Sie sind hier:

Gespräche von Nord- und Südkorea - Kein Interesse an wirklichem Durchbruch

Datum:

Weder Nord- noch Südkorea haben Interesse an einem wirklichen Durchbruch in den anstehenden Gesprächen, sagt Korea-Experte Rüdiger Frank. "Aber reden ist besser als nicht reden."

Soldaten der Südkoreanischen Armee bewachen die Zufahrt zur demilitarisierten Zone nahe der Grenzstadt Panmunjom, Südkorea am 04.01.2018
Südkoreanische Soldaten in der Grenzstadt Panmunjom. Hier sollen die Gespräche stattfinden. Quelle: ap

heute.de: Am Dienstag soll es erstmals wieder Gesprächen zwischen Nord- und Südkorea geben. Schon das Zustandekommen des Termins wird als Zeichen der Entspannung gewertet. Wie sehen Sie das?

Frank: Das Gespräch ist ganz wichtig, denn wir hatten bisher ja die Situation, dass lange Zeit gar nicht geredet wurde. Das wird jetzt wieder normalisiert, nicht mehr und nicht weniger.

heute.de: Offiziell soll es bei den Gesprächen um Nordkoreas Teilnahme bei den olympischen Winterspielen in Südkorea gehen. Ist das wirklich das Hauptthema?

Frank: Sie sind der Anlass. Die Zeit drängt, die Spiele gehen am 9. Februar los. Bis dahin ist zum Beispiel zu klären, ob die Nordkoreaner überhaupt teilnehmen und in welcher Form. Südkorea hat ein großes Interesse daran, dass die Spiele nicht gestört werden. Unangenehmerweise finden aber eigentlich die alljährlichen Militärmanöver in diesem Zeitraum statt. Sie sind bereits verschoben worden, und vielleicht ist auch eine Reduktion machbar. Sie nicht stattfinden zu lassen ist wohl für Washington derzeit keine Option. Es wäre ohnehin schwer gewesen, der Weltöffentlichkeit olympische Spiele zu verkaufen, die unter dem Gedanken des Friedens stattfinden, und sich zugleich sichtbar auf Militärmanöver vorzubereiten. Der weitere Fortschritt hängt jetzt sehr vom Good Will der Amerikaner ab und davon, ob Nordkorea die Verschiebung als positives Zeichen ansieht, oder sie als unzureichend abtut und einen völligen Verzicht fordert.

Zur Person

heute.de: Aber es geht doch um mehr, als um den Erfolg der Spiele?

Frank: Ja natürlich. Grundsätzlich ist für Nordkorea immer das Staatsziel Nummer 1 die Wiedervereinigung unter Führung Pjöngjangs. Für Südkorea ist es wichtig, eine Normalisierung in der Beziehung mit Nordkorea hinzubekommen; die Euphorie in Südkorea bezüglich einer schnellen Wiedervereinigung hält sich zwar in Grenzen, aber die meisten Menschen präferieren zumindest eine friedliche Teilung. Da sieht man es kritisch, wenn mit dem Norden überhaupt keine politische Kooperation zustande kommt. Man will also irgendwo einen „Modus vivendi“ mit Nordkorea finden.

Nordkorea hofft außerdem ganz klar darauf, auf dem Weg einer Annäherung mit Südkorea die Sanktionen unterlaufen zu können und alternative Einnahmemöglichkeiten aufzutun. Den Südkoreanern ist das völlig klar. Es ist quasi ein Spiel der unterschiedlichen Ziele, von denen jede Seite auch weiß.

Heute.de:  Die politische Ausgangssituation könnte unterschiedlicher nicht sein: Kim Jong Un will, dass Nordkorea als Atommacht anerkannt wird, er wird kaum von seiner Position abweichen. Südkorea will ein atomwaffenfreies Korea. Wie viel Spielraum ist zwischen diesen beiden Positionen?

Frank: Beide Länder sind Teile Koreas und Korea hat immer das Problem, sich als ein Land zu behaupten, das eingeklemmt ist zwischen dem riesigen China und dem nicht weniger bedrohlichen Japan, das ja immerhin schon einmal Korea kolonialisiert hat. Das ist eigentlich das, was beide vereint. Sie versuchen nur auf unterschiedliche Art und Weise mit der Situation klarzukommen. Südkorea im Augenblick noch durch die enge Allianz mit den Vereinigten Staaten und dem Westen insgesamt; Nordkorea ist dagegen sehr auf Autarkie fokussiert – sowohl im wirtschaftlichen als auch im militärischen Sinne. Aber das Ziel ist auf beiden Seiten gleich, nämlich die Unabhängigkeit des Landes zu sichern, sowohl der einzelnen Landesteile als auch - perspektivisch gesehen - eines irgendwann vereinigten Koreas. Und das ist auch eine Ebene, wo durchaus Überschneidungen  der Interessen Nord- und Südkoreas vorhanden sind. Sie bilden jetzt die Grundlage solcher Gespräche.

Heute.de: Braucht Kim Jong Un Südkorea denn wirklich?

