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Martin Schulz - Vorsitzender auf Abruf

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Er bringt seine gesamte Autorität ein. Er wirbt mit aller Kraft für die GroKo. Doch am Ende folgen Martin Schulz nur 56 Prozent der eigenen Delegierten. Was für eine Niederlage.

Martin Schulz auf dem SPD-Sonderparteitag
Martin Schulz auf dem SPD-Sonderparteitag Quelle: dpa

An diesem Sonntag hängt die politische Zukunft von Martin Schulz kurz am seidenen Faden. Der SPD-Parteitag stimmt über die Aufnahme von Koalitionsgesprächen mit der Union ab. Doch das Votum per Handzeichen ist nicht eindeutig. Es sieht nach einem knappen Ja für die Große Koalition aus. Aber sicher ist sich niemand im Saal. Auch viele Hände der GroKo-Gegner gehen nach oben. Sehr viele. So viele, dass es am Ende nicht reicht für eine neue Große Koalition? Schulz' Miene verfinstert sich. Es ist das Gesicht eines Gescheiterten.

Dann das Ergebnis. 56 Prozent für Koalitionsverhandlungen. Gerade einmal 56 Prozent. Niemand jubelt. Nicht einmal Schulz. Denn er weiß: Dieser Sieg ist eine Niederlage. Angesichts des massiven Werbens und des Drucks, den Schulz heute auf die Delegierten aufbaut, sind 56 Prozent eine Blamage. Schulz baut sogar Schreckensszenarien in Richtung GroKo-Gegner auf. Sagt, dass es jetzt entweder eine GroKo gebe oder eben Neuwahlen. "Ich glaube nicht, dass Neuwahlen für uns der richtige Weg sind."

Atemberaubende Kehrtwende kostet Schulz Glaubwürdigkeit

Das ist eine atemberaubende Kehrtwende. Noch am Tag nach dem Scheitern der Jamaika-Sondierungen führt Schulz einen Vorstandsbeschluss herbei. "Wir stehen angesichts des Wahlergebnisses vom 24. September für den Eintritt in eine Große Koalition nicht zur Verfügung", heißt es am 20. November 2017. Und weiter: "Wir scheuen Neuwahlen unverändert nicht." Das ist das Gegenteil dessen, was Schulz heute sagt. Schulz verspielt damit seine Glaubwürdigkeit - auch in den eigenen Reihen. Und die 56 Prozent beweisen genau das.

Diese Kehrtwende heute ist eine zu viel. Eine beachtliche Anzahl Delegierter will sie nicht mittragen. Gegen die GroKo stellen sich vor allem diejenigen, die in Martin Schulz einen Erneuerer gesehen hatten. Die ihm nach seiner Nominierung zum SPD-Kanzlerkandidaten Anfang vergangenen Jahres zugetraut hatten, die SPD wieder von der Union, Angela Merkel und der Großen Koalition zu befreien. Ein Großteil des sogenannten Schulz-Hypes war dieser Hoffnung geschuldet.

Schulz kann SPD nicht erneuern

Diese Anhänger enttäuscht Schulz mit dem heutigen Tag endgültig. Schon bei seiner einstündigen Rede wirkt er spröde-pragmatisch. Eigentlich muss er nur noch sagen, dass eine Große Koalition alternativlos sei. Der Applaus für ihn ist dürftig, müde, höchstens freundlich. Die Gegner einer neuen Großen Koalition kämpfen leidenschaftlich, Schulz wirkt lethargisch. Lethargie aber ist das Gegenteil dessen, was jetzt von einem SPD-Vorsitzenden erwartet wird.

Die SPD-Mitglieder wünschen sich eine Erneuerung der eigenen Partei. Ein lethargischer Vorsitzender wird das aber nicht glaubwürdig umsetzen können. Mehr noch: Bereits am Montag beginnen die Koalitionsgespräche von Union und SPD. Am Ende wird die SPD Angela Merkel wieder einmal zur Kanzlerin wählen. Merkel steuert dann auf 16 Jahre Kanzlerschaft zu. Erneuerung? Wo ist das eine Erneuerung? Schulz wird den eigenen Anspruch damit nicht erfüllen können. Und eine beachtliche Zahl von SPD-Delegierten hat ihm das heute auch gesagt. Schulz ist ein geschwächter Vorsitzender. Ein Vorsitzender auf Abruf.

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