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Vor den Wahlen in der Türkei - "Wir sind doch keine Terroristen"

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Seit dem Putschversuch 2016 herrscht in der Türkei der Ausnahmezustand. Auch die Leben von Mustafa und Adil, Uni-Dozent und Journalist, haben sich seither massiv verändert.

Türkische Flagge hängt an einen Balkon in Berlin (Archivbild)
Türkische Flagge hängt an einen Balkon in Berlin (Archivbild)
Quelle: imago

Inzwischen macht er kaum noch Fehler, wenn er Deutsch spricht. Nur sein Akzent verrät, dass Mustafa (49, Name von der Redaktion geändert) eigentlich aus der Türkei kommt. Jeden Tag, so sagt er, lese er deutsche Bücher und pauke stundenlang deutsche Grammatik, die Sprache seiner neuen Heimat. Die alte musste er im September 2016 verlassen. Seit dem sogenannten Putschversuch gegen den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan war für Mustafa und seine Familie das Leben in Istanbul schwierig geworden. Erdogan sieht die Hizmet-Bewegung von Fethullah Gülen als verantwortlich und lässt immer noch viele von deren Anhängern festnehmen und verhaften. Auch Mustafa glaubt an die Hizmet-Bewegung. Er ist Dozent an einer Universität und nun plötzlich in den Augen des türkischen Staates Mitglied einer Terrororganisation. So wurde er nur eine Woche nach dem Putschversuch aus dem Job entlassen. Kein Geld mehr, ein Terrorist - mit einem Schlag.

"Wir sind doch keine Terroristen"

Anfangs denkt Mustafa noch, dass alles wieder "normal" werde nach ein paar Wochen. Doch die Töchter und seine Frau haben zunehmend Angst um ihn und so flieht er im September 2016 nach Europa. Nach längeren Irrungen trifft er schließlich in Hessen Menschen, die ihm helfen und beantragt politisches Asyl, das ihm gewährt wird. Jetzt hat er den Flüchtlingsstatus und durfte seine Familie nachholen. Er will sich nun in Hessen ein neues Leben aufbauen und bald einen Job suchen, vielleicht als Deutschlehrer für Flüchtlinge. Trotzdem bleibt auch die Türkei seine Heimat. Ob er die jemals wiedersehen wird, weiß er nicht.

Verbittert ist er jedoch nicht, auch gegen Erdogan hegt er keinen Groll. Er hatte ihm 2011 noch selbst seine Stimme gegeben, weil er dachte, dass Erdogan die Türkei in die EU führen würde. Nur das Verhalten seiner Freunde und Verwandten hat ihn maßlos enttäuscht: "Die haben uns doch gekannt, wir haben doch zusammen gelebt", sagt er. Keiner habe ihm geholfen. "Wir sind doch keine Terroristen. Wie konnten die zusehen, dass das geschieht."

Ein "bisschen" Yücel

Adil Demirci
Adil Demirci
Quelle: privat

Mit dem Journalisten Adil Demirci können wir selbst nicht sprechen. Er sitzt seit Anfang April in der Türkei in Untersuchungshaft. Wir treffen seinen Bruder Tamer bei einer Mahnwache in der Nähe des Kölner Doms. Rund 30 Freunde sind gekommen, um auf Adils Schicksal aufmerksam zu machen. "Freiheit für Adil" - sie halten ein großes Transparent mit seinem Foto hoch.
Ein wenig erinnert Adils Fall an den von Deniz Yücel, ehemaliger Türkei-Korrespondent der "Welt". Der saß über ein Jahr in türkischer Untersuchungshaft. Auch er war Journalist. Auch ihm hatte die Türkei vorgeworfen, Mitglied einer Terrororganisation zu sein. Adil geht es nun genauso - obwohl er neben dem türkischen auch den deutschen Pass besitzt. Insgesamt sitzen noch sieben deutsche Staatsbürger aus politischen Gründen in türkischer Haft.

Adil trifft die Verhaftung völlig überraschend. Er war schon im vergangenen Jahr in der Türkei - damals gab es keine Probleme. Nun fliegt er mit seiner krebskranken Mutter nach Istanbul. Sie will sich von einer Chemotherapie erholen und  Verwandte treffen und Adil begleitet sie. Die Einreise verläuft problemlos. Sie wohnen bei einem Onkel in Istanbul, als am letzten Tag der Reise mitten in der Nacht ein Sondereinsatzkommando die Wohnung stürmt und Adil festnimmt. Seitdem sitzt er in Untersuchungshaft.

Für die Mutter ein Albtraum

Die Familie hat Kontakt zu seiner Anwältin und sagt, es gehe im gut - den Umständen entsprechend. Adil ist Journalist und Gewerkschaftler, arbeitete als freier Mitarbeiter für eine linksgerichtete Nachrichtenagentur. Zudem habe er, so der Vorwurf der türkischen Regierung, an Beerdigungen von Mitgliedern der marxistisch-leninistischen Kommunistischen Partei teilgenommen. Die Toten waren Soldaten, die auf Seiten der kurdischen Miliz im Syrien-Krieg gekämpft hatten. Nun kämpft seine Familie für die Freilassung, die Mutter ist wieder in Deutschland. Eine Hoffnungs-Reise für sie sollte es werden, doch geendet hat das Ganze in einem Albtraum.

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