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Adel in Europa - "Titel sind was für Spießer und Hochstapler"

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Alexander von Schönburg kennt die Welt des Adels. Die habe kaum noch Tabus. Es sei kein Problem mehr, dass Prinz Harry eine geschiedene Bürgerliche aus einer Chaos-Familie heirate.

Alexander Graf von Schönburg-Glauchau, aufgenommen am Rande der MDR-Talkshow "Riverboat" am 27.05.2016 in Leipzig
Alexander Graf von Schönburg-Glauchau
Quelle: dpa-Zentralbild

heute.de: Wie spreche ich Sie richtig an?

Alexander von Schönburg: Im Geschäftsleben nenne ich mich Alexander von Schönburg und privat läuft alles auf Vornamensbasis, also Alexander.

heute.de: Was ist aus den historischen Titeln geworden? So mancher Fürst lässt sich doch mit "Durchlaucht" anreden.

von Schönburg: Ich wohne in Berlin. Ich bin Etagen-Adliger und wenn ich ins Büro gehe, bin ich Redakteur, also Angestellter. Mich kann man nicht mit einem Fürsten vergleichen, der noch auf seinem Stammsitz residiert und lokal und regional eine Rolle spielt - wirtschaftlich, kulturell und politisch.

heute.de: Trotzdem gibt es Leute, die auf ihren Adelstitel Wert legen.

von Schönburg: Das machen eher Hochstapler. Titel sind etwas zutiefst Spießiges, eher norddeutsch als süddeutsch. Ich kenne keinen Adligen, der sich als "Freiherr von so und so" oder als "Graf von das und das" vorstellt.

heute.de: Was bedeutet für Sie der Spruch "Adel verpflichtet"?

von Schönburg: Gewisse Traditionen in der heutigen Zeit zu verteidigen, zum Beispiel die Familie. Das ist etwas, was aus der Mode kommt. Die EU-Richtlinie zur Familienpolitik empfiehlt das schwedische Modell: Möglichst beide Elternteile sollen früh berufstätig sein.

heute.de: Was ist daran schlecht?

von Schönburg: Kinder werden schnell aus der klassischen Familie gerissen. Autorität gilt den Kulturmarxisten als archaisch und überholt, Hierarchie als faschistisch, Autorität darf in ihren Augen nur das Kollektiv haben. Hier berühren sich Marxismus und Neo-Kapitalismus. Alle sollen arbeiten, alle sollen dem Wirtschaftskreislauf zur Verfügung stehen. In Zeiten, in der die Familie soziologisch, wirtschaftlich und kulturell unter Beschuss ist, haben Angehörige alter Eliten, dazu gehört der Adel, aber auch das klassische Bürgertum, die Pflicht, die Institution Familie, die Verwandtschaft, den Zusammenhalt zu verteidigen.

heute.de: Prinz Harry heiratet eine Bürgerliche und niemand nimmt daran Anstoß. Wundert Sie das?

von Schönburg: Nein, wir leben ja nicht mehr im Jahr 1960. Damals hat Prinzessin Margaret den bürgerlichen Fotografen Antony Armstrong geheiratet. Aus Protest hat der gesamte britische Hochadel seine Teilnahme an der Hochzeit abgesagt. Jetzt werden die zum Großteil gar nicht zur Hochzeit eingeladen.

heute.de: Meghan ist geschieden. Auch das scheint nicht mehr zu stören.

von Schönburg: Mit Prinz Charles wird sogar ein geschiedener Mann voraussichtlich König. Bei Prinzessin Margaret war das noch anders: Sie konnte ihre große Liebe nicht heiraten, weil der Mann geschieden war. Die Tabus fallen peu à peu, die englische Monarchie macht seit Diana das durch, was die katholische Kirche auch versucht: ein gewisses Aggiornamento, der Versuch, zeitgemäßer zu sein. Updates gibt's auch in den Königshäusern.

heute.de: Sich anpassen an die Welt von heute - geht da nicht viel verloren?

von Schönburg: Das Mysterium Monarchie lässt sich entzaubern. Anderseits ist die Fähigkeit, mit der Zeit zu gehen, vermutlich eines der Überlebensgeheimnisse der britischen Monarchie. Williams Hochzeit mit einer Frau aus der Mittelklasse und Harrys Hochzeit mit einer Frau aus der Unterschicht - das erdet das Königshaus. Das macht populär und schafft Legitimität.

heute.de: Meghans afroamerikanische Herkunft wird fast immer betont. Ist das positive Diskriminierung - oder versteckter Rassismus?

von Schönburg: Es ist Beleg dafür, dass die Botschaft ankommt. Hier kommt keine Prinzessin, sondern eine selbstbewusste Frau mit einer Geschichte, wie sie viele Menschen erleben: Sie ist die Tochter einer schwarzen Alleinerziehenden, sie ist in prekären Verhältnissen aufgewachsen, ihre Familie ist zerstritten - und trotzdem hat sie es geschafft. Sie hat eine Filmkarriere hingelegt, vertritt selbstbewusst feministische Positionen, engagiert sich in der Dritten Welt. Wenn sich das Königshaus jemand backen müsste, um seine Modernität zu beweisen, müsste sie so aussehen wie Meghan Markle.

heute.de: Kann das britische Königshaus gar nichts mehr schockieren? Was wäre gewesen, wenn Harry schwul wäre?

von Schönburg: Ein prominenter Mann der anglikanischen Kirche, Kelvin Holdsworth, Propst der St. Mary's Cathedral in Glasgow, hat gesagt: Wir sollten dafür beten, dass Williams und Kates Sohn schwul wird und mal einen Mann heiratet. Dann wäre das Königshaus endgültig in der Moderne angekommen. Viele Tabus sind in den letzten Jahrzehnten gefallen. Wir dürfen gespannt sein, welches die nächsten sind. Meistens beschleunigen sich die Entwicklungen.

heute.de: Schauen Sie sich das Event im Fernsehen an?

von Schönburg: Nein, mir reicht schon, was man zwangsläufig so mitbekommt. Man kann sich der Hochzeit ja nicht entziehen.

heute.de: Hatten Sie bei Ihrer Hochzeit freie Hand – oder galt auch hier "Adel verpflichtet"?

von Schönburg: Meine Gästeliste war ein Kunstwerk. Eine total wilde Mischung, Freunde aus dem Nachtclub waren ebenso da wie die damalige spanische Königin Sofia, dazwischen Uwe Ochsenknecht und ein Rabbi, der früher Chef von Greenpeace war. Es waren Leute dabei, die nicht mit Messer und Gabel essen können, und Leute, die mit gebundener Krawatte beim Frühstück sitzen. Die gute Mischung ist das Geheimnis jeder Party, insofern wird die Hochzeit von Harry und Meghan sicher ziemlich lustig.

Das Interview führte Raphael Rauch.

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