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Analyse der Wahlnacht - Die Überraschung blieb aus

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Großbritannien hat gewählt. Johnsons Konservative haben die absolute Mehrheit erreicht. Das Wahlergebnis könnte für das Königreich gleich doppelt historisch werden.

Boris Johnson hat seinen Wahlkreis gewonnen.
Boris Johnson hat in seinem Wahlkreis gewonnen - und scheint auch sonst zufrieden mit den Wahlergebnissen.
Quelle: Reuters/Toby Melville

Im Laufe des Donnerstags hatte es zunächst nach einer möglichen Überraschung ausgesehen: Ungewöhnlich lange Schlangen in den Wahllokalen, darunter viele junge Briten, die eher die Labour-Partei wählen. Die Konservativen schienen unruhig zu werden, schickten E-Mails, in denen von einer hohen "Labour-Wahlbeteiligung" die Rede war, mit der Bitte, den Premierminister und seine Partei zu unterstützen. Doch die Überraschung blieb aus: Nach Auszählung der meisten Wahlkreise haben die Konservativen die absolute Mehrheit erreicht - mindestens 326 Sitze.

Erdbeben bleibt aus

Das "Youth Quake", von dem oft die Rede war, war dann doch kein Erdbeben, sondern eher ein kleines Rütteln. Die jungen Menschen haben die Agenda beeinflusst - im Wahlkampf gingen die Parteien vermehrt auf Themen ein, die junge Briten beschäftigen, so zum Beispiel Studiengebühren, das Gesundheitssystem oder den Wohnungsmarkt. Doch einen spürbaren Einfluss auf die Wahlergebnisse hatten sie dann doch nicht - diese blieben eher den Umfragewerten treu.

Die Mehrheit der jungen Briten unterstützen die Labour-Partei und Labour-Chef Jeremy Corbyn. Bei Wahlkampfveranstaltungen wurde er stets mit Jubelrufen empfangen. Für viele junge Briten ist er eine Art Hoffnungsträger im aktuellen politischen Klima. In der nächsten Wahl müssen sie nun ohne diesen Hoffnungsträger auskommen, denn Corbyn kündigte in einer Rede in der Wahlnacht an, er werde bei den nächsten Wahlen nicht mehr als Spitzenkandidat für die Labour-Partei antreten.

Schafft Johnson jetzt den Brexit im Januar?

Laut Nachwahlbefragung wird Premierminister Boris Johnson mit seinen Tories eine absolute Mehrheit im Unterhaus erreichen. Die Auszählung der Stimmen in den einzelnen Wahlkreisen deutet ebenfalls auf dieses Ergebnis hin. Was heißt das nun für Großbritannien?

Johnson wird das Wahlergebnis wohl als Sieg für seinen Brexit-Deal darstellen. Er war noch im Oktober mit seinem Deal im Unterhaus gescheitert, hatte dann Neuwahlen als einzigen Ausweg aus dem "Brexit-Stillstand" gesehen. Im Wahlkampf hat er versprochen, noch vor Weihnachten eine erneute Abstimmung über seinen Brexit-Deal im Unterhaus abzuhalten. So soll der EU-Austritt planmäßig am 31. Januar 2020 gelingen.

Die Abstimmung wird Johnson nun im Parlament einbringen. Ob er dabei aber Erfolg hat, bleibt - trotz neugewonnener Mehrheit - abzuwarten. Denn es besteht weiterhin die Möglichkeit, dass Brexit-Gegner aus den eigenen Reihen gegen den Deal stimmen. Das Brexit-Chaos der letzten Monaten könnte also weitergehen.

Johnsons Vermächtnis: Spaltung des Königreiches?

Das Wahlergebnis könnte neben dem Brexit noch eine weitere langfristige Auswirkung auf Großbritannien haben. Schottlands Erste Ministerin, Nicola Sturgeon, plädiert seit einiger Zeit für ein zweites Unabhängigkeitsreferendum in Schottland. In Schottland hatten die Menschen 2016 mit großer Mehrheit für den Verbleib in der EU gestimmt. Der Brexit könnte verheerende Folgen für das Land haben. Deshalb will sich Schottland vom Königreich abspalten - und dann selbst der EU beitreten.

So könnte also die Wahl doppelt historisch werden: Brexit und die Unabhängigkeit Schottlands. Johnsons Vermächtnis wäre dann nicht nur das, was er gerne hätte. Er wäre dann nicht nur der Premierminister, der den Brexit umgesetzt hat und somit Großbritannien aus der EU geführt hat, sondern er würde wohl auch dauerhaft mit dem Zerfall des Königreiches in Verbindung gebracht werden. Seine "Brexit-Wahl" als Anstoß für die schottische Unabhängigkeit.

Der Autorin auf Twitter folgen: @carolineleicht.

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