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Vorsichtige Wende

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Katholische Bischofskonferenz - Vorsichtige Wende

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Themen wie Macht, Zölibat, Sexualmoral und sexueller Missbrauch standen im Mittelpunkt der Beratungen der Deutschen Bischofskonferenz in Lingen. Viele fordern Veränderungen.

Teilnehmer der Bischofskonferenz am 11.03.2019 in Lingen
Auf der Bischofskonferenz in Lingen ringen die Geistlichen um Veränderungen in der katholischen Kirche.
Quelle: dpa

"Die katholische Kirche in Deutschland hat jeglichen Kredit verloren!" Hinter verschlossenen Türen wurde in Lingen bei der Frühjahrsvollversammlung der Bischofskonferenz Tacheles geredet. Themen, die bis vor wenigen Jahren Tabu waren, standen auf der Tagesordnung. Der Mainzer Theologe Philipp Müller forderte die Bischöfe auf, ernsthaft über die Weihe bewährter verheirateter Männer, so genannte "viri probati", zu Priestern nachzudenken. Der Freiburger Moraltheologe Eberhard Schockenhoff sprach von "notwendigen Korrekturen" der lehramtlichen Sexualethik.

Das schließt künstliche Mittel der Empfängnisverhütung ebenso ein wie die Anerkennung von Beziehungsformen "in denen Werte wie Liebe, Freundschaft, Verlässlichkeit, Treue, gegenseitiges Für-einander-Einstehen und Solidarität gelebt werden, verdienen in moralischer Hinsicht Anerkennung und Respekt – unabhängig davon, unter dem Vorzeichen welcher sexuellen Orientierung sie gelebt werden." Sprich Schockenhoff empfiehlt den Bischöfen, auch gleichgeschlechtliche Partnerschaften "vorbehaltlos anzuerkennen".

Offene Diskussion ohne Ergebnis

Katholische Bischöfe unter Druck
Missbrauchsbeauftragter Ackermann informierte über das weitere Vorgehen der Bischöfe.
Quelle: DPA

Die Positionen der Wissenschaftler sind nicht neu. Neu ist allerdings, dass in der Bischofskonferenz offen und ohne Polemik darüber diskutiert wird. Das betrifft auch andere Themen wie die stärkere Partizipation von Laien bei Entscheidungen. Mehrere Bischöfe wollen die "closed shop"-Beratungen der Bischofskonferenz beenden. "Wir können nicht länger über den Kopf der Gläubigen hinweg Entscheidungen treffen, die alle angehen," ist vermehrt zu hören.
Unklar ist, wie diese Beteiligung konkret erreicht werden kann und ob die Idee eine Mehrheit bei den Bischöfen finden wird. Beim Studientag zu "Macht, Zölibat und Sexualmoral" waren schon einmal Gäste geladen, darunter der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, Thomas Sternberg, eine Vertreterin der Orden und eine evangelische Theologin.
Konkrete Ergebnisse gab es allerdings zu den genannten Themen am Ende nicht. Das gilt auch für das weitere Vorgehen beim Missbrauch. Zwar informierte der zuständige Bischof Stephan Ackermann am Rande der Konferenz darüber, was die Bischöfe nach der großen Missbrauchsstudie vom Herbst 2018 weiter zu tun gedenken. Doch gibt es nach wie vor keinen konkreten Aktionsplan.

Gericht soll Prozesse beschleunigen

Immerhin ist nun offiziell, dass die Bischöfe zusammen mit dem Beauftragten der Bundesregierung für sexuellen Missbrauch, Johannes-Wilhelm Rörig, an einem Konzept für eine unabhängige Aufarbeitung arbeiten wollen. Außerdem werden die Bischöfe ihr Verfahren überprüfen, nach dem Betroffene Geldzahlungen in "Anerkennung zugefügten Leids" bekommen. Im Schnitt wurden hier bisher rund 5.000 Euro gezahlt. Die Opfer fordern seit langer Zeit umfangreichere Entschädigungen.

Konkreter wurde es bei den internen Maßnahmen zur Aufarbeitung des Missbrauchs. Hier soll es ein Gericht auf nationaler Ebene geben, um die kirchlichen Prozesse zu beschleunigen und nicht, wie bisher der Fall, lange auf Entscheidungen des Vatikans warten zu müssen. Auch wollen die Bischöfe eine Verwaltungsgerichtsbarkeit schaffen, die es auch Laien ermöglichen soll, bei Beschwerden gegenüber Priestern oder Bischöfe transparente Verfahren anzustrengen. Bischof Ackermann betonte, dass die staatlichen Strafverfolgungsbehörden mit Einführung der bischöflichen Leitlinien 2010 in Verdachtsfällen immer zu informieren ist und dass das kirchliche Verfahren solange ruht, bis die weltlichen Behörden zu einem Urteil gekommen sind oder das Verfahren etwa wegen Verjährung eingestellt wurde.

Bischöfe mit dem Rücken zur Wand

Teilnehmer der Bischofskonferenz am 11.03.2019 in Lingen
Der Druck auf die Bischöfe, Veränderungen einzuleiten, wächst.
Quelle: dpa

Um aus der Glaubwürdigkeitskrise herauszukommen, wollen die Bischöfe einen "verbindlichen synodalen Prozess" starten zu den Themen Macht, Zölibat und Sexualmoral. Die überwiegende Mehrheit der Bischöfe sei sich einig, dass es bei allen drei Themen Veränderungen der kirchlichen Position geben müsse. Wie der Beratungsprozess genau aussieht, soll jetzt möglichst schnell mit den katholischen Laien abgesprochen werden. Da es ein gemeinsamer Weg werden soll, könnten die Bischöfe nicht alleine den Zeitrahmen und die Teilnehmer festlegen, so Marx. ZdK-Präsident Sternberg habe bereits seine Bereitschaft für den gemeinsamen Weg signalisiert.

Die Vollversammlung von Lingen könnte zu einem Wendepunkt für die katholische Kirche in Deutschland werden. Kardinal Marx selbst sprach von einer "Zäsur". Ein anderer Bischof bemühte das Bild vom Fall der Berliner Mauer und den damit verbundenen politischen Umwälzungen. Er sieht die Kirche vor eben solchen grundlegenden Veränderungen. Der Weg, den die Bischöfe jetzt einschlagen, ist nicht ohne Risiko. Dessen sind sie sich bewusst. Aber im Plenum wurde auch klar, dass sie keine Alternative haben. Jahrzehntelang haben sie sich dem Gespräch über die heißen Eisen verweigert. Jetzt stehen sie mit dem Rücken zur Wand.

Die Diskussion über den Zölibat, die kirchliche Sexualmoral und die Partizipation der Laien, wozu auch die Frauenfrage gehört, ist offiziell eröffnet. Die meisten Argumente liegen bereits auf dem Tisch. Daher wird die Debatte nicht unendlich gehen können, wenn die Bischöfe wieder "Kredit" gewinnen wollen bei den eigenen Gläubigen und in der Gesellschaft.

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