"Wir Kurden sind zutiefst verzweifelt"

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Vorfall vor UNHCR in Genf - "Wir Kurden sind zutiefst verzweifelt"

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Ein in Essen lebender Kurde hat sich in Genf vor einem UN-Gebäude angezündet. Sein Bruder erklärt: "Er hat es aus Protest gemacht."

Archiv: UNHCR Gebäude in Genf
UNHCR-Gebäude in Genf (Archivbild).
Quelle: Imago

Am Mittwochmorgen störte ein Vorfall vor dem UN-Flüchtlingskommissariat die Genfer Herbstruhe – und sorgte weltweit für Betroffenheit: Gegen 7:40 Uhr übergoss sich ein kurdischer Flüchtling aus Syrien, der in Essen lebt, vor dem Gebäude, in dem sich der UNHCR für die Rechte von Flüchtlingen einsetzt - und der das militärische Vorgehen der Türkei in der Kurdenregion scharf kritisiert.

Laut UNHCR zündete sich der 32-Jährige danach an und versuchte, in das Gebäude zu gelangen. UN-Sicherheitskräfte seien ihm zur Hilfe geeilt und hätten die Flammen gelöscht. "Sie haben ihm das Leben gerettet", sagte ein UNHCR-Sprecher. Der Betroffene wurde in die Universitätsklinik Lausanne geflogen.

Von den Schreien des Bruders geweckt

An der Uniklinik in Lausanne betet die Familie um das Überleben des schwerverletzten Kurden, und um seine Gesundheit. heute.de erreicht Mohamed telefonisch, er ist einer der Brüder des Kurden. "Wir sind morgens von Schreien und dem Martinshorn aufgeweckt worden. Dann haben wir gemerkt, dass unser Bruder weg war", sagt Mohamed. Der UNHCR-Hauptsitz befinde sich etwa 100 Meter von der Wohnung entfernt, wo die Familie übernachtet habe.

Über den Gesundheitszustand seines Bruders könne er nichts sagen, sagt Mohamed. "Wir wissen es nicht. Er ist im Koma. Es kann sein, dass wir erst in ein bis zwei Monaten mit ihm sprechen können." Bei der Familie handelt es sich um eine kurdische Familie aus Al-Hasaka im Nordosten Syriens – also jener Region, über die schon am ersten Tag der türkischen Operation Luftangriffe geflogen wurden.

Insgesamt habe die Familie sechs Söhne – davon seien zwei in Syrien, zwei in der Schweiz und zwei in Deutschland, erzählt Mohamed. Sein Bruder, der nun auf der Intensivstation ist, lebe seit ein paar Jahren in Essen mit seiner Frau und zwei Kindern. "Wir Kurden sind zutiefst verzweifelt. Die Amerikaner haben uns belogen. Acht Jahre lang haben wir gegen den IS gekämpft – und jetzt lassen uns alle hängen", sagt Mohamed.

"Er war eigentlich wie immer"

Am Samstagabend sei er mit seinem Bruder in die Schweiz gefahren, um die zwei anderen Geschwister zu treffen. Sein Bruder habe sich nicht auffällig verhalten. "Er war eigentlich wie immer, nur sehr besorgt über die politische Situation. Wir haben Angst um unsere Familie und unsere Freunde. Sie sind in Lebensgefahr." Mohamed hat keinen Zweifel, dass der Suizidversuch seines Bruders politisch motiviert sei: "Es war eine Verzweiflungstat."

Das war ein Hilferuf, dass die UNO jetzt endlich für die Kurden handeln muss.
Ibrahim Halil Gügük, Schweizerischer Kurdischer Kulturverein

Ähnlich sieht das auch die kurdische Gemeinschaft, die auf die Tat schockiert reagierte. "Das war ein Hilferuf, dass die UNO jetzt endlich für die Kurden handeln muss", sagte etwa Ibrahim Halil Gügük, Vertreter eines Schweizerischen Kurdischen Kulturvereins. "Wir erwarten, dass die UNO ihre Macht als Hüterin des Friedens ausübt."

Hoffen und bangen

Wie es nun weitergeht? "Ich weiß es nicht", sagt Mohamed. "Ich bin eigentlich nur am Heulen." Was er sich von der Politik wünscht? "Ich kann gerade nur an meinen Bruder denken. Zu etwas anderem bin ich nicht in der Lage." Später fügt Mohamed hinzu: "Ich bin froh, dass ich in Deutschland sein kann. Ich arbeite in Marburg als Friseur, mir gefällt es hier." An eine Rückkehr nach Syrien sei nicht zu denken. "Ich hoffe, dass meine Mutter und meine Brüder in Syrien die Kämpfe überleben werden."

Dem Autor auf Twitter folgen: @raphael_rauch

Seit die Türkei ihre Offensive in Nordsyrien gestartet hat, sind mehr als 170.000 Menschen auf der Flucht. Welche Situation herrscht aktuell in der Krisenregion?

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