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Vorbereitung auf die Buchmesse - "Deutschkurs" für Norweger

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Wie bereitet sich ein Gastland auf die Frankfurter Buchmesse vor? Der norwegische Autor Erik Fosnes Hansen hatte eine ungewöhnliche Idee.

Buchmesse: Pavillon des Gastlandes Norwegen
Pavillon des Gastlandes Norwegen auf der Frankfurter Buchmesse
Quelle: dpa

heute.de:  Sie haben als Vorbereitung auf die Frankfurter Buchmesse ein deutsch-norwegisches Literaturfestival veranstaltet. Warum?

Erik Fosnes Hansen: Weil wir in Norwegen generell zu wenig über Deutschland wissen. Deutschland ist für Norwegen von unerhörter Bedeutung – nicht nur als wichtigstes, großes Rezeptor-Land unserer Literatur und Kultur, sondern auch wirtschaftlich und politisch. Außerhalb Skandinaviens ist Deutschland unser wichtigster Handelspartner. Dennoch wisst ihr – in dem großen Land – generell viel mehr über Norwegen, als wir – in dem weitaus kleineren Land – über Deutschland wissen. Da sollten vielleicht die Schriftsteller vorangehen. Schließlich sind ja auch unsere Sprachen und Literaturen historisch eng verwandt.

heute.de: Wie groß ist denn das Interesse der Norweger am deutschen Buchmarkt?

Hansen: Derzeit ziemlich klein. Aber es wird hoffentlich, nach dem enormen Publikumserfolg des Festivals, etwas zunehmen. Das Literaturhaus war jedenfalls voll besetzt. Eine große Erleichterung, muss ich schon sagen, nach zwei Jahren mit Albträumen davon, dass kein Mensch kommen würde, um unsere Spitzengäste aus Deutschland, Österreich und der Schweiz zuzuhören.

heute.de: Wie kamen Sie auf die Idee für das Festival in Oslo?

Hansen: Vom ehemaligen Leiter des Gastlandprojektes der Beneluxländer bekamen die Norweger bei einer Kick-Off-Konferenz in Oslo vor zwei Jahren "Zehn gute Ratschläge für ein Land, das auf der Frankfurter Buchmesse Gastland sein soll". Sie waren alle gut und konstruktiv. Aber Ratschlag Nr. 6 lautete etwa: "Lernt Deutsch, denn nur dadurch könnt ihr wirklich verstehen, in welche literarische, gesellschaftliche und politische Zusammenhänge ihr da hineintreten werdet."

Ich sah mich damals im Saal um und wusste sofort, dass das wohl ein wenig utopisch war. Niemand dort würde Deutsch lernen.

Ich sah mich damals im Saal um und wusste sofort, dass das wohl ein wenig utopisch war. Niemand dort würde Deutsch lernen. In der Diskussion nach seiner Rede sagte ich deswegen: Wenn hier nicht alle Deutsch lernen werden, sollten wir vielleicht indirekt einen "Deutschkurs" veranstalten, indem wir die deutschsprachige Literatur zu uns einladen.

heute.de: Ein indirekter "Deutschkurs", was meinen Sie damit?

Hansen: Es ist ja paradox, dass in einem normalen Jahr mehrere Dutzende norwegische Bücher ins Deutsche übertragen werden – im Gastlandjahr werden das übrigens mehr als 300 sein – während in einem Normaljahr weniger als 20 deutschsprachige Bücher ins Norwegische übersetzt werden.

Daher die Idee: Vielleicht sollten wir diese Gelegenheit dazu nutzen, uns auch für die große Aufmerksamkeit, die unsere Literatur in Deutschland seit Jahren genießt, dadurch zu bedanken, dass wir ein Festival in Norwegen für deutschsprachige Literatur machen. Es schien mir auch eine allgemeine Höflichkeitsgeste zu sein. Erstaunlicherweise wurde mir später klar, dass kein Gastland bisher auf diese Idee gekommen war, die Gelegenheit zu einem wirklichen, literarischen Austausch zu nutzen.

Ausgaben der Romane norwegischer Autoren u.a. "Ein Hummerleben" von Erik Fosnes Hansen
Ausgaben der Romane norwegischer Autoren u.a. "Ein Hummerleben" von Erik Fosnes Hansen
Quelle: dpa

heute.de: Die Idee wurde von den norwegischen Übersetzerverbänden, der norwegisch-deutschen Willy-Brandt-Stiftung, der Frankfurter Buchmesse, dem Goethe-Institut sowie dem norwegischen Verein der Autoren und Übersetzer von Fachliteratur aufgegriffen. Sie haben zu dem Festival auch deutsche Autoren und Autorinnen eingeladen. Warum?

Hansen: Vor 30-40 Jahren war die deutschsprachige Literatur Volkslektüre in Norwegen; Autoren wie etwa Böll, Grass und Lenz waren sehr beliebt bei uns. Ihre Nachfolger der Gegenwartsliteratur aber sind mehr oder weniger unbekannt geblieben. Das mag daran liegen, dass es inzwischen in den norwegischen Verlagen kaum mehr Lektoren gibt, die Deutsch lesen können. Unter den Kulturjournalisten auch nicht. Das ist paradox, weil das Interesse für zum Beispiel deutschsprachigen Filme und Fernsehserien gleichzeitig sehr groß ist. Nur haben die Verleger diesen Markt noch nicht entdeckt und entwickelt.

Standbild:Heinrich Böll, Ansichten eines Anarchisten
Heinrich Böll (Archiv)
Quelle: dpa

Wir wollten mit dem Festival die Aufmerksamkeit der norwegischen Leser, Verlage und Öffentlichkeit auf diese Literatur richten. Die Einseitigkeit der Beziehung ist ja kein Gesetz. Vor 25 Jahren war sie eben umgekehrt: Zwischen 1945 und 1994 bekam ein norwegischer Roman nur äußerst selten Aufmerksamkeit in Deutschland. Und nordische Literatur generell erregte äußerst selten Interesse bei den großen, deutschen Verlagen. Ich war selbst dabei, mit "Choral am Ende der Reise", als das sich alles plötzlich verändert hat. Ich weiß also, dass so was nicht irreversibel ist.

heute.de: Sie selbst sprechen sehr gut deutsch. Was bedeutet Ihnen deutsche Literatur?

Hansen: Diese Liebesgeschichte fing vor 34 Jahren an, als ich als ganz junger Mensch nach Deutschland kam, um dort ein Jahr zu verbringen. Deutsch lernte ich ziemlich schnell, und konnte bald "die unbegreiflich hohen Werke" der deutschen Literatur in der Originalsprache lesen. Sie wirkten auf mich wie ein Erdbeben. Diese Beziehung dauert immer noch an.

Die vielen Begegnungen die ich mit dem deutschen Publikum auf Lesereisen habe – in diesem Herbst mit "Ein Hummerleben" – bestätigen für mich die Verwandtschaft zwischen eurer und unserer Literatur. Es gibt Schichten in diesem Roman, die in Deutschland tatsächlich besser wahrgenommen und verstanden werden, als in Norwegen. Vielleicht liegt das an der hervorragenden Übersetzung von Hinrich Schmidt-Henkel – aber vielleicht, hoffentlich, auch daran, dass ich ein wenig von beiden Ländern mit mir trage. Ich stehe irgendwie dazwischen.

Das Interview führte Susanne Biedenkopf-Kürten.

Norwegen ist 2019 Ehrengast der Frankfurter Buchmesse. Die "Kulturzeit"-Autoren Lotar Schüler und Stefan Gagstetter begeben sich auf literarische Spurensuche im Land der Fjorde, hier im Video:

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