Sie sind hier:

Vom Stasi-Bau zum Flüchtlingsheim - Was wird aus der Stasi-Zentrale?

Datum:

Einst war die sogenannte Mielke-Zentrale ein gefürchteter Überwachungs- und Repressionsapparat. Nach der Wende wurden Teile des Geländes zu einem Museum, es beherbergt ein Stasi-Archiv und dient aktuell als Flüchtlingsheim. Doch wie geht es weiter mit der ehemaligen Stasi-Zentrale?

Ab 1957 ist Erich Mielke Minister für Staatssicherheit der DDR.

Beitragslänge:
3 min
Datum:


Haus 15 in der einstigen Berliner Stasi-Zentrale an der Normannenstraße. Ein gigantischer Plattenbau. Endlose Flure. Es riecht nach Linoleum. Am Ende führt eine verborgene Treppe hinunter in den Keller. Nach einigen Stahltüren plötzlich ein Sauna-Schild in weißer Schrift auf blauem Grund. Hier also schwitzte die Stasi. Genauer die Mitarbeiter der Hauptverwaltung Aufklärung, kurz HVA, die Spionageabteilung des legendären Auslandschefs Markus Wolf. Ein Wandmosaik ziert die Sauna, in der Mitte ein großzügiges Tauchbecken. Rüdiger Kunz, Mitarbeiter des Deutschen Roten Kreuzes und derzeitiger "Hausherr": "Wir haben nicht damit gerechnet, dass es hier eine Sauna gibt. Sie war vor einigen Monaten noch halbwegs intakt. Es gab Sonnenliegen. Der Kessel war noch da. Es war alles sehr überraschend für uns."

Der Stasi-Bau wurde zum Flüchtlingsheim

Das Rote Kreuz nutzt den riesigen Gebäudekomplex seit anderthalb Jahren als Flüchtlingsheim. Anfangs waren hier über 1.500 Menschen untergebracht. Jetzt sind es noch rund 500 vor allem aus Syrien und Afghanistan. Eigentlich wollte das Rote Kreuz das Chefbüro von DDR-Spionagechef Markus Wolf zu einer Kita umbauen. Doch es blieb beim eigentlich. Bauvorschriften standen im Wege.

Das Rote Kreuz hält dennoch an seinen ehrgeizigen Zukunftsplänen für das Stasiobjekt fest. Hier soll ein Kommunales Integrationszentrum (KI) entstehen. Mit einem Ausbildungs-, Betreuungs- und Medizinischen Zentrum. Es wäre das größte in Deutschland. Raum wäre für mehrere tausend Menschen. Vorbilder für sogenannte Kommunale Integrationszentren existieren in Nordrhein-Westfalen.

"Wir wollen eine Brücke von der Vergangenheit zur Gegenwart schlagen"

Früher seien von der Stasi-Zentrale aus Menschen unterdrückt worden, so Kunz, jetzt sollen Geflüchtete aus aller Welt integriert werden. "Die Chancen für ein Integrationszentrum schwanken täglich. Der Bund fand es spannend. Das Land Berlin ist verhalten. Der Stadtbezirk Lichtenberg hält sich zurück."

Das Problem: Mehr als die Hälfte des Stasi-Geländes mit über 186.000 Quadratmetern Bürofläche steht leer. Es gehört zudem einem privaten Betreiber, der große Teile des Gebäudekomplexes vor sechs Jahren übernommen hat. Für einen symbolischen Euro von der Deutschen Bahn. Der Investor, ein junger Geschäftsmann vom Balkan, spekuliert auf das große Geschäft. Angeblich seien Mikroapartments geplant. Mit uns reden wollte er nicht.

Seit 2011 ist das Gelände offiziell Sanierungsgebiet

Im Januar 1990 wurde die einst gefürchtete Mielke-Zentrale vom Volk gestürmt. Das war vor 27 Jahren. Seitdem haben sich dort niedergelassen: ein vielbesuchtes Stasi-Museum, Archive des Bundesbeauftragten für Stasi-Unterlagen, ein Ärztezentrum, Wohnprojekte, ein Café und ein Flüchtlingsheim. Es ist ein buntes Durcheinander.

