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Schutzsuchende in Florida - Im Auge des Sturms

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Der Strom ist seit einigen Stunden weg. "Wir haben jetzt wirklich Angst", sagt Georg Hartmann, der mit seiner Frau und vier Kindern in Sanford festsitzt, im heute.de-Interview. Auf Hurrikan "Irma" wartend sitzen die Kinder im begehbaren Kleiderschrank, "weil das der sicherste Ort im Haus ist".

Obwohl Hurrikan "Irma" sich abgeschwächt hat, bleibt vielerorts die Angst. Doch noch ist Irma nicht durchgezogen, Sturmfluten werden erwartet und auf Floridas Keys hat "Irma" bereits große Schäden angerichtet.

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2 min
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heute.de: Es ist bei Ihnen jetzt elf Uhr abends, der Hurrikan hat den Großraum Orlando noch nicht erreicht. Wie sieht es bei Ihnen vor Ort im Moment aus?

Georg Hartmann: Es schüttet seit Stunden. Das Wasser steht bereits auf der Terrasse. Die Bäume im Garten biegen sich bis zum Boden. Und der Strom ist schon vor drei Stunden ausgefallen. Wir sitzen in unserem Badezimmer, dem einzigen Raum, der keine Fenster hat und hoffen, dass wir hier sicher sind. Die Kinder haben ihr Lager in unserem Kleiderschrank aufgeschlagen.

heute.de: Wie geht es den Kindern?

Hartmann: Noch finden sie das ganz lustig, sie essen Snacks und sehen das eher als Party. Sie haben seit Freitag keine Schule mehr, auf Anordnung des Gouverneurs. In ganz Florida wurden Schulen in Notunterkünfte umgewandelt.

heute.de: Was macht Ihnen im Moment am meisten Sorgen?

Hartmann: Den neuesten Vorhersagen zufolge kommt das Auge des Sturms genau auf uns zu. Das macht mir und meiner Frau schon Angst. Am späten Nachmittag gab es zunächst diverse Tornado-Warnungen. Das sind wohl Begleiterscheinungen des herannahenden Hurrikans. In der Nähe der Schule, wo meine Frau arbeitet, sind offenbar mehrere Gebäude komplett zerstört. Seit Sonntagabend gilt eine Ausgangssperre. Bis Montagabend dürfen wir hier nicht raus.

heute.de: Wie haben Sie sich auf diesen Hurrikan vorbereitet?

Hartmann: Das ist ja schon unser zweiter Hurrikan. Damals hatten wir mehrere Tage keinen Strom, also keinen Kühlschrank, keine Klimaanlage und kein Wasser, denn wir haben unseren eigenen Brunnen, der mit Strom funktioniert. Diesmal hatte ich Glück. Vor ein paar Tagen sah ich zufällig, wie jemand auf einem Baumarkt-Parkplatz einen Generator in sein Auto lud. Ich bin natürlich sofort hingefahren, in den Laden reingerannt, aber da stand schon eine endlose Schlange. Man musste eine Wartenummer ziehen und durfte schonmal bezahlen. Für 640 Dollar hab ich das Ding gekauft. Zwei Mitarbeiter haben den Generator auf den Parkplatz geschleppt und bewacht, bis ich mein Auto vorgefahren hatte. Um den Eingang herum standen Polizeiautos, um vorzubeugen, dass Leute sich die Dinger auf dem Parkplatz unter den Nagel reißen.

heute.de: Klingt ein bisschen nach Wildwest.

Hartmann: Ja. Wobei mir kam das ein bisschen so vor, wie Einkaufen in Ostdeutschland zu DDR-Zeiten. Da hört einer, da vorne gibt es irgendwas und alle stürzen sofort hin. Das ist ganz komisch hier in einem Land, wo man sonst immer alles kaufen kann zu jeder Tages- und Nachtzeit.

heute.de: Haben Sie genug Wasser?

Hartmann: Wasser ist seit Tagen Mangelware genau wie Benzin. Aber ich habe genug gebunkert, denke ich. Die Tankstellen im Umkreis hatten schon vor Tagen kein Benzin mehr und haben dicht gemacht. Ich habe am Freitag eine einzige gefunden wo es noch was gab. Die Leute haben wie verrückt Benzin gehortet, um vorbereitet zu sein auf den Fall, dass man doch noch raus muss.

heute.de: Hatten Sie darüber nachgedacht zu fliehen?

Hartmann: Wir hatten am Freitag kurz überlegt, ob wir doch noch abhauen sollen. Weil sich plötzlich die Prognose änderte und der Sturm eher in unsere Richtung drehte. Aber wo soll man hinfahren? Eigentlich wäre nur Kentucky, Nashville, Tennessee gegangen, das sind normalerweise zehn Stunden Fahrt, aber sämtliche Ausfallstrassen nach Norden waren am Freitag dicht. Das hätte Tage gedauert. Außerdem haben wir Haustiere, drei Hunde, einen Kater und ein Kaninchen. Das wäre bei uns mit vier Kindern gar nicht gegangen. Und die Tiere hierzulassen wäre nicht in Frage gekommen.

heute.de: Wie haben Sie das Haus abgesichert?

Hartmann: Unser Haus ist größtenteils aus Beton, insofern ist das schon eines der sichersten Häuser. Bei mir in der Nachbarschaft gibt es jede Menge Gebäude, da bläst du einmal dagegen, da fliegen die durch die Luft. Ich habe Folien gekauft und ein Schnellnagelgerät. Wenn irgendwo ein Fenster kaputt geht, nagele ich eine Plane davor. Wir haben keine Sandsäcke besorgt, weil unser Haus auf einem Hügel liegt. Und wir haben unsere Fenster auch nicht mit Sperrholz vernagelt. Das geht nicht, weil wir durch den Beton bohren müssten. Während des Sturms kann man sich nur in sein sicheres Zimmer verkriechen und das beste hoffen. Und danach dann halt gucken, was kaputt gegangen ist.

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