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Nach Putschversuch in der Türkei - Von der Lehrerin zur Putzfrau

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Nach dem Putschversuch in der Türkei haben Zehntausende ihre Jobs verloren: Einstige Lehrer und Richter schlagen sich heute mit Putzjobs oder auf dem Bau durch.

Haupteingang der Universität Istanbul
Haupteingang der Universität Istanbul: Die Entlassungswelle nach dem Putschversuch hat viele Wissenschaftler getroffen.
Quelle: imago

Bis vor drei Jahren unterrichtete Elif als Lehrerin an einem Gymnasium im Südwesten der Türkei. Heute arbeitet sie an einer Privatschule in Ankara - allerdings nicht mehr als Lehrerin, sondern als Putzfrau. "Während die Lehrer ihre Kurse geben, bereite ich das Essen zu und putze die Toiletten", seufzt die 37-Jährige.

Wie 33.000 weitere Lehrer in der Türkei wurde Elif nach dem versuchten Militärputsch vom 15. Juli 2016 gegen Präsident Recep Tayyip Erdogan per Dekret entlassen. Drei Jahre danach kämpft sie immer noch darum, wieder auf die Beine zu kommen.

"Mein Leben beginnt bei Null"

"Ich bin 37 Jahre alt und beginne mein Leben bei Null", sagt Elif, die eigentlich anders heißt. Wie Zehntausende andere Staatsbedienstete wurde sie verdächtigt, zur islamischen Gülen-Bewegung zu gehören, die Erdogan für den Putschversuch verantwortlich macht.

Elif, die ein kariertes Kopftuch trägt und sich als "linke Muslimin" bezeichnet, gibt zwar zu, mit der Bewegung "sympathisiert" zu haben. Sie bestreitet aber, "aktives Mitglied" gewesen zu sein.

Der Ehemann wurde inhaftiert

Nach ihrer Entlassung wurde Elif wegen der Mitgliedschaft in einer Gewerkschaft, die der Gülen-Bewegung nahestand, angeklagt. Eine Untersuchungshaft blieb ihr erspart, allerdings musste sie sich zehn Monate lang regelmäßig bei der Polizei melden. Ihr Ehemann, ebenfalls Lehrer, wurde acht Monate inhaftiert. Als er schließlich freikam, trennte sich das Paar.

Er sei "völlig durcheinander" gewesen und habe sie beleidigt und misshandelt, sagt Elif. Seit der Scheidung muss sie sich allein um ihre drei Kinder kümmern - und das mit einem Einkommen von nur 1.000 Lira (etwa 156 Euro). Als sie noch Lehrerin war, verdiente sie 4.500 Lira. Heute reicht das Geld gerade für die Miete. Überleben kann sie nur dank ihrer Schwester und einiger Freunde.

Per Notstandsdekret entlassen

Ahmet kann dagegen nicht auf seine Freunde zählen, da viele den Kontakt abgebrochen haben. Der 44-jährige Chemieprofessor, der genauso wie Elif seinen wirklichen Namen nicht veröffentlicht wissen will, wurde zusammen mit seiner Frau, die ebenfalls an der Universität arbeitete, per Notstandsdekret entlassen. Für das Paar war die Entlassung ein "Schock".

Ahmet gehört zu den Tausenden hochqualifizierten Türken, die unter dem Ausnahmezustand nach dem Umsturzversuch ihren Job verloren und gezwungen waren, sich beruflich neu zu orientieren. Ein Akademiker, der heute auf dem Bau arbeitet, ein Richter, der Tee verkauft, ein Polizist, der als Hausmeister arbeitet, sind nur einige Beispiele.

Rund 1.200 Bewerbungen geschrieben

Um über die Runden zu kommen, musste Ahmet zeitweise auf der Straße selbst angebautes Obst und Gemüse verkaufen. Rund 1.200 Bewerbungen habe er geschrieben, er sei jedoch nur 30 bis 40 Mal eingeladen worden, sagt er. "Als ich den Arbeitgebern meine Situation erklärte, haben sie mich abgelehnt", erzählt Ahmet. Eventuell könnte er schwarzarbeiten, doch das lehnt er ab.

Die Leute wissen genau, dass wir nichts Falsches gemacht haben, doch alle haben extreme Angst.
Elif, entlassene Lehrerin

Auch Elif hat keinen Job als Lehrerin finden können, nachdem sie aus dem Staatsdienst entlassen wurde. Privatschulen scheuen sich, entlassene Lehrer einzustellen. "Die Leute wissen genau, dass wir nichts Falsches gemacht haben, doch alle haben extreme Angst", sagt Elif.

"Schauen Sie, auch ich will nicht, dass Sie meinen Namen veröffentlichen, weil ich Angst habe."

Um völlig rehabilitiert zu werden und ihren Reisepass zurückzubekommen, hofft Elif nun auf die Beschwerdekommission, bei der sie Einspruch gegen ihre Entlassung eingelegt hat. Meist lehnt die Kommission die Beschwerden aber ab. Ahmet hofft seinerseits darauf, dass die Justiz ihn freispricht. Danach will er mit seiner Frau und den zwei Kindern die Türkei verlassen.

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