Sie sind hier:

Vor Gipfel Trump-Kim - Singapur vor dem historischen Wahnsinn

Datum:

Der Stadtstaat Singapur darf sich rühmen, den historischen Gipfel zwischen Donald Trump und Kim Jong Un auszurichten. Hinter den Kulissen zeichnet sich indes Wahnwitziges ab.

Ein Plakat in Singapur kündet von dem großen Gipfel
Ein Plakat in Singapur kündet von dem großen Gipfel
Quelle: ap

Wann sie genau kamen, die Spezialisten vom Innenministerium, weiß niemand. Anwohner, vorbeifahrende Autofahrer oder Hotelgäste hatten nichts mitbekommen von diesem unscheinbaren Bautrupp oder ihm zumindest keine Beachtung geschenkt. Doch plötzlich waren sämtliche Gullydeckel in der Nähe des Shangri-la-Hotels in Singapur mit schwarzem Gummi versiegelt. Kurz darauf deklarierte die Regierung die Gegend im Umkreis von einem Kilometer um das Hotel als "special event area", als Sicherheitszone. Anwohner müssen strikte Auto- und Gepäckkontrollen über sich ergehen lassen. Und entflammbare Materialien, so die Regierung, seien dort ab sofort ebenso verboten wie Megaphone, Transparente und Leuchtmunition.

Doch Singapur atmet auf. Endlich scheint klar, wo denn nun das mit Spannung erwartete Gipfeltreffen zwischen US-Präsident Donald Trump und dem nordkoreanischen Machthaber Kim Jong Un am 12. Juni stattfinden sollte. Dutzende Journalisten und Einheimische machten sich schnellstens auf dem Weg zum Hotel, erleichtert, nun endlich etwas tun zu können nach all den Spekulationen und Ungewissheiten der Tage zuvor. Doch keine 24 Stunden später die nächste Gipfel-Volte - diesmal nicht von Trump in einem Tweet, sondern von der Regierung höchstpersönlich. Kurzerhand wurde auch die Gegend um das "Capella"-Hotel auf der Insel Sentosa im Süden Singapurs zur Sicherheitszone deklariert - und das Rätselraten ging von vorne los. Bis Dienstagnacht. Da schrieb Sarah Sanders, Pressesprecherin des Weißen Hauses, dass das "Capella" auf der Insel Sentosa Ort des Gipfeltreffens sei. "Und Basta!", hätten die Singapurer am liebsten hinzugefügt.

Lob für die Auswahl der Standorte

Im Hotel Capella auf der Insel Sentosa soll der Gipfel stattfinden
Im Hotel Capella auf der Insel Sentosa soll der Gipfel stattfinden
Quelle: reuters

Die Amerikaner kennen das 112-Zimmer-Luxusresort - entworfen von Stararchitekt Norman Foster - bereits gut; erst vergangene Woche trafen dort Joe Hagin, stellvertretender Stabschef im Weißen Haus, und Mira Ricardel, stellvertretende nationale Sicherheitsberaterin auf Kims Vertrauten Kim Chang Son. "Eine sehr gute Wahl", sagt Toby Koh von der asiatischen Sicherheitsfirma "Ademco". "Das Hotel ist uneinsehbar von außen, einfach zu sichern und die einzige Zufahrtsstraße zur Insel ist leicht abzusperren."

Für die 3.000 Journalisten, die zum historischen Treffen erwartet werden, richtete das Informationsministerium in aller Schnelle ein Medienzentrum zehn Kilometer vom "Capella"-Hotel entfernt an der Boxengasse der Formel-1-Rennstrecke ein - an der Peripherie des Stadtzentrums, direkt neben der zehnspurigen Ostküstenautobahn, die zum Internationalen Flughafen Changi führt. Journalisten können für mehrere Tausend Euro ein kleines Kabuff anmieten, um ihre Artikel und Berichte in alle Welt zu senden. Die BBC aus Großbritannien schickt 80 Kollegen, NHK, der nationale Fernsehsender Japans, sogar 100. Einen Vorteil haben lediglich die amerikanischen Journalisten, die ans Weiße Haus angedockt sind. Sie arbeiten von ihrem eigenen Medienzentrum in der Nähe des Präsidenten. "Für die Journalisten ist die abgeschottete Insel zwar suboptimal", sagt Toby Koh, "aber die Sicherheitsvorteile überwiegen".

In Singapur sind sie alle paranoid!

Apropos Sicherheit. Warum wurde gerade Singapur als Gastgeber auserkoren? "Zum einen kennt man sich hier mit brisanten Gipfeltreffen aus, zudem ist die Insellage des Stadtstaates hervorragend geeignet", so Toby Koh. Und Bilveer Sing, Sicherheitsexperte der S.Rajaratnam-Universität für internationale Studien, sagt in der lokalen Tageszeitung "Straits Times: "Die USA und Nordkorea sind überzeugt, dass Singapur ihnen 101 Prozent Sicherheit garantiert. Es ist wichtig zu erwähnen, dass wir es hier mit zwei Leuten und zwei Staaten zu tun haben, die paranoid in Fragen der Sicherheit sind."

Man hätte Herrn Sing gerne zugerufen: Auch in Singapur sind sie alle paranoid! Es ist nachvollziehbar, dass die Marine um die Insel patrouilliert, dass der Luftraum temporär an drei Tagen geschlossen ist. Dass es Checkpoints gibt, zusätzliche Kameraüberwachung und mehr Polizisten. Aber Singapur ist speziell. Mehr als eine Woche vor dem geplanten Gipfel verschickte das Informationsministerium eine Pressemitteilung als Rundmail. Wahrscheinlich war der Inhalt der Ministeriumsmitarbeiterin bereits selbst ein wenig peinlich, denn sie bat darum, die Informationen nicht zu veröffentlichen. Worum es geht? Das Ministerium hat die Sorge, dass die aus aller Welt angereisten Journalisten sich nicht richtig benehmen.

