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Vor dem Diesel-Gipfel - Der lange Weg zu besserer Luft

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Der Diesel und die Luft in unseren Städten beherrschen die öffentliche Diskussion. Wenn Kanzlerin Merkel sich heute mit Städtevertretern trifft, wird es aber nicht nur um Fahrverbote gehen, sondern auch um die Forderung der Kommunen nach Unterstützung für neue Mobilitätskonzepte.

Umrüsten oder neu kaufen, das fragen sich viele Fahrer von Diesel-PKW. Die Umweltprämie soll sie dazu bringen, einen Neuwagen anzuschaffen. Darauf hoffen nicht nur die Autohäuser, sondern auch Autoverwerter und Schrottplätze.

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Viele Augen schauen derzeit nach Berlin. Denn während Deutschland sich den Kopf zerbricht, ob ein Fahrverbot für Diesel kommt, wenn in unseren Städten die Belastung mit Feinstaub und Stickoxid unverändert hoch bleibt, ist man in der Bundeshauptstadt zumindest ein Stückchen weiter. Dort hat Regine Günther, Senatorin für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz, Anfang August einen Referentenentwurf für das erste Mobilitätsgesetz in Deutschland vorgelegt. Ziel: durch den Umstieg möglichst vieler Bürger auf Bus, Bahn und Fahrrad die Berliner Luft verbessern.

Langfristige Planungen in Berlin

Noch ist das Gesetz nicht durch, und überhaupt sind die Ziele natürlich langfristig orientiert. Bis 2050 soll der Verkehr in Berlin klimaneutral sein. Auch wenn der Weg also noch weit ist, setzt man in der Bundeshauptstadt auf dieses Gesetz, weil es eine verbindliche Grundlage für alle Arten der Mobilitätsplanung darstellt. Eine Drei-Millionen-Metropole lässt sich halt nicht mal so eben umplanen.

Luftqualität ist aber nicht nur in den größten Städten wie Hamburg, Stuttgart, Köln oder eben Berlin ein Thema. Beispiel Aachen mit seinen rund 245.000 Einwohnern: Auch dort gibt es Straßenzüge, in denen die Messwerte für Stickoxid die Grenzen des Erlaubten überschreiten. Seit Jahren arbeitet die Stadt deshalb an Konzepten, die Luftqualität zu verbessern. Und während in den meisten Städten schon längst Umweltzonen eingerichtet waren, beschritt man in Aachen einen anderen Weg - hin zu einem geänderten Mobilitätsverhalten.

Mit neuen Radwegen Anreize für den Umstieg geschaffen

"Unsere Umweltexperten haben schon damals prognostiziert, dass Umweltzonen, die nur mit grüner Plakette befahren werden dürfen, kaum Ergebnisse bringen dürften", erinnert sich Stadtsprecher Harald Beckers. Stattdessen setzte man auf kontinuierliche Veränderung. "Wir haben zunächst auf zwei Ringstraßen um die Altstadt durch neue Straßenmarkierungen Anreize geschaffen, um verstärkt Rad zu fahren", so Beckers. "Da wir eine Hochschulstadt sind, haben wir wahrscheinlich ohnehin mehr Radfahrer als andere Städte, aber gerade im Zuge der E-Bikes scheinen mittlerweile doch deutlich mehr Menschen auf zwei Rädern unterwegs zu sein."

Eine Entwicklung, die die Stadt weiter fördern will: Ausfallstrecken für Radler in die Stadtbezirke und Querverbindungen untereinander sollen speziell erschlossen werden. Plus ein Radschnellweg, der das 15 Kilometer entfernte Herzogenrath an Aachen anschließen soll. Was übrigens nicht jeden freut: "Wenn Straßen für Autos gebaut werden, ist das für alle selbstverständlich, aber bei einer Asphaltstrecke für Fahrräder stellen wir doch Skepsis fest", sagt Stadtsprecher Beckers.

Erfolgreiches Netzwerk aus Stadt und IHK

Anfängliche Berührungsängste gab es auch, als sich die Stadt Aachen für ÖPNV-Firmentickets stark gemacht hat. "Wie viele Unternehmen da mitmachen, hängt auch davon ab, wie die Unternehmenschefs dazu eingestellt sind", sagt Beckers. Als überaus hilfreich erwiesen hat sich dabei eine Kooperation mit der IHK Aachen, die eigens für das Thema Mobilität eine Stelle geschaffen hat. Ergebnis: kürzere Wege in die Unternehmen, wachsende Nachfrage und die Kooperation der Verkehrsbetriebe auch mit Unternehmen, die nicht gleich 100 Mitarbeiter haben. Unterm Strich also mehr günstige ÖPNV-Tickets und weniger Autoverkehr.

Womit schon das nächste Thema angestoßen wäre, der öffentliche Personennahverkehr. "Wir sehen großes Potenzial unter anderem bei der Nachrüstung kommunaler Busflotten", sagt Dorothee Saar vom Verein Deutsche Umwelthilfe. Eine Umrüstung brächte schnelle und gute Ergebnisse für die Abgasbilanz, werde aber aus Kostengründen kaum genutzt. "Das ist eine Frage des politischen Willens und des entsprechenden Budgets", so Saar.

Busflotten lassen sich nicht mal eben austauschen

Dass und wie Kommunen die Modernisierung ihrer Busflotten im Blick haben, zeigt das Beispiel Darmstadt, wo vor einigen Tagen der aktuelle Stand zur Luftreinhaltung präsentiert wurde. 65 Prozent aller Busse erfüllen demnach die Abgasnorm 6, der Rest hat mindestens Euro 5. Im Herbst 2017 sollen in Darmstadt nun zwei Busse mit Elektroantrieb angeschafft werden. Aus betriebswirtschaftlicher Sicht eigentlich logisch, dass ein ganzer Fuhrpark nicht einfach so ausgetauscht werden kann.

"Selbst wenn man 250 Fahrzeuge gerne austauschen will, geht das einfach nicht so schnell", bestätigt Harald Beckers in Aachen. Auch dort wurden schon einige Elektrofahrzeuge angeschafft, aber das benötige eben entsprechende Mittel. "Über solche Kosten stolpern gerade die meisten Kommunen. Außerdem herrscht große Unsicherheit darüber, ob man schon jetzt in Elektromobilität investieren oder vielleicht doch besser auf die nächste Batterien-Generation warten soll. Da ist auf allen Einkaufsetagen große Zurückhaltung."

Nicht nur der Ruf nach einer blauen Plakette

Im heutigen Gespräch mit der Kanzlerin werden kommunale Vertreter deshalb sicherlich nicht nur erneut über die Möglichkeit einer blauen Plakette für Dieselfahrzeuge reden, um Dreckschleudern aus Umweltzonen verbannen zu können - sondern eben auch darüber, wie der Bund zukunftsweisende Mobilitätspläne in den Städten finanziell mit tragen kann. Der Diesel alleine, da sind sich viele Experten einig, ist nämlich nicht das alleinige Problem verschmutzter Innenstadt-Luft.

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