzen, die daraus zu ziehen sind.

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