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Jahrespressekonferenz - Volkswagen: Krise? Welche Krise?

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Noch nie hat Volkswagen so viel verdient wie im vergangenen Jahr, trotz "Dieselgate". Elf Milliarden Euro Gewinn wird der Konzern ausweisen - genug, um die Zukunft zu gestalten?

Trotz Dieselskandals: Bei VW brummt das Geschäft.

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Welche Krise? Legt man das jüngste Betriebsergebnis von Volkswagen zugrunde, dann gab es gar keine. Dann war "Dieselgate" nur viel heiße Luft zwischen Wolfsburg und Kalifornien, während die Musik eigentlich woanders spielt. Vornehmlich in China, wo der größte Autobauer weltweit die meisten Milliarden verdient.

Den Managern in Wolfsburg hat man immer wieder mal vorgeworfen, die Bodenhaftung zu verlieren. Tatsächlich schweben sie betriebswirtschaftlich gerade mal wieder in lichten Höhen. Kein Wunder, dass der Konzern die Zukunftsmusik mit Lufttaxis komponiert - VWs, die im Stau einfach von der Straße abheben könnten. "Das Auto erobert die Luft", so beschrieb Volkswagenchef Matthias Müller auf dem Autosalon in Genf letzte Woche den geplanten Aufbruch in die nächste Dimension.

Müller wird sich trotzdem ärgern

Trotzdem wird der Vorstandsvorsitzende Matthias Müller sich möglicherweise darüber ärgern, bei einem Unternehmen mit öffentlicher Beteiligung zu arbeiten, da dies für das eine oder andere Bleigewicht im Alltag sorgt. Nicht zuletzt auf Druck der Vertreter des Landes Niedersachsen im Volkswagen-Aufsichtsrat wurden die Vergütungsregeln nach dem Dieselskandal angepasst und eine Höchstgrenze eingezogen. Was auch immer unter dem Strich in der Bilanz steht - Müller wird für das Jahr 2017 mit maximal zehn Millionen Euro plus Altersversorgung nach Hause gehen. Chefs anderer global agierender, erfolgreicher Unternehmen kassieren viel bis sehr viel mehr.

Nun könnte man argumentieren, dass die jahrelange betrügerische Praxis beim Diesel schon mit moralischer Gesamthaftung und ein bisschen reuigem Gehaltsabschlag bezahlt werden darf. Deshalb hat sich die Unternehmensführung auch auf die Neuregelung eingelassen, die für alle noch laufenden Verträge freiwillig ist. Bei "normalen" Vorstandsmitgliedern liegt die in diesem Jahr zum ersten Mal greifende Deckelung bei 5,5 Millionen Euro. Volkswagen verdient sein Geld schließlich weiter, während viele deutsche und europäische Kunden ohne Entschädigung oder Hardware-Nachrüstung ihren Verlust verarbeiten müssen. Den Besitzern dreckiger Diesel drohen Fahrverbote - und verkaufen lässt sich ein Messwert-Stinker auch nicht mehr ordentlich. 

Infografik: Automobil - Absatz von Volkswagen zwischen 2006 und 2017
Automobil-Absatz von Volkswagen 2006 bis 2017 Quelle: Volkswagen

Daheim schwächeln die Verkaufszahlen

Natürlich hat der Dieselskandal am Ruf der deutschen Hausmarke VW gekratzt. Vor allem daheim gehen die Verkaufszahlen allgemein zurück, der deutsche Kunde verliert sein Vertrauen. Außereuropäisch haben Diesel-Pkw wenig Relevanz. So eierte auch Volkswagenchef Müller Monate zwischen Hochlebenlassen und verklausulierten Absagen an den Diesel hin und her. Die ganz neuen, nun aber wirklich garantiert sauberen Dieselfahrzeuge werden gebraucht, um in der europäischen CO2-Bilanz nicht über das Ziel hinauszuschießen. Weltweit allerdings entscheidet sich die Gretchenfrage der Automobilindustrie bei E-Mobilität und Digitalisierung.

Wer dort die Pole Position einnimmt, wird auch in Zukunft das Rennen machen. Im Gespräch mit dem ZDF am Rande des Genfer Automobilsalons gesteht Matthias Müller ein, dass die Dieselkrise 2015 im chinesischen Sinne - das chinesische Schriftzeichen für "Krise" trägt zwei Bedeutungen: "Gefahr" und "Chance" - vielleicht sogar ihr Gutes hatte: Volkswagen, das sich bis dato recht arrogant auf den Erfolg bewährter deutscher Ingenieurskunst verließ, wurde bis ins Mark durchgeschüttelt. Die Schnelligkeit des Wandels in der Mobilitätsindustrie hatte man damals, vor drei Jahren, womöglich noch unterschätzt. Die Krise war ein Weckruf. Seitdem strengt sich Volkswagen an, auch bei den neuen Technologien ganz vorne mitzufahren.

Auf dem Weg in die Zukunft wird Geld verbrannt

Studie des IDVizzion
Studie des "IDVizzion" auf dem Automobilsalon in Genf Quelle: reuters

Batterie oder Brennstoffzelle? Das Auto als Ding oder als sich verändernde Dienstleistung aus Stahl und digital? Alles ist im Fluss, und alles braucht schon eine Erzählung, bevor die Produkte dafür auf dem Markt sind. Volkswagen investiert dafür an jeder Front. Immer allerdings mit Blick auf China: Die Volksrepublik mit ihrer klar definierten E-Mobilitätspolitik ist Trendsetter für die internationale Autoindustrie - und aus Wolfsburg schaut man mit Argusaugen auf die neuen Verbindungen, die Daimler gerade mit den großen chinesischen Playern im derzeit wichtigsten Automarkt der Welt eingegangen ist.

Volkswagen hat trotz der milliardenschweren Dieselstrafe in den USA eine respektabel gefüllte Kriegskasse und weiß, dass für die Fortbewegung der Zukunft auch noch eine Menge Geld verbrannt werden wird. Obwohl wir uns schon 2022 vom "IDVizzion" wie in einem Wohnzimmer steuerlos durch die Landschaft fahren lassen sollen. Der VW-Vizzion ist eine der Studien, die Fans und Fachleuten gerade in Genf präsentiert wurden.

Eine Krise ist in der Bilanz nicht zu finden

In der Realität warten allerdings noch ein paar juristische Stolperfallen, bevor die schöne neue Autowelt uns so richtig überzeugen und digital einlullen darf (der "IDVizzion" soll die Stimmung seiner Passagiere erkennen können ...): Ab September wird in Braunschweig über die Musterklage gegen Volkswagen verhandelt, mit der Anleger Schadensersatz für den durch den Dieselskandal abgestürzten Aktienkurs verlangen. Der Konzern hat jüngst über 600 Seiten Klageerwiderung vorgelegt und ist sich sicher, das Verfahren zu seinen Gunsten entscheiden zu können.

Sonst würden im schlimmsten Fall noch einmal neun Milliarden Diesel-Wiedergutmachung fällig. Zieht man diese Summe - Rückstellungen hat Volkswagen ja auch, dies hier ist also eine Milchmädchenrechnung -  zum Spaß vom Gewinn 2017 ab, dann blieben immer noch zwei Milliarden übrig, inklusive aller Boni für die Manager und wieder gestiegener Sonderzahlung für VW-Mitarbeiter am Band. Über welche Krise redeten wir? In der aktuellen Bilanz ist keine mehr zu finden.

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