Sie sind hier:

Kursverluste - Die Türkei in der Vertrauenskrise

Datum:

Vor Kommunalwahlen in der Türkei hat die Landeswährung schwer an Wert eingebüßt. Grund sind Maßnahmen und Drohungen des Staatspräsidenten Erdogan. Die verunsichern Investoren.

Türken vergleichen Preise bei einem Metzger in einem Basar in Ankara
Quelle: reuters

Wer glaubte, die wirtschaftliche Lage in der Türkei habe sich nach den schweren Turbulenzen an den Finanzmärkten im vergangenen Jahr wieder beruhigt, sieht sich dieser Tage eines Besseren belehrt: Der Aktienmarkt in Istanbul ist in den vergangenen Tagen abgestürzt, die Börse verbuchte die schwersten Kursverluste seit 2016. Und die türkische Lira ist einmal mehr auf Talfahrt gegangen.

Kursverfall an der Börse

"Es gibt Gerüchte, dass die türkische Notenbank aktiv versucht hat, die Lira zu stützen", sagt der Deutschland-Chefvolkswirt der Bank ING, Carsten Brzeski. "Besonders negativ wirken dabei Spekulationen, dass die Notenbank gar nicht genug Mittel hat, um die Währung langfristig zu unterstützen". Auch auf die Anleihemärkte hat sich die Nervosität übertragen: Dort sind in Folge die Renditen für zehnjährige Schuldpapiere des türkischen Staates von 15 auf 18 Prozent in die Höhe geschossen.

Hintergrund ist unter anderem eine Studie der amerikanischen Bank JP Morgan. Deren Analysten ist beim Stöbern in der Bilanz der türkischen Notenbank aufgefallen, dass die Devisenreserven auffällig geschrumpft sind. Das wiederum legt den Schluss nahe, dass die Notenbank ausländische Devisen verkauft hat, um in die eigene Währung umzuschichten, sprich: diese zu stützen. Mit Blick auf die nun anstehenden Kommunalwahlen in der Türkei ist das nicht unplausibel: Damit könnten Währungsschwankungen ausgeglichen oder Kursstürze verhindert werden.

Nur legt diese Logik nahe, dass die Notenbank ihre Eingriffe nach den Wahlen am Wochenende zurückfahren könnte, was spätestens dann von einer fallenden Lira begleitet würde. Entsprechend riet die US-Bank ihren Kunden, Lira-Positionen vorsichtshalber besser zu verkaufen, was wiederum in den vergangenen Tagen den Kursverfall der Währung beschleunigt hat.

Erdogan droht ausländischen Banken

Abseits dieser Zusammenhänge zeigen die Turbulenzen aber vor allem: Investoren verhalten sich in Hinblick auf die Türkei nach wie vor wie scheue Rehe. "Letztendlich ging das los im letzten Jahr mit dem großen Crash an den Finanzmärkten. Die Türkei hat sich seither nicht wieder aufgerappelt. Sie leidet heute noch unter dem Vertrauensverlust von Investoren", meint Brzeski. "Das ist der Grund, weshalb sich bei jedem kleinen Anzeichen der Instabilität Finanzmarktakteure zurückziehen."

Die Reaktion seitens des Wahlkämpfers Recep Tayyip Erdogan hat die Lage nicht besser gemacht. Westliche Länder wollten sein Land mit einer "Währungsattacke in die Falle locken", polterte er. Ausländische Banken spielten ein böses Spiel mit der türkischen Lira, böswillige Investoren würden dafür einen "sehr hohen Preis" zahlen müssen. Zwar gehört die Drohung unter die Rubrik populistischer Wahlkampf. Sie lässt sich in diesem Fall aber auch dadurch erklären, dass die Sorge der Regierungspartei von Erdogan groß ist, Stimmen bei den Kommunalwahlen zu verlieren.

Vor allem Ärmere leiden unter Inflation

Denn die wirtschaftliche Lage ist bedrückend. Entsprechend weisen Umfragen sie als größte Sorge der Wähler aus. Das Land ist vor allem in den letzten Monaten ökonomisch in Schieflage geraten; in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahres ist die türkische Wirtschaft in eine Rezession abgetaucht. Die Arbeitslosigkeit liegt offiziell bei 13,5 Prozent - dies ist der höchste Stand seit 2010. Innerhalb nur eines Jahres ist die Zahl der Arbeitslosen um rund eine Million Menschen gestiegen. Und die Fallhöhe des ökonomischen Absturzes ist umso höher, als das Wachstum 2017 noch bei sieben Prozent lag.

Turbulenzen an den Finanzmärkten und ein weiterer Verfall der Lira sind angesichts der schwierigen ökonomischen Lage auf den letzten Metern des Wahlkampfes so ziemlich das Letzte, was Erdogan gebrauchen kann. Denn wertet die türkische Währung weiter ab, treibt das die Preise im Land noch höher. Im Februar lag die Inflation in der Türkei bei fast 20 Prozent. Und das, obwohl die Leitzinsen der Notenbank bei sage und schreibe 24 Prozent liegen. Betroffen von der hohen Preisteuerung sind vor allem die ärmeren Schichten der Gesellschaft, weil deren Ausgaben bei geringen Einnahmen überdurchschnittlich steigen.

Übergreifen auf andere Schwellenländer unwahrscheinlich

Immerhin: Ein Übergreifen auf andere Schwellenländer erwarten die meisten Beobachter aktuell nicht. "Die Ansteckung ist überschaubar", sagt der Volkswirt Janis Hübner von der Deka Bank. Das ist eine gute Nachricht. Denn der große Crash an den türkischen Finanzmärkten im vergangenen Jahr brachte auch Zweifel an der Stabilität anderer Schwellenländer mit sich.

Gemerkt auf Mein ZDF! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert auf Mein ZDF! Abo beendet Embed-Code kopieren HTML-Code zum Einbetten des Videos in der Zwischenablage gespeichert.
Bitte beachten Sie die Nutzungsbedingungen des ZDF.

Um zu verstehen, wie unsere Webseite genutzt wird und um Ihnen ein interessenbezogenes Angebot präsentieren zu können, nutzen wir Cookies und andere Techniken. Hier können Sie mehr erfahren und hier widersprechen.

Um Sendungen mit einer Altersbeschränkung zu jeder Tageszeit anzuschauen, können Sie jetzt eine Altersprüfung durchführen. Dafür benötigen Sie Ihr Ausweisdokument.

Sie wechseln in den Kinderbereich und bewegen sich mit Ihrem Kinderprofil weiter.