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Lira im freien Fall - Türkei-Krise würde ganz Europa belasten

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Der Lira-Verfall macht die Finanzmärkte nervös. Die EU ist wirtschaftlich eng verflochten mit der Türkei, eine mögliche Rezession des Landes wäre eine Belastung für ganz Europa.

Ein Mann einer Wechselstube in Istanbul, aufgenommen am 10.08.2018
Wechselstube in Istanbul: Rasanter Verfall der Lira
Quelle: dpa

An den Finanzmärkten wächst die Furcht vor den Folgen der Wirtschaftsturbulenzen in der Türkei. DAX und EuroStoxx50 fielen am Freitag um jeweils zwei Prozent, der Leitindex der Istanbuler Börse verlor ähnlich stark. An der Wall Street gab der US-Standardwerteindex Dow Jones 0,6 Prozent nach.

Lira in freiem Fall

Die türkische Währung Lira hat seit Jahresbeginn um fast die Hälfte an Wert verloren und fällt von einem Rekordtief auf das nächste. Zum Wochenschluss büßte sie zeitweise 18,5 Prozent zum Dollar ein - das war der stärkste Tagesverlust seit Anfang 2001. Gleiches galt für den Euro, der gut 18 Prozent gewann und mit 7,5792 Lira ebenfalls so viel kostete wie noch nie. Auch Aktien und Anleihen fliegen seit Tagen im hohen Bogen aus den Depots internationaler Investoren.

Zudem spitzte sich der Streit zwischen Washington und Ankara über den in der Türkei festgehaltenen US-Pastor Andrew Brunson zu. US-Präsident Donald Trump verdoppelte die Stahlzölle auf 50 Prozent und die Aluminium-Abgaben auf 20 Prozent.

Rezession in Türkei "gut möglich"

Die Krise in der Türkei könnte europäische Banken in die Bredouille bringen, berichtet ZDF-Börsenexpertin Valerie Haller. Allein deutsche Institute haben dem Land 21 Milliarden Euro geliehen, südeuropäische Banken noch viel mehr. Zahlungsausfälle könnten Löcher in die Bilanzen der Banken reißen. Die Europäische Bankenaufsicht habe das im Blick, halte die Lage aber noch nicht für kritisch.

An den Börsen spiele man jedoch schon das Szenario einer türkischen Staatspleite durch, so Haller. "Das ist vielleicht übertrieben, aber eine Rezession ist schon gut möglich." Zwischen der EU und der Türkei bestehen enge Wirtschaftsbeziehungen - "eine Krise des Landes wäre eine Belastung für ganz Europa".

Experten machen Erdogan für Turbulenzen verantwortlich

Experten machen die Politik von Präsident Recep Tayyip Erdogan für die Turbulenzen verantwortlich. "Der Grund, warum die Währung entgleist ist, ist, dass das Vertrauen in die Wirtschaftspolitik sowohl im In- als auch im Ausland verschwunden ist", sagte Seyfettin Gursel, Wirtschaftswissenschaftler und Professor an der Bahcesehir Universität in Istanbul.

Auch Stefan Bielmeier, Chef-Volkswirt der DZ-Bank, sieht die Ursachen vor allem in Erdogans Kurs: "Eine Zentralbank, die trotz einer ausufernden Inflationsrate nicht aktiv wird und deren Unabhängigkeit mehr als fraglich ist, sowie ein türkischer Präsident, der zweifelhafte ökonomische Thesen vertritt, vor ausländischen Verschwörern warnt und außenpolitisch auf Konfrontationskurs mit den USA geht."

Erdogan: Turbulenzen künstlich herbeigeführt

Der türkische Wirtschaftsminister Berat Albayrak betonte, die Regierung werde noch stärker auf Haushaltsdisziplin achten und ein Hauptaugenmerk auf Strukturreformen legen. "Es ist ein zarter Ansatz, die Krise in den Griff zu bekommen", urteilte Folker Hellmeyer, Chef-Analyst des Vermögensverwalters Solvecon-Invest. "Die entscheidenden Worte müssen aber von Erdogan kommen."

Staatspräsident Erdogan nannte die aktuellen Kursturbulenzen als künstlich herbeigeführt und rief sein Land zur Geschlossenheit auf. "Wir werden den Wirtschaftskrieg gewinnen", sagte Erdogan er dem staatlichen Sender TRT Haber zufolge. Türken sollten Dollar, Euro und Gold in die Landeswährung Lira tauschen. An den Finanzmärkten konnte er damit die panische Stimmung aber nicht beruhigen.

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