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Spanischer Bürgerkrieg und Francos Erbe - "Geschichte nach 80 Jahren noch nicht bewältigt"

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Noch immer erinnern in Spanien Straßennamen und Denkmäler an Diktator Franco. Der Bürgerkrieg sei "nie richtig verarbeitet worden", meint Politikwissenschaftler Mario Kölling.

Valle de los Caidos: Grabstätte von Francisco Franco
Das "Tal der Gefallenen" ist Francisco Franco Grabstätte - und eine Pilgerstätte für seine Anhänger.
Quelle: dpa

Es ist ein dunkles Kapitel spanischer Geschichte. Im Bürgerkrieg, der vor 80 Jahren beendet wurde, kämpften faschistische Truppen gegen Anhänger der republikanischen Regierung - und nahmen den Tod Hunderttausender Menschen in Kauf. Grausam waren vor allem die Methoden der Nationalisten, an deren Spitze General Francisco Franco stand. Sie sollen unzählige Menschen erschossen und in Massengräbern verscharrt, Babys "regimefeindlicher" Mütter verschleppt haben. Viele Tode sind noch immer ungeklärt.

Grund genug, alles aus der Öffentlichkeit zu verbannen, was an den spanischen Diktator erinnert. Doch erst vor wenigen Wochen heißt es aus dem Justizministerium: Mindestens 1.170 Straßen und Plätze sind noch immer nach Vertretern der Franco-Diktatur benannt. Und als die spanische Regierung Francos sterbliche Überreste aus einer Basilika bei Madrid entfernen will, ist der Protest groß. Bis heute ist das gigantische Mausoleum eine Pilgerstätte für Menschen, die den toten Diktator verehren und rechtsextremes Gedankengut pflegen.

heute.de: Wie geht man heute in Spanien mit der Franco-Diktatur um?

Mario Kölling: Wenn man sich die Debatte anschaut um die Umbettung des Diktators, sieht man, dass die Wunden scheinbar noch nicht geheilt sind. Das ist hoch politisch, obwohl man davon gar nicht ausgegangen war. Doch wieder sind die Seiten sehr stark polarisiert. Daran sieht man, dass auch nach 80 Jahren die Geschichte noch nicht bewältigt und aufgearbeitet wurde.

heute.de: Welche Lager stehen sich da gegenüber?

Kölling: Traurigerweise gibt es da scheinbar nur zwei Lager, die sich frontal gegenüberstehen. Obwohl natürlich ein Großteil der Spanier von diesem Thema großen Abstand genommen hat. Auf der einen Seite gibt es die Position derer, die die Geschichte aufarbeiten, bewältigen wollen. Auf der anderen Seite sind diejenigen, die sagen: Das ist alles aus einer vergangenen Zeit und man soll das lieber alles so lassen wie es ist und auch nichts mehr daran ändern.

heute.de: Wer vertritt diese Position?

Kölling: Das ist schon eine signifikante, große Gruppe, die sich teilweise auf der ganz extremen Seite befindet. Und die jetzt mit dem Wachsen der rechten Partei Vox auch wieder stärker in der politischen Debatte präsent ist. Aber da gibt es natürlich auch viele Graustufen: Personen, die in der PP (Anm. d. Red.: Partido Popular ist eine konservative und christdemokratische Partei in Spanien) ihr politisches Zuhause gefunden haben oder ganz normale Leute, deren Väter oder Großväter auf der einen oder anderen Seite des Bürgerkriegs gestanden haben und die immer noch in dieser Konfliktlinie denken.

Francisco Franco während des spanischen Bürgerkriegs
Franco ging als Sieger aus dem Bürgerkrieg von 1936 bis 1939 hervor und hielt sich bis zu seinem Tod 1975 an der Macht.
Quelle: AP

heute.de: Wie kann das sein - 80 Jahre nach Ende des Bürgerkriegs?

Kölling: Man darf nie vergessen, dass wir über einen Bürgerkrieg sprechen - über einen Krieg, der plötzlich ausbrach und Familien auseinanderriss. Brüder haben manchmal auf verschiedenen Seiten gekämpft. Im Dorf war ganz klar, welche Familie zu den Roten gehörte und welche Familie zu den Franco-Anhängern. Dass man weiß, in welchem Dorf der Großvater vielleicht an der Erschießung eines anderen aus dem Dorf beteiligt war - das sind natürlich Konflikte, die auch nach Jahrzehnten nicht verarbeitet worden sind.

heute.de: Als Franco 1975 starb und die Diktatur endete, einigten sich Nationalisten und Oppositionelle auf ein Amnestiegesetz, das allen Tätern Straffreiheit zusichert. Wurde damit eine Aufarbeitung der Verbrechen verhindert?

Kölling: Nach Francos Tod gab es einen "Pakt des Schweigens", um dieses konfliktreiche Thema nicht in die politische Debatte zu tragen. Wichtig war der Übergang zur Demokratie, eine Zivilgesellschaft zu gründen und wirtschaftlicher Aufbau. Deshalb haben sich die großen Parteien darauf geeinigt, die Verbrechen nicht zu thematisieren. Das war wichtig, um politische Stabilität zu bekommen. Aber in der politischen Debatte haben wir gesehen, dass das Thema immer wieder hochkocht, um von der einen oder anderen Seite genutzt zu werden für die eigenen politischen Interessen.

heute.de: 2007 hat die spanische Regierung "Gesetz über die historische Erinnerung" erlassen. Danach wurden etwa Massengräber geöffnet und historische Archive zugänglich gemacht. Was muss darüber hinaus getan werden, um die Geschichte aufzuarbeiten und die unterschiedlichen Lager zu vereinen?

Kölling: Es muss eine breite kulturelle und politische Debatte geben zwischen den großen Parteien. Aber so, wie es im Moment aussieht, steuern wir auf eine noch stärker polarisierte Gesellschaft hin. Es wird wohl noch mehrere Jahre dauern bis wir wirklich davon sprechen können, dass die Geschichte bewältigt ist.

Das Interview führte Nina Niebergall.

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