Vorlesen und Film halten Klassiker lebendig

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Kinderbücher - Vorlesen und Film halten Klassiker lebendig

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In Deutschland wird Kinderliteratur weniger wertgeschätzt als etwa in England. Warum Einiges aber auch hier seit Jahrzehnten gelesen wird, erklärt Experte Hans-Heino Ewers.

Mädchen liest 'Räuber Hotzenplotz' von Otfried Preussler
Mädchen liest 'Räuber Hotzenplotz' von Otfried Preussler
Quelle: dpa

heute.de: Warum sind Kinderbücher wie "Der Räuber Hotzenplotz", "Die kleine Hexe" oder "Jim Knopf" nach wie vor so beliebt?

Klassiker werden als Kinderschauspiel, Puppenspiel, Film oder Fernsehserie an die Zielgruppe vermittelt.
Hans-Heino Ewers

Hans-Heino Ewers: Die Klassiker spielen im Verhältnis der Generationen eine große Rolle. Heute lesen nicht nur Eltern ihren Kindern vor, sondern mehr noch Großeltern ihren Enkeln. Viele davon sind vermutlich mit Astrid Lindgren und Otfried Preußler groß geworden. Sie vermitteln Bücher, die sie selbst gelesen haben. Auch Mediatisierungen spielen eine Rolle: Klassiker werden als Kinderschauspiel, Puppenspiel, Film oder Fernsehserie an die Zielgruppe vermittelt. Das trägt stark dazu bei, dass diese Literatur lebendig bleibt.

heute.de: Und inhaltlich betrachtet? 

Die Bücher werden noch oft verschenkt, aber Schenkliteratur wird häufig gar nicht gelesen.
Hans-Heino Ewers

Ewers: Eine zum Klassiker gewordene Kindererzählung ist in der Regel zeitübergreifend. Deshalb sind die sogenannten Longseller mehrheitlich fantastische und märchenhafte Literatur. "Der kleine Hobbit" oder "Der Herr der Ringe" sind mit ihrer Symbolik zeitlos, während realistische Texte zeitgebundener sind und damit ein historisches Interesse voraussetzen. Wir rätseln zum Beispiel, ob die Kinderromane von Erich Kästner noch von Kindern gelesen werden. Das ist realistische Literatur, die in der Weimarer Republik und der frühen Nachkriegszeit spielt. Die Bücher werden noch oft verschenkt, aber Schenkliteratur wird häufig gar nicht gelesen. Der Kästner-Ton, so schön er auch ist, wird von Kindern heute möglicherweise als extrem onkelhaft angesehen.

heute.de: Sind über Jahrzehnte beliebte Kinderbücher automatisch gute?

Hans-Heino Ewers
Hans-Heino Ewers leitete bis 2014 das Institut für Jugendbuchforschung der Goethe-Universität Frankfurt/Main. 2018 erschien sein Buch "Michael Ende neu entdecken" (Kröner-Verlag).
Quelle: Hans-Heino Ewers

Ewers: Nein, die Texte haben sehr unterschiedliche Qualität. "Alice im Wunderland" ist ein hochliterarischer Text, "Pinocchio" ist sehr philosophisch, und "Die unendliche Geschichte" halte ich für eines der schwersten Bücher der deutschen Literatur. Zu den Longsellern gehören aber auch triviale Texte. Manche Mädchenbuchserien sind voller Rollenstereotype. Auch unter den Abenteuerromanen sind noch Texte auf dem Markt, die kolonialistische Strukturen oder rassistische Elemente enthalten.

heute.de: Lesen Kinder überhaupt viele Klassiker? Auch "Harry Potter", Cornelia Funkes "Tintenwelt", "Die wilden Kerle" und etliche andere Reihen sind ja extrem beliebt.

Ewers: Die Klassiker nehmen im Gesamtspektrum der Kinder- und Jugendliteratur einen begrenzten Raum ein. Ihre Wahrnehmung ist auf Seiten der Erwachsenen größer als bei Kindern und Jugendlichen. Diese lesen ein Buch, weil es spannend ist. Für Verlage haben Klassiker und aufwendige Neueditionen zudem einen kulturellen Imagewert. Ob das die großen Verkaufsrenner sind, ist eine andere Frage.

heute.de: Im Kino laufen Klassiker oft gut: "Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer" sahen bisher knapp 1,8 Millionen Menschen, "Die kleine Hexe" mehr als 1,5 Millionen.

Viele Kinder begreifen noch gar nicht, welche hintergründigen Botschaften in "Jim Knopf" stecken. Es ist eine Auseinandersetzung mit dem nationalsozialistischen Erziehungssystem.
Hans-Heino Ewers

Ewers: Die Verfilmung von "Jim Knopf" ist grandios und außerordentlich anspruchsvoll - auch wenn die Botschaft aus dem Jahr 1960 eine andere ist, und ich viele Umdeutungen für problematisch halte. Viele Kinder begreifen noch gar nicht, welche hintergründigen Botschaften in "Jim Knopf" stecken. Es ist eine Auseinandersetzung mit dem nationalsozialistischen Erziehungssystem, Michael Ende befasst sich mit der eigenen Schulzeit im sogenannten Dritten Reich. Da ist etwa die Drachenstadt mit Frau Mahlzahn, an deren Zugang es heißt: Zutritt nur für reinrassige Drachen.

heute.de: Dass die Grenzen zwischen Kinder- und Erwachsenenliteratur verschwimmen, ist also kein neues Phänomen?

Ewers: Schon Michael Ende (1929-1995) und Otfried Preußler (1923-2013) waren der Auffassung, dass Literatur für Kinder ebenso gehaltvoll sein müsse wie für Erwachsene. Und das kennzeichnet in meinen Augen die anspruchsvollen Autorinnen und Autoren auf diesem Gebiet. In Deutschland ist die Wertschätzung von Kinderbüchern aber geringer und deren nachträgliche Lektüre durch Erwachsene seltener als etwa in England. "Pu der Bär" wird dort von vielen Erwachsenen gelesen. Die amüsieren sich dann darüber, was sie als Kinder alles nicht realisiert haben.

Das Interview führte Nadine Emmerich.

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