Frank: Ich würde nicht sagen, dass er Südkorea braucht. Aber er benutzt es. Die nordkoreanische Politik in Richtung Südkorea oszilliert immer zwischen komplettem Ignorieren, weil man mit den Amerikaner direkt sprechen möchte, und gleichzeitig dem Versuch, Südkorea als Hebel zu nutzen, um wieder ins Gespräch mit den USA kommen zu können.

Heute.de: In südkoreanischen Tageszeitungen war die Warnung an Moon Jae-in zu lesen, dass Pjöngjang mit einer Annäherung an Seoul auch versuchen könnte, zwischen Südkorea und seinem Verbündeten USA einen Keil zu treiben. Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass das gelingen könnte?

Frank: Das ist sicher ein Ziel Nordkoreas. Ob es möglich ist, werden wir sehen. Trumps Rhetorik wird auch in Südkorea als Bedrohung empfunden. Die Südkoreaner wissen, dass sie bei einem militärischen Konflikt schwer in Mitleidenschaft gezogen werden und dass der amerikanische Präsident so etwas billigend in Kauf nimmt. Das ist eine Lücke, die Donald Trump Nordkorea selbst gelassen hat. Außerdem darf man nicht vergessen, dass die Regierung, die jetzt in Südkorea an der Macht ist, unter anderem gewählt wurde, weil die Bevölkerung mit dem völligen Fehlen von Gesprächen zwischen Nord- und Südkorea unzufrieden war. Seoul ist also unter Erfolgsdruck. Das wissen die Nordkoreaner auch und von daher gibt es genügend Faktoren, die beide Länder dazu bewegen, doch aufeinander zuzugehen.

Aber sicherlich geht nichts, ohne dass die Amerikaner dazu ihre Zustimmung geben. Es ist ja im Moment nahezu unmöglich, auch nur eine Tube Zahnpasta nach Nordkorea zu verkaufen, ohne damit Sanktionen zu verletzten. Ich glaube, es wird darum gehen, über friedliche Gespräche, über freundliche Statements und über Tatsachen, wie zum Beispiel die Teilnahme der Sportler, eine Situation zu schaffen, in der die Amerikaner eigentlich gar nicht anderes können, als ihre Zustimmung zu weiteren Annäherungen zu geben.

 

Das Treffen am Dienstag

Heute.de: Die letzten Gespräche wurden vor zwei Jahren geführt. Was kam dabei raus?

Frank: Letztlich nicht allzu viel. Unter anderem im September 2005 und auch im Februar 2012 gab es zwischen den USA und Nordkorea recht weitreichende Vereinbarungen. Man einigte sich darauf, über das Atomprogramm zu reden und es zu stoppen, zu deeskalieren. Aber es gab immer schnell irgendetwas, was von einer Seite als Bruch des Abkommens interpretiert wurde, und dann ist das Ganze wieder stehen geblieben. So wiederholt sich das ständig, und so dürfte es auch weitergehen.

Die Schwierigkeit ist, dass beide Seiten zu unterschiedliche Positionen haben. Die Nordkoreaner sind nicht bereit, ihr Atomwaffenprogramm aufzugeben, die Amerikaner sind nicht bereit, über irgendetwas anderes als die völlige Aufgabe des Atomwaffenprogramms zu reden. Dementsprechend ist das Schicksal dieser Gespräche schon vorgezeichnet. Die Südkoreaner sind im Moment alleine nicht handlungsfähig, sie brauchen die Kooperation der Amerikaner. Damit dreht sich die Sache immer wieder im Kreis.

heute.de: Also könnte man die Gespräche gleich sein lassen?

Frank: Nein, finde ich nicht. Es geht ja auch darum, dass Kanäle offen sind, um zum Beispiel Missverständnisse bei Zwischenfällen an der Grenze zu vermeiden und um so etwas wie ein Gefühl für die andere Seite zu entwickeln. Dann darf man nicht vergessen, dass Nordkorea eine Diktatur ist, mit einem einzelnen Menschen an der Spitze. Da sind überraschende Wendungen eher möglich. Im Übrigen gilt das auch für die USA, weil es dort auch diesen starken Präsidenten gibt, der relativ viel Entscheidungsmacht hat. Also: Gespräche sind immer gut, man sollte bloß realistisch bleiben. Solche Dinge sind Prozesse, die dauern lange und man muss auch mit Rückschlägen rechnen. Aber reden ist definitiv besser, als nicht reden.

Das Interview führte Nicola Frowein.

Die Akteure im Nordkorea-Konflikt

Gemerkt auf Mein ZDF! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert auf Mein ZDF! Abo beendet Embed-Code kopieren HTML-Code zum Einbetten des Videos in der Zwischenablage gespeichert

Die Website verwendet Cookies, um Ihnen ein bestmögliches Angebot zu präsentieren. Nähere Informationen und die Möglichkeit, die Verwendung von Cookies einzuschränken finden Sie hier.

Sie wechseln in den Kinderbereich und bewegen sich mit Ihrem Kinderprofil weiter.