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Auf dem Rettungsschiff Aquarius - Mitten in der Such- und Rettungszone

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Ein ZDF-Team befindet sich seit drei Tagen auf dem Mittelmeer. Es begleitet die Besatzung des zivilen Rettungsschiffs Aquarius, die Flüchtlinge in Seenot rettet.

Rettungsschiff "Aquarius" im Mittelmeer
Rettungsschiff "Aquarius" im Mittelmeer
Quelle: dpa

Die Ellenbogen auf der Reling, das Fernglas vor den Augen. Von der Brücke der Aquarius aus beobachtet Loic Glavany unermüdlich die endlose blaue Weite des Mittelmeers. Immer wieder zieht es den gebürtigen Franzosen an Bord des orange gestrichenen Schiffs, das Flüchtlinge vor einem sicheren Tod in der Wasserwüste bewahrt.

Auf die Frage, warum er an Bord sei, hat Loic Glavany nur eine Antwort: "Hier gibt es Menschen, die ertrinken und sterben. Als Seemann hatte ich das Bedürfnis, sie zu retten. Es ist ein Bedürfnis." Wie er sind gut 35 Besatzungsmitglieder an Bord: zwei Drittel von ihnen auf freiwilliger Basis für die Hilfsorganisationen SOS Méditerranée und Ärzte ohne Grenzen.

Seit Februar 2016 kreuzt die Aquarius durchs Mittelmeer, auf der Suche nach sinkenden, überfüllten Schlauchbooten. Heimathafen des in Deutschland gebauten Schiffs ist jetzt Catania in Sizilien. Die italienische Insel ist dann auch der erste Anlaufpunkt für die Geretteten.

Rettungsübungen, die bald Realtität werden

Letzten Freitagabend um 20 Uhr haben wir den Hafen von Catania verlassen. Es hat etwa 30 Stunden gedauert bis wir die sogenannte Search and Rescue Zone (Such und Rettungszone, SAR) vor der libyschen Küste erreicht haben. An Bord ist aber keine Zeit für Langeweile.

Immer wieder wechseln die Teammitglieder an Bord. Sie müssen in die verschiedenen Rettungsszenarien eingeführt, mit den Abläufen vertraut gemacht, für den Ernstfall trainiert werden. Und natürlich muss der Teamgeist entfacht werden. Auch wir Journalisten werden aufgefordert mitzumachen. Uns wird schnell klar, dass wir diesmal Rettungsübungen ausführen, die mit großer Wahrscheinlichkeit zum Ernstfall werden.

Entbindung im Schlauchboot

"Letztes Jahr bin ich mit einem der Rettungsboote rausgefahren und als wir das Flüchtlingsboot umkreist haben, haben wir eine Frau gesehen, der es offensichtlich nicht gut ging (…). Als wir näher kamen, haben wir gesehen, dass sie Sekunden vorher ein Baby zur Welt gebracht hatte. Das Baby und die Mutter waren noch durch die Nabelschnur verbunden", erzählt uns Craig Spencer.

Der junge Amerikaner ist eigentlich Arzt in einem Krankenhaus in New York City, einem der besten der Vereinigten Staaten, wie er betont. Jetzt ist er zum zweiten Mal auf der Aquarius, wo er mit sehr begrenzten Mitteln extreme Fälle wie diese junge Mutter und ihr Baby behandeln muss. Die Patienten die an Bord kommen sind alle erschöpft, oft ausgetrocknet, haben Verbrennungen. Viele sind gefoltert und misshandelt worden.

"Wenn wir nicht hier gewesen wären, wären diese Mutter und ihr Baby gestorben", sagt Craig Spencer mit Nachdruck. Wie für Loic Glavany und alle anderen Teammitglieder ist das Begründung genug für ihre Präsenz im Mittelmeer, weit entfernt von dem gewohnten Komfort eines amerikanischen Krankenhauses, aber auch weit entfernt von politischen Debatten über die Flüchtlingskrise und die Legitimität der zivilen Rettungsaktionen.

"Diese Leute riskieren ihr Leben, ob wir da sind oder nicht."

Die Anschuldigung, dass die humanitären Organisationen den Schleppern in die Hand spielen, wird in Europa immer wieder laut. Würde der Flüchtlingsstrom aufhören, wenn die Aquarius und andere zivile Rettungsschiffe die Zone vor der libyschen Küste verlassen würden? An Bord glaubt das keiner.

"Es gab (2015) das Beispiel von Mare Nostrum, die plötzlich abgebrochen wurde, was nur dazu geführt hat, dass es noch mehr Tote auf See gegeben hat. Die Abfahrten aus Libyen sind unabhängig von der Präsenz von Rettern auf See", unterstreicht Loic Glavany, der die Rettungsaktionen von Bord aus koordiniert. "Diese Leute riskieren ihr Leben, ob wir da sind oder nicht. (…) Sie werden dazu getrieben", glaubt auch Jérémie Demange, der das erste Mal mitfährt.

Politik in Europa erschwert Arbeit der Retter

Sorge macht diesen engagierten Menschen die humanitäre Situation in Libyen und die politische Entwicklung in Europa. Das Abkommen von letztem Sommer zwischen der EU und Libyen hat die Rettungsaktionen schon erschwert. Europa finanziert den Aufbau einer libyschen Küstenwache, die die Flüchtlinge immer öfter aufgreift und in die "Hölle" zurückbringt. Von einer Machtübernahme der rechtsextremen Liga in Italien erwarten sie sich auch nichts Gutes.

Auf der Brücke wechselt sich die Besatzung jede Stunde am Fernglas ab. Die Suche nach Flüchtlingen in Seenot geht weiter.

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