Seit 2011 ist das sieben Hektar große Gelände offiziell Sanierungsgebiet. Passiert ist seitdem wenig bis nichts. Stasi-Aktenchef Roland Jahn ist Hauptmieter. Er plant einen Campus für Demokratie: "Campus für Demokratie heißt für mich: Wir wollen uns nicht festhalten am Leid der Vergangenheit, sondern in die Zukunft schauen. Die nächste Generation soll hierher kommen können und für sich etwas gewinnen. Freiheit leben, aber sich auch daran erinnern, was es bedeutet, wenn Menschen unfrei sind", so Jahn. Bisher fehle jedoch eine steuernde Hand für das Vorhaben.

"Die schlechteste Lösung wäre, alles so zu lassen wie es ist"

Auf dem Innenhof haben Bürgerrechtler von der Robert-Havemann-Gesellschaft ihre Ausstellung zur friedlichen Revolution aufgebaut. Wo einst Minister Erich Mielke seine Getreuen zum Appell antreten ließ, zeigen Schautafeln die Geschichte von Staatsicherheit, Unterdrückung und Opposition. Tom Sello, lange Mitglied im Fachbeirat der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, kümmert sich bei der Robert-Havemann-Gesellschaft um die Öffentlichkeitsarbeit: "Hier war einer der Revolutionsorte. Hier wurde das Gebäude gestürmt. Die Stasi wurde entmachtet. Die letzte Bastion der SED fiel."

Die Havemann-Gesellschaft zieht im Juli auf das Gelände. Ihr altes Domizil am Prenzlauer Berg war gekündigt worden. Auch Sello hofft, dass nach Jahrzehnten des Stillstandes der Berliner Senat aktiv wird. "Es ist nicht nur ein Ort für Denkmalschutz, hier soll etwas geschehen. Es gibt viele gute Ideen. Auch sich Widersprechendes. Die schlechteste Lösung wäre, alles so zu lassen wie es ist."

Eine einmalige Chance für Berlin

Tatsächlich scheint der rot-rot-grüne Senat das heiße Eisen nun anpacken zu wollen. Berlins Senatorin für Stadtentwicklung Katrin Lompscher (Die Linke) will "schrittweise" Zukunftspläne im Rahmen des Stadtumbaus Ost entwickeln. Im August sollen alle Beteiligten von Bund, Land und privaten Eigentümern zu einer "Standortkonferenz" zusammenkommen. "Ich glaube, das Stasi-Gelände ist zu groß für ein Freilichtmuseum", so Lompscher. "Es ist ein guter Ort, wo sich Dinge begegnen können und müssen. Wenn alle an einem Strang ziehen, dann muss dieses Großprojekt keine Dauergeschichte des Leides sein."

Berlin hat diese einmalige Chance der Stadtreparatur bislang nur halbherzig genutzt. Vielmehr wurden die Dinge einfach laufen gelassen. Jetzt in Zeiten von Zuzug, steigenden Mieten und Wohnungsnot besteht die einmalige Chance, einen heruntergekommen Ort der Vergangenheit in ein vorzeigbares Zukunftsprojekt zu verwandeln. In einen Ort für Arbeiten, Wohnen und Integration. Ob Berlin das schafft?

Um unser Web-Angebot optimal zu präsentieren und zu verbessern, verwendet das ZDF Cookies. Durch die weitere Nutzung des Web-Angebots stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Näheres dazu erfahren Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Gemerkt auf Mein ZDF! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert auf Mein ZDF! Abo beendet Embed-Code kopieren HTML-Code zum Einbetten des Videos in der Zwischenablage gespeichert

Sie wechseln in den Kinderbereich und bewegen sich mit Ihrem Kinderprofil weiter.