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Baustopp vor 30 Jahren - Als der Kampf um Wackersdorf entschieden wurde

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Die Wiederaufarbeitungsanlage war das Prestigeprojekt von Franz Josef Strauß. Doch schon bald bestimmten bürgerkriegsähnliche Zustände und ein deutsches Woodstock die Schlagzeilen.

Vier Jahre Streit um die atomare Wiederaufarbeitungsanlage in der Oberpfalz.

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Die Wiederaufarbeitungsanlage (WAA) in Wackersdorf war ein Prestigeprojekt des damaligen bayerischen Ministerpräsidenten Franz Josef Strauß. Ein Projekt, von dem er voll und ganz überzeugt war. "Wir können für eine vorausschauende Zukunft auf die Kernenergie nicht verzichten, weil es für sie keinen Ersatz gibt", erklärte er und versprach der strukturschwachen Oberpfalz zu Beginn 3.000 saubere Arbeitsplätze. Schließlich sei die geplante Atomfabrik "nicht gefährlicher als eine Fahrradspeichenfabrik."

Schon als die ersten WAA-Pläne Anfang der 1980er-Jahre bekannt wurden, organisierten sich viele Oberpfälzer aus allen gesellschaftlichen Schichten gegen die Atomfabrik. An die ungefährliche Technologie wollten sie nicht glauben. Als dem damaligen SPD-Landrat von Schwandorf, Hans Schuierer, erklärt wurde, ein 200 Meter hoher Schornstein auf dem Gelände sei dazu da, die radioaktiven Schadstoffe möglichst breit zu verteilen, war auch dessen Geduld am Ende. "In diesem Moment wurde ich vom Befürworter zum entschiedenen Gegner. Das ganze WAA-Gebilde war von Anfang bis Ende ein einziges Lügengebilde", sagt der heute 88-Jährige.

Baubeginn der WAA trotz massiver Bürgerproteste

Trotz massiver Proteste verkaufte der Freistaat das vorgesehene Gelände im Taxöldener Forst - 138 Hektar - im Oktober 1985 an die Deutsche Gesellschaft für Wiederaufarbeitung von Kernbrennstoffen (DWK). Am 10. Dezember begannen die Rodungsarbeiten.

Wiederaufbereitungsanlage Wackersdorf (Grafik)
Pläne der Wiederaufarbeitungsanlage Wackersdorf
Quelle: pr

Ab diesem Zeitpunkt bekamen die Oberpfälzer Unterstützung aus der ganzen Bundesrepublik. Ende 1985 bauten die Atomkraftgegner ein riesiges Hüttendorf, unterstützt von der oberpfälzischen Bevölkerung. "Endlich ist unser Protest auch bundesweit bekannt geworden", sagte Wolfgang Nowak, damaliges Mitglied der Bürgerinitiative gegen die WAA. Doch schon im Januar 1986 räumte ein Aufgebot von mehreren tausend Polizisten das Hüttendorf, nahm hunderte friedliche Demonstranten fest. Es war der Auftakt eines Jahre andauernden Widerstands.

CS-Gas gegen Demonstranten

In den folgenden Monaten wurden die Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und Polizei immer heftiger. Am Ostermontag 1986 demonstrierten rund 100.000 Menschen in Wackersdorf. Unter ihnen auch gewaltbereite. Doch dass die Polizei wegen dieser Minderheit verbotenes Reizgas einsetzte, macht Hans Schuierer noch heute wütend. "Man hat CS-Kampfgas, das nach der Genfer Konvention verboten ist, sogar gegen friedliche Demonstranten, gegen Frauen, Kinder und alte Leute verwendet. Noch mehr Brutalität gibt es gar nicht", so Schuierer.

Der GAU des Atomreaktors von Tschernobyl am 26. April 1986 bestätigte die Befürchtungen der Atomkraftgegner. Doch Ministerpräsident Strauß ignorierte alle Bedenken mit den Worten: "Tschernobyl steht nicht in Bayern, es steht in der Ukraine. Und es ist kein marxistisches, sondern ein murkistisches Pfuschwerk gewesen."

Bürgerkriegsähnliche Auseinandersetzungen

In dieser aufgeheizten Stimmung kam es an Pfingsten 1986 schließlich zu bürgerkriegsähnlichen Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und der Polizei. Auf Molotowcocktails, Stahlkugeln und Steine der Demonstranten reagierte die Polizei mit Schlagstöcken, Wasserwerfern und CS-Reizgas, das aus Hubschraubern abgeworfen wurde. Dies brachte selbst für friedliche Bürger das Fass zum Überlaufen. "Ich kann mich noch gut erinnern, wie eine alte Oma einem Demonstranten in der Plastiktüte Steine hingetragen hat", sagt Klaus Pöhler, ebenfalls ein Bürgerinitiativler aus der Oberpfalz. Mehr als 600 Menschen wurden an diesem Tag verletzt - überwiegend Demonstranten.

Nach den Vorfällen an Pfingsten solidarisierten sich deutsche Musiker mit den Atomkraftgegnern. Am 26. und 27. Juli 1986 veranstalten Udo Lindenberg, Herbert Grönemeyer, Die Toten Hosen, BAP, Rio Reiser und andere ein Anti-WAA-Festival im oberpfälzischen Burglengenfeld. Mehr als hunderttausend Besucher kamen zu diesem Konzertwochenende - und alles blieb friedlich.

Baustopp für Wackersdorf

Spätestens jetzt war die WAA Wackersdorf bundeweit im Gespräch. Immer mehr Menschen schlossen sich dem Widerstand der Atomkraftgegner an. Drei weitere Jahre gingen sie immer wieder auf die Straße, in den Taxöldener Forst und klagten gegen die Baugenehmigung.

Am 31. Mai 1989 schließlich war es so weit: Die Energiebetreiber verkündeten den Baustopp. Der jahrelange Widerstand der Bevölkerung und die nicht mehr kalkulierbaren Kosten hatten das Projekt endgültig zum Scheitern gebracht. Die WAA in Wackersdorf war damit Geschichte. Für Atomkraftgegner, die Oberpfälzer und Landrat Schuierer ein Jubeltag: "Man kann heute gar nicht mehr beschreiben, was für Gefühle das sind, wenn die Bemühungen und die ganzen Auseinandersetzungen doch noch zum Erfolg führen. Es war ein Riesenerfolg für uns alle."

Ein kleiner Ort in der Oberpfalz wurde für seinen Widerstand gegen eine geplante Wiederaufbereitungsanlage berühmt: Im Spielfilm „Wackersdorf“ stehen nicht die kriegsähnlichen Zustände am Bauzaun, sondern das politische Tauziehen dahinter im Mittelpunkt.

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