Sie werden daran erinnert, bei ihren Recherchen die Privatsphäre der Hotelgäste und Reisenden am Flughafen zu respektieren. Zudem, so heißt es in dem Schreiben, weise die Polizei darauf hin, alles zu unterlassen, was zu einer Gefahr und zu Unannehmlichkeiten führen könnte. Auch dürfe man nicht unbefugt über Privatgrundstücke laufen. Und wer eine Drohe aufsteigen lassen will, müsse mit 15 Monaten Gefängnis und umgerechnet 34.000 Euro Geldstrafe rechnen.

Extrawürste? Fehlanzeige!

Auch die Bodyguards der beiden Staatschefs sind ins Visier der staatlichen Stellen geraten. Sie müssen vor der Einreise ihre Waffen registrieren und sie dann bei der Einreise kontrollieren lassen. Irgendwelche Extrawürste? Fehlanzeige. Obwohl - eine skurril anmutende Order der Regierung sorgt derzeit für Aufregung. Für vier Autos, so heißt es unbestimmt per Dekret, gelte ab sofort ein Sonderstatus. Deren Fahrer müssen sich nicht an die Verkehrsregeln halten. Sie dürfen ohne Licht fahren, Geschwindigkeitsbegrenzungen und Anschnallpflicht ignorieren. Wie die Tageszeitung "Straits Times" berichtet, sind mit den Autos vier kugelsichere und gepanzerte BMW-Limousinen gemeint, die Gewehrfeuer, Explosionen und Granateneinschlägen widerstehen. Es heißt, man könne sogar kurzfristig den Airbag ausstellen, falls im Notfall irgendein Hindernis gerammt werden müsste. Für wen die Limousinen, die extra zum Gipfel eingeflogen werden, bestimmt sind? Auch das reine Spekulation. Wird Kim Jong Un sie nutzen?

Für die Gastgeber ist die kurzfristige Ansetzung des Gipfeltreffens die Höchststrafe. Zwar haben die Singapurer, die die Kosten der Begegnung tragen, die Dankbarkeit aus dem Weißen Haus gerne vernommen, doch noch macht ihnen die kurzfristige Planungsphase und dabei vor allem das Protokoll zu schaffen. Ganz zu schweigen von den Unberechenbarkeiten des US-Präsidenten. Soll oder darf es zum Beispiel offizielle Bilder geben, wenn Donald Trump schon am Sonntagabend auf dem Luftwaffenstützpunkt "Paya Lebar" landet? Sollte die Air Force One größer aussehen - und davon darf man ausgehen - als die Iljuschin mit Kim an Bord, dürften die Nordkoreaner ein Veto einlegen. "Man muss es irgendwie schaffen, dass sich beide Seiten auf Augenhöhe begegnen", sagt Politikexperte Navin Rajagobal vom "Yale-NUS-College" in Singapur. Doch was tun, wenn Trump, wie er bereits offiziell verkündet hat, zum Ende des Gipfels mit der Weltpresse spricht? Stellt sich dann auch der nordkoreanische Diktator vor die Journalisten? Es wäre ein Novum.

Singapur denkt ans Geschäft

Gedenkmünze zum Gipfel in Singapur
Gedenkmünze zum Gipfel in Singapur
Quelle: reuters

Singapur wäre nicht Singapur, wenn in der Stadt des großen Geldes das große Geschäft zu kurz kommen würde. Kaum hatte Trump seine Rolle rückwärts verkündet, da gab der Stadtstaat bekannt, das er zum historische Ereignis Gedenkmünzen herausgibt. Die 14 Gramm schweren 999,9 Feingold-Münzen kosten 1.176 Euro und zeigen Datum, einen Handschlag und die Flaggen der USA und von Nordkorea. Und auch die Hotels und Restaurants in Nähe des Medienzentrums fahren Sonderschichten und stellen für ein paar Tage zusätzliche Mitarbeiter ein. "Das Geschäft wird brummen", sagt ein Mitarbeiter der Eisdiele "Gelatissimo" gleich ums Eck.

Nur ein paar Geschäftsleute an der berühmten Einkaufsmeile Orchard Road murren im Stillen. Beginnt doch vier Tage vor dem Gipfeltreffen der "Great Singapore Sale", das Shopping-Event des Jahres. Doch die Inhaber der Luxuskaufhäuser am westlichen Ende der Straße haben Pech - sie liegen innerhalb der Sicherheitszone am Shangri-la-Hotel, in dem Donald Trump voraussichtlich wohnen wird. Ausnahmen gibt es für sie nicht. Singapur versteht keinen Spaß.

Gemerkt auf Mein ZDF! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert auf Mein ZDF! Abo beendet Embed-Code kopieren HTML-Code zum Einbetten des Videos in der Zwischenablage gespeichert.
Bitte beachten Sie die Nutzungsbedingungen des ZDF.

Die Website verwendet Cookies, um Ihnen ein bestmögliches Angebot zu präsentieren. Nähere Informationen und die Möglichkeit, die Verwendung von Cookies einzuschränken finden Sie hier.

Sie wechseln in den Kinderbereich und bewegen sich mit Ihrem Kinderprofil weiter.